Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 10 (6.3.1896)
- Date
- 1896-03-06
- Page
- Seite 180 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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/ Seite 180. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 10.; t heißt, daß der Zar Mittel und Wege zu finden sucht, die bestehenden Grenzen zu erweitern, und es kursieren bereits verschiedene Gerüchte von einer sicher bevorstehenden Erweiterung der Wohnrechte der Juden. Daß eine Bewegung nach dieser Richtung im Ministerium besteht, ist zweifellos, doch ist noch nichts Sicheres darüber bekannt. — Eine beispiellose Liquidation. Das weltbekannte Bankhaus I. E. Günzburg in St. Petersburg hat seine sämtlichen Gläubiger jetzt bis aus Heller und Pfennig befriedigt und hatte nicht nötig, zu dieser glänzenden Liquidation irgendwelche Besitztümer zu veräußern. Man wird sich erinnern, daß dieses Hans unter Leitung des Baron von Günzburg vor einigen Jahren während des überhandnehmenden Einflusses antisemitischer Tendenzen, welche ohne Zweifel nachteilig ans das Geschäft wirkten, seine Zahlungen eingestellt hatte. Dieses Resultat aber, bemerken die „Rowosti", steht in den Berichten über russische Liquidationen fast ohne Beispiel da. I- ($. — Rabbi F. L. Perlmann, Rabbiner in Minsk, einer der bedeutendsten Talmudgelehrten der Gegenwart, ist, 60 Jahre alt, verschieden. Seine Bedeutung läßt sich ermessen, wenn wir mitteilen, daß der Verstorbene im ganzen Reiche nicht anders als der „Gadol (Große) von Minsk" genannt wurde. Rabbi Perlmann beherrschte das ganze Gebiet der Halacha vom Talmud bis herab zu den neuesten Response« und Entscheidungen, ebenso aber auch sämtliche Midraschim und agadische Schriften. Tag und Nacht lag er diesem Studium ob. Er starb nachts 3 Uhr, und bis 2 Uhr hatte er noch über Folianten gesessen. Bei der Bestattung des Gelehrten waren 60 000 Menschen auf den Straßen, die ihm die letzte Ehre erwiesen. Hier und dort. -(Aus der Berliner Gemeindestube.) In der Sitzung der Repräsentantenversainmlung am 1. d. Mts. teilte der Vorsitzende, Herr Landsberger, mit, daß der Vorstand in die gemischte Kommission betreffend die Verhandlungen mit der Reformgemeinde die Herren Justizrat Meyer und Sanitätsrat Tr. Wiesenthal hineindeputiert habe. Vorsitzender der Kommission ist Justizrat Meyer. In die gemischte Kommission betreffend Waisenverwaltung hat der Vorstand die Herren Jacoby und Jsaac entsandt. Vorsitzender ist Herr Jacoby. In die gemischte Kommission zur Revision der Geschäftsordnung wählte die Versammlung die Herren Dr. Tiktin, Tr. Weigert und Leonhard Sachs. Außerdem erklärt sich die Versammluug einverstanden mit einem vom Rabbinat verfaßten Entwurf eines Gebets bei Beerdigung von Kindern. - (Wissenschaftliche Vorträge in Berlin.) Im israelitischen Fortbildungsverein Montefiore hielt Herr Tr. I. Riemirower einen Vortrag über die Bedeutung des Judentums und seiner Träger für die Gegenwart, der mit großem, wohlverdienten Beifall aufgenommen wurde. Ter Vortragende behandelte seinen Gegenstand aus einem anderen Gesichtspunkte als in seiner in dieser Zeitschrift vor Jahren veröffentlichten Preisarbeit. Die Berührungspunkte zwischen Judentum und moderner Kultur fand er in dem Umstande, daß sich beide als eine Mischung edelster Idealität und gesunder Realistik geben. Der Redner schloß in seinem lehrreichen und anregungsvollen Vortrag mit dem Wahlspruch Moses Montefiores „Denke und danke" — dankbar sind wir gegen unsere Vergangenheit und denken sollen wir, wie wir unsere Zukunft im Geiste des Gesamtjudentums, auch des talmudisch-rabbinischeu, zu gestalten haben. — Am 22. v. M. hielt in der Aula des Friedrich-Werderschen Gymnasiums der Historiker Dr. Franz Stern zum besten des Vereins zur Unterstützung jüdischer Gelehrter einen Vortrag über „Moses Mendelssohn und seine Zeit". So weit dieses bis zur Erschöpfung behandelte Thema es möglich machte, war der Vortrag höchst interessant. Die Wahrheit und die Dichtung, die Geschichte und die Sage des großen Lebens unseres Mendelssohn brachte der Vortragende mit historischem Ernst und jüdischer Begeisterung zum Ausdruck, so daß dem zahlreichen Publikum die alten Thatsachen in einem neuen Lichte erschienen und der Vorsitzende des Vereins sich veranlaßt fühlte, in einem geistreichen Tankworte den Referenten als Stern leuchten zu lassen. Raschkow. — (Ein jüdischer Schuldirektor!) Der Bezirksschulrat von Prag schreibt den Konkurs für die Besetzung der Direktorstelle an der Altstädter deutschen Volks- und Bürgerschule aus und stellt als Bedingung auf: die Befähigung zur Erteilung des mosaischen Religionsunterrichts. Die Mehrzahl der Kinder dieser Schule ist nämlich jüdisch, und nach einem Gesetze vom Jahre 1883 soll nur derjenige zum Schulleiter bestellt werden, der die Befähigung zur Erteilung des Religionsunterrichtes für die Mehrzahl der Schüler Nachweisen kann. Durch 10 Jahre war die Stelle unbesetzt. Run scheint man sich zur Reubesetzung doch entschlossen zu haben. An der Volksschule waren im letzten Jahre 144 Christen und 286 Juden, an der Bürgerschule 130 Christen und 162 Juden. — EinLebrstuhl für Geschichte des talmudischen und rabbinischen Judentums wurde an der Hochschule zu Paris errichtet und dem durch seine philologischen Studien allbekannter Rabbiner Herrn Israel Levi die Professur übertragen. — Große Sensation rief in jüdischen Kreisen zu Paris die Trauung eines Brautpaares in der Synagoge hervor, von welchem der Bräutigam, der Sohn einer Christin, noch nicht in das Judentum ausgenommen war. Die Sensation war um so größer, als die Oberrabbiner von Frankreich und Paris bei der Zeremonie anwesend waren. — Wie verlautet, soll die Stelle des Oberrabbiners am Tempel Emanuel in New-Kork binnen kurzem vakant werden, da Herr Dr. Gottheit sein Amt niederlegen will. Mehrere amerikanische Zeitungen berichten, daß Herr Dr. Emil G. Hirsch in Chicago, der beredte Anwalt für die Verlegung des Sabbat auf den Sonntag, mit einem Jahresgehalt von 18 000 Dollars (72000 Mk.) zur Uebernahme der Stelle berufen werden soll. — Aus Ausftralien wird derichtet: „Tie jüdische Gemeinde zu Perth ließ dem neuen Gouverneur von West- Australien eine Adresse überreichen. In seiner Erwiderung an die Deputation versicherte der Gouverneur dieselbe seiner