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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-03-06 · 10 (6.3.1896) · p. Seite 179

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
10 (6.3.1896)
Date
1896-03-06
Page
Seite 179 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 10. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 179. mäßige Erbschaft Israels, und an Israel soll es noch einmal heimfallen. Aber diese Rückkehr der Erbschaft zu Israel ist nicht nur im Interesse der Juden, sondern der ganzen Welt wünschenswert. Die Uebertragung Palästinas von den Türken an die Juden, durch Kauf oder durch Geschenk, würde nicht nur die Judenfrage lösen, sondern auch ein stichhaltiges politisches Problem ans der Welt schaffen, zum offenbaren Vorteil des Weltfriedens. Der so wieder auflebende jüdische Staat müßte ein Muster-Staatswesen sein. Palästina müßte natürlich aus dem Sumpfe der Verzweiflung gezogen werden, in welchem es Jahrhunderte lang festgehalten wurde. Die Vernachlässigung und Unordnung, die dem Lande so manches physisch fühlbare Unglück gebracht haben, müßten verschwinden. Gute Wege, reichliches Wasser, wirksame Bebauung des Bodens würden die Oberfläche des Landes, wie durch einen Zauber, verändern. Aber, außerdem müßte jüdische Staatskraft für andere Nationen ein Musterbeispiel sein. Seine Gesetze, strickt gehandhabte Justiz, wahre Freiheit, vollständiger Friede müßten Palästina zu einem idealen Staate machen. Das ist Herrn Hunts Traum in seinen Voraussetzungen und in seinen Folgerungen, und den Reiz desselben kann niemand in Abrede stellen. Dr. M. Sch. -In Wien haben die Antisemiten bei den Gemeinderatswahlen wiederum auf der ganzen Linie gesiegt und werden wohl abermals eine Zweidrittel-Majorität erzielen. Das hat weiter nichts Verwunderliches. Ter Antisemitismus, nach dem treffenden Wort des damals noch deutschnationalen Abgeordneten Pernerstorfer „der Sozialismus des dummen Kerls von Wien", beherrscht die Gemüter — „Geister" wäre vielleicht zu viel gesagt — des Wiener Kleinbürgertums noch immer so sehr, daß der Widerstand der liberalen Partei, von vornherein aussichtslos, auch recht matt war, wogegen die Antiliberalen den letzten Hauch von Agitator und Fiakergaul daran setzten, eine noch größere Mehrheit als bei den vorigen Wahlen zu erzielen. — „Ascmiten." Das ist kein Druckfehler; so nennt sich wirklich eine neue Partei, die sich in Galizien gebildet hat. Die Asemiten erklären den Antisemitismus und die damit verbundene Verfolgung der Juden für unchristlich und verabscheuungswürdig, sie sind entschieden dagegen, daß die Juden gehängt werden, verdammen in ihrer Menschenliebe sogar das weniger unangenehme Köpfen und plaidieren blos für ein ganz schmerzloses Aushungern der Juden. Nach dem asemitischen Programm sollen die Juden einfach für Luft erklärt werden. Für Schule und Amt dürfen sie nicht existieren, Handel und Gewerbe müssen ihnen verboten werden, ebenso wie jeder immobile Besitz, und wer mit einem Inden auch nur ein Wort wechselt, begeht ein Kapitalverbrechen. „Sonst" dürfe man aber die Juden in keiner Weise verfolgen, denn das Gebot der Nächstenliebe schließt jeden Haß aus. Die antisemitische „Reichspost" in Wien findet dieses Programm zu zahm; sie empfiehlt noch immer eine Radikalkur gegeu die Juden. Und nun ist ein Streit im eigensten Lager entbrannt: Tie „Reichspost" meint, das Gebot der Nächstenliebe verlange das Aufhängen der Juden, die Krakauer Jesuiten finden nur das Aushungern für zulässig. Wer mag da wohl im Rechte sein? — In Lemberg tobt ein heißer Kamps innerhalb der Gemeinde. Ter Vorstand hat, wie schon früher berichtet, ein lange geheimgehaltenes Musterstatut der Oeffentlichkeit übergeben, das aber keineswegs den Wünschen der dort sehr einflußreichen konservativen Partei entspricht. Diese veranstaltete mehrere recht stürmische Versammlungen, und betraute ein Komitee mit der Abfassung eines Protestes gegen den Gemeindevorstand. Unwillen erregt vor allem die Absicht, die Kultussteuer und alle rituellen Abgaben, ferner die Preise der Synagogensitze und die Gräbertaxen bedeutend hinaufzuschrauben, wodurch insbesondere der kleine Mann betroffen würde, der alle rituellen Vorschriften mit peinlicher Gewissenhaftigkeit beobachtet. Dem allgemeinen Anstürme weichend, soll übrigens die Kultusrepräsentanz einer Verständigung mit den Orthodoxen nicht abgeneigt sein, und es wäre sehrwünschenswert, wenn die bereits genug zerklüftete Gemeinde vor einem neuen Bürgerkriege bewahrt würde. — Heute mir, morgen Dir! Der jüdische Sozialistenführer Dr. Ellenbogen in Wien gab jüngst seiner Freude darüber Ausdruck, daß die Antisemiten die liberale Partei erschlagen haben. Nach Tr. Ellenbogen werden andere kommen, die sich darüber freuen werden, wenn die Antisemiten vor der jüdischen Sozialdemokratie nicht Halt gemacht und auch dieser den Todesstoß versetzt haben werden. Es ist die alte Geschichte von dem Ehepaar, das sich gegenseitig mit dem Hausrat oder auch Hausunrat bewirft: „Treff ich mein Weib, freu' ich mich, trifft mein Weib mich, freut sie sich, so leben wir in lauter Freuden!" — Genieinderiitswahlen in Lemberg. Am 26. Februar fanden in Lernberg Gemeinderatswahlen statt, an denen 5083 Wähler sich beteiligten. Nicht weniger als sieben Kandidatenlisten wurden in Umlauf gesetzt, darunter auch eine antisemitische, welche infolge reger Agitation 673 Stimmen auf sich vereinigte. Auf der antisemitischen Liste figurierte auch der jüdische Prediger Tr. Caro als Kandidat; das kam, wie die Antisemiten zu ihrer „Entschuldigung" ansührten, daher, weil sie einen Juden für unentbehrlich erachteten, rrm in der künftigen Gemeindevertretung einer: Referenten für jüdische Kultusfragen zu besitzen. Die absolute Majorität erlangten 85 von verbündeten Bürger-Komitees aufgestellte Kandidaten, darunter 17 Juden. Für 15 Mandate müssen noch engere Wahlen vorgenommen rverden. — Die Situation in Rußland. Tie Jrrden im Gon vernein ent Kiew haben sich während der letzten 50 Jahre um 207 °l0 vermehrt. In derselben Zeit hat die orthodoxe russische Bevölkerung um 97, die römisch-katholische unr nur 4 % zugenommen. Die Kierver Zeitungen erklären die erstaunlich geringe Vermehrnrrg der letzteren durch die immer mehr zuuehmenden Heiraten zwischen Katholiken und Orthodoxen. Was die ungeheure Vermehrung der Inden betrifft, so sei dieselbe nicht nur in der Fruchtbarkeit derselbeu, sondern auch in derrr Umstande zu suchen, daß in den letzten 50 Jahren eine stete Einwanderung von Juden aus anderen Teilen des Reiches in das Kiewer Gouvernement überhaupt und ganz besonders nach Berditschew stattgefunden hat. Die Regierung soll diese statistischen Daten erhoben haben, um die thatsächliche Allsdehnung in den südwestlichen Provinzen festzllstellen; es

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