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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-03-13 · 11 (13.3.1896) · p. Seite 189

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
11 (13.3.1896)
Date
1896-03-13
Page
Seite 189 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 11. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 189. lichen Begierden rein bleibt — bestünden diese Begierden auch nur in politischem Ehrgeiz. Wir ersten Männer, welche diese Bewegung beginnen, werden schwerlich ihr ruhmvolles Ende sehen. Aber schon durch das Beginnen kommt ein männliches Glück in unser Leben. Wir pflanzen für unsere Nachkommen, so wie unsere armen Väter die Tradition für uns erhalten haben. Wir stellen nur einen Augenblick in der ewigen Dauer unseres Volkes dar. Dieser Augenblick hat Pflichten. Die Bauzeit des Judentums ist da. llnsere Väter konnten den Volksgedanken nur erhalten, und mit welcher wunderbaren Standhaftigkeit haben sie es gethan! Wir aber dürfen, können, müssen bauen. Das ergiebt sich mit Notwendigkeit aus zwei Erscheinungen: erstens aus der hohen Kultur, zweitens aus der tiefen Barbarei unserer Zeit. Ich habe dieser Behauptung absichtlich eine paradoxale Form gegeben. Unter der hohen Kultur ist zu verstehen die wunderbare Entwickelung aller technischen Hilfsmittel, durch die wir uns die Naturkräfte dienstbar gemacht haben. Unter der tiefen Barbarei ist zu verstehen der Antisemitismus. Beide Gruppen meiner Argumentation beute ich hier nur kurz an. Man kann sie, wie alles übrige, ausgeführt finden in meiner Staatsschrift. Dieses Jahrhundert hat der Welt eine köstliche Renaissance gebracht. Ein Mensch von 1795, der wiederkäme, würde die Erde nicht mehr erkennen. Das Wort „unmöglich" existiert beinahe nicht mehr für unsere Techniker. Wo wir Modernen mit unseren Hilfsmitteln erscheinen, verwandeln wir die Wüste in einen Garten. Zur Errichtung von Städten genügen uns jetzt ebensoviele Jahre, als man in früheren Epochen der Geschichte Jahrhunderte brauchte — dafür hundert Beispiele in Amerika. Die Entfernungen sind als Hindernis iiberwunden. Die Schatzkammer des modernen Geistes enthält schon unermeßliche Reichtümer, die den vorigen Menschen märchenhaft Vorkommen müßten. Jeder Tag vermehrt sie. Hunderttausend Köpfe sinnen, suchen auf allen Punkten der Erde, und was einer entdeckt hat, gehört im nächsten Augenblicke der gaugeu Welt. Nun meine ich, daß das elektrische Licht durchaus nicht erfunden wurde, damit einige Snobs ihre Salons schöner beleuchten — sondern damit wir bei seinem Scheine die Fragen der Menschheit lösen. Eine ist die Judenfrage. Die Judenfrage besteht. Es wäre thöricht, sie zu leugnen. Sie besteht überall, wo Juden in merklicher Anzahl leben. Wo sie nicht ist, da wird sie durch hinwandernde Inden eingeschleppt. Wir ziehen natürlich dahin, wo man uns nicht verfolgt; durch unser Erscheinen entsteht dann die Verfolgung. Das ist wahr, muß wahr bleiben, überall, selbst in hochentwickelten Ländern — Beweis Frankreich — solange die Judenfrage nicht politisch gelöst ist. Ich glaube den Antisemitismus, der eine vielfach komplizierte Bewegung ist, zu verstehen. Ich betrachte diese Bewegung als Jude, aber ohne Haß und Furcht. Ich glaube zu erkennen, was im Antisemitismus roher Scherz, gemeiner Brotneid, angeerbtes Vorurteil, religiöse Unduldsamkeit — aber auch was darin gerechte Notwehr ist. Wir haben überall ehrlich versucht, in der uns umgebenden Volksgemeinschaft aufzugehen und nur den Glauben unserer Väter zu bewahren. Man läßt es nicht zu. Vergebens sind wir treue und an manchen Orten sogar überschwängliche Patrioten, vergebens bringen wir dieselben Opfer an Gut und Blut wie unsere Mitbürger, vergebens bemühen wir uns, den Ruhm unserer Vaterländer in Künsten und Wissenschaften, ihren Reichtum durch Handel und Verkehr zu erhöhen. In unseren Vaterländern, in denen wir ja auch schon seit Jahrhunderten wohnen, werden wir als Fremdlinge ansgeschrieen: oft von solchen, deren Geschlechter noch nicht im Lande waren, als wir da schon seufzten, ilub wir sind trotz alledem gute Patrioten, wie es die Hugenotten waren, die man zu wandern zwang. Wenn man uns in Ruhe ließe .... Aber ich glaube, man wird uns nicht in Ruhe lassen. Der Antisemitismus wird fortbestehen und wachsen, weil seine Gründe nicht behoben, nicht behebbar sind. Die causa remota ist der im Mittelalter eingetretene Verlust unserer Assimilierbarkeit, die causa proxima unsere lleberprodnktion an mittleren Intelligenzen. Wir sind ein Volk — der Feind macht uns ohne unseren Willen dazu, wie das immer in der Geschichte so war. In der Bedrängnis stehen wir zusammen, und da entdecken wir plötzlich unsere Kraft. Ja, wir haben die Kraft, einen Staat, und zwar einen Musterstaat zu bilden. Wir haben alle menschlichen und sachlichen Mittel, die dazu nötig sind. Ich will sie jetzt nicht herzählen. Das geschieht in meiner Staatsschrift, die eine konstruktive Widerlegung aller mir bekannt gewordenen Einwendungen gegen den Plan ist. Ich habe meinen Plan schon Politikern, Theologen, Soldaten, Gelehrten, Künstlern, Technikern, Geschäftsleuten verschiedener Zweige und namentlich Finanzmännern vorgelegt. Das Ganze ist in seiner Grundform unendlich einfach, und muß es ja auch sein, wenn es von allen Menschen verstanden werden soll. Man gebe uns die Souveränität eines für unsere gerechten Volksbedürfnisse genügenden Stückes der Erdoberfläche — alles andere werden wir selbst besorgen. '• Ich erwarte bestimmt, daß jedes Wort dieses Satzes, und in jedem Worte jeder Buchstabe von Spöttern und Zweiflern zerzaust werden wird. Sie mögen es mit einiger Vorsicht thun, wenn sie selbst sich vor der Lächerlichkeit fürchten. Das Entstehen einer neuen Souveränität ist nichts Lächerliches oder Unmögliches. Wir haben es doch in unseren Tagen miterlebt bei Völkern, die nicht wie wir Mittelstands- — sondern ärmere, ungebildetere und darum schwächere Völker sind. Uns die Souveränität zu verschaffen, sind die Regierungen der vom Antisemitismus heimgesnchten Länder lebhaft interessiert. Diese Regierungen werden der Sache umso sympathischer entgegenkommen, als durch die Judenbewegung, die ich meine, keine wirtschaftlichen Krisen entstehen. Solche Krisen, die im Gefolge von Judenhetzen überall kommen müßten, würden durch Ausführung meines Entwurfes vielmehr verhindert. Ja, eine große Periode der Wohlfahrt würde in den jetzt antisemitischen Ländern beginnen. Denn ich schlage eine innere Wanderung der christlichen Staatsbürger in die langsam und planvoll evacuierten Positionen der Juden vor.

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