Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 10 (6.3.1896)
- Date
- 1896-03-06
- Page
- Seite 178 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/4794838-9609712-9609898--1232-9609908- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 178. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 10. eine Wurst, die der mutmaßliche Mörder bei einem in der Nähe des Fundortes wohnenden christlichen Schlächter gekauft, eine gewisse Rolle. Das ist bezeichnend für die Kopflosigkeit, mit der in der Redaktionsstnbe des genannten Blattes Ritualmorde fabriziert werden. Das Blatt, welches außer Gott und nichts auf der Welt noch den Staatsanwalt fürchtet, erklärte, mit dem schmählichen Verdachte nicht die zivilisierten Juden, sondern nur das „Gesindel ans Rußland und Galizien", das sich hier herumtreibe, treffen zu wollen, weil dieses „Gesindel" abergläubisch und bigott sei. Und nun soll der abergläubische und bigotte Ritualmörder aus Rußland oder Galizien sich vor Verübung des gottgefälligen Verbrechens durch den Genuß einer tresenen Wurst gestärkt haben! Das scheint nach dem „Schulchan-Aruch" der Staatsbürger-Zeitung, der außer gewerbsmäßiger Verleumdung noch Wechselfälschung, Ehebruch, Meineid und andere Dinge erlaubt, gestattet zu sein. — Rabb. Dr. Stiebet. Aus Straßburg (Westpr.) wird uns geschrieben: Am Montag, den 17. Februar, starb nach kurzem aber schwerem Krankenlager unser allgemein beliebter und auch in christlichen Kreisen hochangesehener Rabbiner, Herr Dr. Stiebel im 54. Lebensjahre. Noch am vorherhergehenden Donnerstag hatte er seines Amtes gewaltet, sich aber wahrscheinlich an diesem Tage bei der Beerdigung eines Kindes eine Erkältung zugezogen, die bald in eine bedrohliche Lungenentzündung überging und seinem edlen Leben ein Ziel setzte. — Wie groß die Liebe und Verehrung gegen den Verblichenen war, zeigte sich recht bei der am Mittwoch, den 19. Februar stattgehabten Beerdigung. Alle Kreise der Bevölkerung nahmen an derselben teil, und von nah und fern ivaren Freunde und Verehrer herbeigeeilt, um dem Toten die letzte Ehre zu erweisen. Von den Rabbinern unserer Provinz waren zugegen die Herren Dr. Bähr und Tr. Rosenstein ans Graudenz, Dr. Eppenstein aus Briefen und Dr. Rosenberg aus Thorn. Ta der Verstorbene in der ihm eigentümlichen Bescheidenheit die letztwillige Verfügung hinterlassen hatte, daß keine Leichenrede an seinem Grabe gehalten werden sollte, so ries ihm Herr Dr. Bähr, als spezieller Freund und Studiengeuosse, nur ein kurzes aber ergreifendes Abschiedswort in der Leichenhalle nach und Herr Dr. Rosenstein sprach am Grabe ein Gebet. Doch wird die Gemeinde in nächster Zeit einen besonderen Trauergottesdienst veranstalten, bei dem die Verdienste des Verblichenen die rechte Würdigung erhalten sollen. — .Der Verklärte wirkte in der hiesigen Gemeinde 18 Jahre. Vorher amtierte er in Schrimm und Filehne. Seine wahrhafte Frömmigkeit, gepart mit der größten Uneigennützigkeit, Friedfertigkeit und allgemeiner Menschenliebe, wird in seiner Gemeinde unvergeßlich bleiben. — Friede seiner Asche! — — Mit einer Prinzipiensrage hatte sich dieser Tage das Stadtverordneten-Kollegium in Graudenz zu befassen. Der Kantor dieser Gemeinde, Herr S. Bernstein, war um Befreiung von der Gemeindeeinkommenstencr vorstellig geworden. Das Gesuch enthielt den Hinweis ans das Gemeindeeinkommensteuer-Regulativ von 1874, das die Befreiung jüdischer Kultusbeamten von der Kommunalstener ausdrücklich ansspricht, und das Regulativ von 1H92, das zwar diese Personenkategorie nicht als befreit anfführt, ihnen aber die bisherige Befreiung jedenfalls nicht habe entziehen wollen. Ter Magistrat beantragte die Ablehnung dieses Gesuches, indem er sich auf den gesetzlichen Standp„M stellte, wonach die Befreiung der jüdischen Kultusbeamten von den Gemeindeabgaben nach dem bestehenden Recht sich weder rechtfertigen noch aufrecht erhalten läßt. Zugleich mit dem Antrag, das Bernsteinsche Gesuch abzulehnen, ersuchte der Magistrat die Versammlung, die Notwendigkeit der Heranziehung der jüdischen Kultusbeamten zu den Gemeindeabgaben nach dem bestehenden Recht anzuerkennen. Nach einer lebhaften Debatte wurden die Magistratsanträge nebst dem Anträge eines Mitgliedes, die Gemeindeeinkommensteuer des Kantors Bernstein für dieses Jahr niederzuschlagen, angenommen. — Das Rabbmerseminar in Breslau versendet seinen Jahresbericht pro 1895. Ter Bericht enthält zunächst eine wertvolle wissenschaftliche Beilage, die Geschichte der Juden in Schlesien von Tr. M. Brann, sodann Nachrichten aus dem Seminar, über die Wahl und Einführung des Tr. Saul Horovitz an Stelle des Dr. Rosin s. A., über die am Stiftungstage entlassenen Kandidaten Fabian, Tr. Finkel, Fraenkel, Dr. Pinkuß und Tr. Sander, von denen die drei letztgenannten bereits in amtliche Stellungen berufen wurden (S. als Religionslehrer und stellvertretender Rabbiner nach Karlsruhe, P. als Religionslehrer nach Breslau, F. als Landesrabbiner nach Meiningen). Von früheren Schülern erhielten Stellen: Dr. Grunwald in Hamburg, Tr. Posuer in Danzig, Dr. Cohn in Eschwege. Das Seminar zählt gegenwärtig 35 Hörer. Der Lehmannsche Preis, der das erstemal einen Bewerber gesunden hatte, konnte diesmal nur zu Hälfte an den cand theol. Tüll erger verliehen werden. Die Preisaufgabe des abgelaufenen Jahres hat keinen Bearbeiter gesunden. Die von Professor Kaufmann begründete Rosin-Stistung hat ihr Statut erhalten und ist ebenfalls zur Belohnung preiswerter Arbeiten bestimmt. Außer den ans fundierten Legaten fließenden Stipendien sind von Gemeinden, Stiftungen und Vereinen Unterstützungen für Seminaristen eingegangen, dagegen hat der am Seminar bestehende Verein im alten Jahre leider eine Abnahme seiner Einnahmen erfahren. Der Appell an die früheren Schüler ist daher ein sehr berechtigter und wird hoffentlich Erfolg haben. — Für Herzl! Holman Hunt, der hervorragende Maler, hat an die englisch-jüdische Wochenschrift „Jemish Chronicle" einen offenen Brief über die Wiedereinsetzung der Juden in Palästina gerichtet, der mit Achtung und Synipathie gelesen werden will, selbst von denjenigen, welche an der Durchführbarkeit der Hunt'schen Ideen zweifeln. Geschrieben, bevor Tr. Herzls Artikel über: „Eine Lösung der Judenfrage" in derselben Wochenschrift erschien, bietet Hunts Schreiben einen neuen Beweis von der großen Aufmerksamkeit, mit welcher der Gegenstand jetzt behandelt wird. Zwischen den beiden Briefen sind jedoch mehrere bemerkenswerte Unterschiede. Tr. Herzls Plan ist ein Verzweiflungsplan, der von ihm als das einzig mögliche Gegengift gegen den Antisemitismus entworfen wurde. Er ist überdies hauptsächlich im Interesse der Juden entworfen, deren Befreiung ans ihren gegenwärtigen Nöten und in der Wiederherstellung eines jüdischen Staates, sei es in Palästina oder anderswo, winkt. Hunt dagegen hat nur das heilige Land ins Auge gefaßt. Es ist die recht-