Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 11 (13.3.1896)
- Date
- 1896-03-13
- Page
- Seite 188 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 188. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 11. Beginn des Halbjahres kennt sie im allgemeinen weder die Zusammensetzung der einzelnen Klassen noch die Zahl der erforderlichen Klassen, und schwerlich wird es der Schule dienen, die der jüdischen Lehrkraft zu übertragende Klasse auszuwählen nicht nach den Verhältnissen des ganzen Lehrerkollegiums, sondern nach der Zahl der jüdischen Kinder in den einzelnen Klassen. Wenn nun aber einer angestellten jüdischen Lehrkraft jedes Ordinariat versagt wird, so bleibt eine Klasse überhaupt ohne Ordinarius. Die Schulen haben soviel ordentliche Lehrer als Klassen, und ein Lehrer kann mit Erfolg nicht zwei Klassen führen. Die Verhältnisse bestanden auch im Jahre 1875. Der Erlaß vom 5. Juli 1875 hat also offenbar vorausgesetzt, daß ein jüdischer ordentlicher Lehrer auch immer eine Klasse führe, und die Bestimmung Nr. 4 ändert den Erlaß in einem wesentlichen Punkte, sie sagt den Juden: beffer kommen die christlichen Kinder fort, wenn sie überhaupt der -sorge eines Klassenlehrers nicht anvertraut werden, als wenn diese Sorge einer von Euch übernimmt." Hier wird ein sehr Wesentliches übersehen oder vielmehr verkannt: Es spricht sich in der Verfügung des Provinzial- Schnlkollegiums in der That ein Mißtrauen aus, aber nicht gegen die jüdischen Lehrer, sondern gegen den Berliner Magistrat, Abteilung für Schulwesen, der es seither nicht verstanden hat, bei der Anstellung von Lehrern an den Berliner Schulen, die konfessionelle Schulen sind, und bei ihrer Verteilung an die einzelnen Schulen, sowie bei der Zuweisung der Ordinariate geziemende Rücksicht aus die vorhandene konfessionelle Mischung der Schüler zu nehmen, sondern von seinen recht unbestimmten, in der Praxis durchaus unzuverlässigen Aufklärungsideen und in der Hauptsache von recht anfechtbaren Pädagogischen Liebhabereien, die mit großer Verwaltungsbequemlichkeit auffallend gut vereinbar sind, sich hat leiten lassen. Freilich haben die jüdischen Lehrer unter diesem verdienten Mißtrauen in gewissem Grade mit zu leiden, doch die Schuld liegt nicht bei der staatlichen Behörde, sondern bei dem Berliner Magistrat. Das muß gesagt werden, laut und eindringlich gesagt werden! Der Berliner Magistrat soll wissen, daß wir angefangen haben, das Mißtrauen, das seine Schulverwaltung sich staatsseitig zugezogen hat, nach einer anderen Richtung auch zu hegen. „Europäische Redensarten" können uns nicht ferner über praktischen Antisemitismus hinwegtäuschen, und am allerwenigsten wird es gelingen, in unseren Augen der Aufsichtsinstanz die Schuld zuzuschieben, wenn der Magistrat erklärt, seine Schulverwaltung werde von der ihr gelassenen Freiheit, die Genehmigung zur Erteilung von Ordinariaten an jüdische Lehrer nachzusnchen, „kaum Gebrauch machen können." Es ist Pf licht des Magistrats, davon Gebrauch zu machen, und wenn er unter Hinweis auf Schwierigkeiten, die lediglich in dem Festhalten an schematischen Gewohnheiten begründet sind, sich dessen weigert, so werden wir überzeugt sein, daß er da nicht will, wo er nicht zu können vorgiebt. Nach der wiederholt angeführten Erklärung des Herrn Unterrichtsministers braucht sich an dem Berliner Schulwesen zu Ungunsten der jüdischen Lehrkräfte nichts zu ändern. Der Magistrat wäre im Gegenteil imstande, besser und ausgiebiger für den jüdischen Religionsunterricht in seinen Volksschulen zu sorgen — über 1100 jüdische Kommunalschüler hatten im vorigen Jahre keinen Religionsunterricht — mehr ordentliche jüdische Lehrer als bisher anzustellen und ihnen allen Ordinariate zu geben. In der Berliner Stadtverordnetenversammlung wird doch wenigstens ein Jude sein, der dieser Dinge sich sachverständig und mit dem Herzen — ohne Bezirksvereins-Redensarten — annehmen mag. Zum Schluß eine Anfrage an den Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens: In der Versammlung vom 25. v. M. erklärte der Vorsitzende dieses Vereins, er könne nicht öffentlich erzählen, was der Vorstand in der Angelegenheit der Berliner jüdischen Lehrerinnen gethan; er müsse sich auf die Versicherung beschränken, daß man nicht müßig gewesen. Wir bemerkten s. Z. dazu, „es sei Grund zu der Besorgnis vorhanden, daß hier die Wahrheit verkannt und aus Rücksicht aus eine erheuchelte Freundschaft gerade die Stelle verletzt werde, wo der Sinn für Gerechtigkeit und Billigkeit waltet." Sollte der Vorstand des genannten Vereins jetzt nicht den Zeitpunkt für gekommen halten, öffentlich über das, was er gethan, Bericht zu geben und Rechenschaft abzulegen? Die Sache ist, denken wir, zum mindesten so wichtig, wie ein Prozeß gegen irgend einen namenlosen Geschäftsantisemiten, zum mindesten so wichtig, wie Jeremiaden über irgend ein Urteil eines von den Aerzten noch nicht in Behandlung genommenen Brausewetter. M. U. Klausner. Der Iildeiilkat. Von Th. Herzl, Doktor der Rechte, Wien.*) I. In wenigen Worten soll ich meinen Entwurf vor den Lesern ausbreiten! Ich will es versuchen, obwohl ich dabei Gefahr laufe, in der Eile und Kürze mißverstanden zu werden. Der Spott der Juden wird vielleicht über diese erste unvollständige Veröffentlichung hersallen. Die böse und thörichte Selbstbespöttelung ist eine der Sklavengewohnheiten, die wir uns in Jahrhunderten der Bedrückung angeeignet haben. Ein Freier findet sich nicht lächerlich und duldet nicht, daß man über ihn lächle. So richte ich meine ersten Worte an die starken, innerlich freien Juden, sie sollen meine ersten Hörer in der Welt und hoffentlich bald meine Freunde sein. Ich bringe ihnen keinen neuen Gedanken, sondern einen uralten. Ja, es ist ein Allerweltsgedanke — und darin ist seine Kraft — alt wie unser Volk, das nie, auch nicht in den bittersten Nöten aufgehört hat, ihn zu hegen. Dieser Gedanke ist die Herstellung des Jndenstaates. Es ist merkwürdig, daß wir Juden die ganze Nacht unserer Geschichte hindurch diesen königlichen Traum träumten. Jetzt graut der Tag. Wir brauchen uns nur den Schlaf aus den Augen zu reiben, unsere rüstigen Glieder zu strecken, und wir können den Traum zur Wahrheit machen. Der diese Botschaft verkünden kommt, thut es nicht als Prophet mit abenteuerlichen Geberden, ja nicht einmal als Schwärmer. Wohl hoffe und glaube ich, daß eine wunderbare Begeisterung im Judentum aufflammen wird, aber ich will heute nur mit nüchternen Worten zur Vernunft praktischer, gebildeter und auf moderner Höhe stehender Menschen sprechen. Es wird eine spätere Aufgabe sein, die Aermeren an Geist aufzusuchen, zu belehren und hinzureißen. Diese Aufgabe kann und werde ich nicht allein erfüllen. Ich werde mich nur in Reih' und Glied beteiligen, ganz wie meine Freunde und Mitstreiter, an die zuerst mein Weckruf, mein Sammelruf ergeht. Ich sage nicht: meine Anhänger! Denn das hieße diese Bewegung zu einer persönlichen machen, und damit wäre sie von vornherein lächerlich und verächtlich. Nein, es ist eine Volksbewegung und sie wird herrlich werden, wenn sie von persön- *) Von beteiligter Seite werden wir ersucht der scharfen Kritik in der vor. Nr. die Vorschläge des Herrn Herzl in heut. Nr. folgen zu lassen, damit die Leser sich über das Herzlsche Projekt ein selbständiges Urteil bilden. Wir willfahren diesem Wunsche um so lieber, als wir eine Wiedergabe dieser Vorschläge schon einmal avisiert haben. Red.