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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-03-06 · 10 (6.3.1896) · p. Seite 177

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
10 (6.3.1896)
Date
1896-03-06
Page
Seite 177 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 10. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 177. reichen Materials gab Herr Dr. Adler zunächst eine sehr belehrende Darstellung von der Entwicklung des Lesebuchs für jüdischen Schulen, sowie von der Geschichte des deutschen Lesebuchs in den letzten Jahrzehnten bis zur Gegenwart, gruppierte unter ausführlicher Begründung die einzelnen Lesebücher nach dem pädagogischen Standpunkte der Verfasser und wies den Einfluß, den die Zeitströmnngen auf die Verfasser geübt haben, im einzelnen nach. Im zweiten Teile des Vortrages stellte der Referent die Forderungen aus, die an ein Lesebuch für jüdische Schulen zu stellen sind. Dem mit großem Beifall aufgenommenen Vortrage folgte eine recht angeregte Diskussion, an der sich fast sämtliche Vereinsmitglieder beteiligten, und innerhalb derer die verschiedenartigsten Meinungen zur Geltung kamen. Um Mitternacht wurde die Debatte abgebrochen und die Fortsetzung derselben aus die nächste Monatssitzung vertagt. — Der Verein, der seinen Mitgliedern, wie diese Sitzung wiederum bewies, eine Fülle von Belehrung und Allregung bietet und ihre Interessen nach Kräften wahrt, wird Sonntag, den 8. März, im Vereinslokale, (Spandauer-Straße 11—13) sein 1. Stiftungsfest mit den Angehörigen der Vereinsmitglieder festlich begehen. R. — — Opferfreudigkcit findet man in den hiesigen Sondergemeinden in reichstem Maße. Glicht blos steuern die Mitglieder an die Haupt- und die Sondergemeinde, sie schmücken auch ihre Gotteshäuser, statten sie aus mit allem Erforderlichen aus eigenen Mitteln, und prunken nicht und prahlen nicht und wüilschen keine Fusion mit der Hauptgemeinde, gleich ihrer Kollegin von der Reform. Und was die Sondergemeinde als solche nicht thun kaim, das thut ein opferwilliges Mitglied. DerSynagogen-Verein Beth-Zion (Brunnenstraße 10) iveihte am Sonntag eine von seinen Mitgliedern Herrn Marcus Wasserberg und Gattin gespendete Thorarolle in überaus würdiger llnd erhebender Weise ein. Würdig war die Ausstattung des Gotteshauses, würdig der Empfang der den geladenen Gästen bereitet ivurde, würdig die Liturgie lmd die Festpredigt. Und erhebend war der Anblick der Festversammlung, die, wie eine große Familie, leuchtenden Blickes teilnahm an der Freude eines Familieuaugehörigen — ein Stück altjüdischen Lebens, das dem Herzen wohlthut, weil man es hier selten — ach, so selten! — nur sieht. Darum verdienen solche vereinzelte Erscheinungen gebührend registriert zu werden. — Der Geist Jellineks ist jüngst in der hiesigen Repräsentanten-Versammlung citiert worden. Herr Justizrat Meuer erzählte, er habe vor Jahren den nunmehr entschlafenen Meisterbesucht, der auf die Mitteilung, daß hier die Rabbiner an jedem zweiten Sabbat predigten, erwiderte, daß dies für einen jüdischen Prediger zu viel sei; denn unser Publikum sei anders geartet, als jede andere Zuhörerschaft, es stelle hohe Ansprüche an die Predigt, es verlange von jeder derselben neue Gedanken, geistreiche Wendungen, anregende Auslegungen — also etwas, was man nicht zu oft bieten kann. Alls der Mitte der Versammlung ist dem Herrn Justizrat nicht geantwortet worden, und doch lag die Antwort sehr nahe. Säßen wir da unten am hufeisenförmigen grünen Tische, wir ivürden ivie folgt erwidert haben: Das antike Wort: >Ki duo faciunt idem non est idem darf auch hier Anwendllllg sindeil. Ein anderes ist Jellinek, ein anderes ein hiesiger Prediger. Ein anderes ist eine Predigt in Wien, ein anderes in Berlin. Eine Rede Jellineks war stets ein Ereignis, eine mustergiltige Leistung von dauerndem Wert, — so mllstergiltig, daß man einzelne dieser Reden noch heute in Nord uild Süd, in mittleren und großen Gemeinden, sogar im Tempel der Reformgemeinde hören kann. Kann man ähnliches von den Predigten sagen, die wir hier zu hören bekommen? — Daß Jellinek wie vor ihm Mannheimer fein ganzes Denken in den Dienst jeder Predigt stellte, war nicht blos auf seine, sondern vielleicht noch mehr auf die geistige Veranlagung seines Zuhörerkreises, der sich uicht Spreu statt Weizen vorsetzen ließ, zurückzuführen. Ist auchunserBerlinerPublikumso „anspruchsvoll"? — Und endlich: Jellinek predigte mehr als drei Jahrzehnte in einer und derselben Synagoge vor einem und demselben Publikum, er wiederholte sich niemals, weil er sich nie wiederholen durfte. Anders in Berlin. Hier predigen unsere Rabbiner abwechselnd in vier verschiedenen Synagogen, immer vor einem anderen Publikum. Die Festpredigt, die heute in der Heiderentergasse gehalten wird, kann nach einem Jahre in der Oranienburger-, nach zwei Jahren in der Kaiser- und nach drei Jahren in der Lindenstraße wiederholt werden — sie kann wiederholt werden und wird wiederholt. "Nimmt man nun noch an, daß bei uns eine Predigt höchstens nach acht Jahren völlig vergessen ist, sodaß man sie ohne Scheu wieder aufstöbern kann, so gelangt inan zu dem Facit, daß eiu Prediger in Berlin mit zwei Serien Festpredigten Jahrzehnte, eine ganze lange Amtsperiode ausfüllen kann. Und daß es sich mit Predigten am Sabbat ebenso verhält, kann jedermann auch ohue Adam Riese ausrechnen. Wird darum von unseren Predigern gefordert, daß sie an jedem Sabbat reden, so ist mit der Erfüllung dieser Forderung eine geistige Ueberanstrengung der Redner nicht verbunden. Q. e. d. — Sie haben sich darum umsonst bemüht, den Geist Jellineks unnötig citiert, Herr Kommissar! — So würden wir erwidert haben, säßen wir da unten am hufeisenförmigen grünen Tische. — DicBolksrnndschan, das vondenHerreuHempelund Lange gegründete Organ zur Tötung der Juden ititb der „Judenpresse", hat am 1. d. M. ihren — pardon! — „Geist" ausgehaucht. Kaum anderthalb Jahre war sie im Dienste des „Deutschen Mittelstandes" thätig und verbrauchte während dieses Zeitraumes etwa 600,000 Mk. Tie ungeheure Reklame, mit der sie ins Leben gerufen wurde, soll gleich im ersten Monat 100,000 Mk. verschlungen haben. Da erinnern wir uns des köstlichen Aufrufes, den die beiden Herren im August 1804 in der „Tägl. Rundschau" veröffentlicht haben, und der die Werbetrommel für das neue Blatt nach .Kräften rührte. Darin heißt es: „Wenn dieser Versuch einer Zurückdrängung der jüdischen Presse mißlingt, wird die Herrschaft des fremden und gefährlichen Geistes in unserem Volke auf lange Zeit besiegelt sein." Jetzt ist dieser Versuch mißlungen. Und das Deutsche Volk lebt wirklich noch — lebt und liest weiter — Unglaublich! — Der „Ritmrlmord", den, wie in voriger Nummer berichtet, die „Staatsbürger-Zeitung" verübt hat, ist noch ungcsühnt, der Thäter noch nicht überführt. Unter dem Verdacht, den Mord begangen zu haben, ist ein Schuhmachergeselle gefänglich eingezogen, und in dem Ermittelnngsverfahren spielt k k . i 1' er-

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