Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 10 (6.3.1896)
- Date
- 1896-03-06
- Page
- Seite 175 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 10. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 173. Gesellschaften, wie in der polnisch-jüdischen, findet man wohl auch die Idee der Ebenbürtigkeit; allein der Begriff der Aristokratie ist bei ihnen schwankend, sie unterscheiden scharf zwischen einem Nagid, Lamden und einem Mejnches. Der Nagid ist der Repräsentant 'des Finanzwesens. Reich und begütert, sorgt er für das materielle Wohl des Volkes durch Spenden, und wenn auch von geringer Herkunft, wird ihm doch ein hoher Rang seiner Unentbehrlichkeit halber eingeräumt. Zn dieser Klasse gehörte auch unser Samuel Rubinthal. Der Lamden (talmudisch Gelehrte) ist wiederum eine Art von Kraftgenie. Unpraktisch, außer seiner Gemara sehr unwissend, gewöhnlich linkisch, unbeholfen, wird er doch für den Ruhm und Stolz der Judeuheit gehalten, und genießt bei dem Volke die Achtuilg der indischen Omphalopsychisten. Die Mejuchassim (Gelehrteu-Adelige) sind oft nicht inehr als die Abkömmlinge alter Rabbiner, und pochen hoffärtig genug aus das Verdienst einer Vergangenheit, ja, auch nur auf irgend einen Verwandten, der Rabbiner ist oder war, wenn er auch nur, was bei dem raschen Wechsel der ' Rabbiner-Dynastien in Polen häufig vorkonunt, einige Wochen aus dem geistlichen Throne saß. Durch einen Rabbiner wird die ganze Familie adelig oder „mejuches", und mancher Pole giebt auf die Frage, wer er sei, mit stolzer Miene ganz naiv zur Antwort: Ein Vetter vom Zolkiewer Raiv. Diese Stände gehen nur mit einander Verbindungen ein, um sich gegenseitig zu ergänzen. Der 'Nagid sucht einen Lamden zum Tochtermann, der nach Verlauf der verflossenen Kostzeit, die ihm im Hause des Schwiegervaters gewährt wird, gewöhnlich samt den hinzugekommeneu erlauchten Sprößlingen, dem Mangel Preis gegeben ist, und dann einen Solo-Argonauteuzug nach dem Westen Europas unternimmt, und auf Wanderungen und Pilgerfahrten das goldene Vließ sucht. Auch umgekehrt sucht zuweilen ein armer Mejnches für seine hochwohlgeborene Tochter einen reichen Schwiegersohn, und läßt sich so weit herab, letzteren alsdann in den Adelsstand zu erheben. Hierzu kommt nun noch eine originelle Menschenklasse, die man auch im Westen kennt, nämlich die, zu denen der Korrespondent Nachman Traumanu gehörte. Sie haben, wie die umbrae bei den Römern, gar kein Gewerbe, und ernähren sich von einem Schacher eigener Art — dem Heiratsschacher, d. h. er übernimmt in aller Frömmigkeit das Geschäft des Himmels, die Ehen auf Erden zu stiften, und verlangt dabei nur ein kleines Honorar von der reicheren Partei. Um nun dieses Geschäft en gros und nicht wie einige Schadchen- Pfuscher, deren es auch viele in Polen giebt, im Detail zu betreiben, führt er genaue Verzeichnisse über alle heiratsfähigen Jünglinge und Jungfrauen, samt deren OuaUtäteu nach obenbestimmter Rangordnung, und studiert daun nach diesen gründlichen Quellen die Genealogie der Vergangenheit und Gegenwart und Zukunft. Da er oft nicht einmal die zu Verlobenden kennt, so zaubert er sich lauter vollkommene Brautleute in seiner Phantasie vor, und tischt solche Geschöpfe seiner lebhaften Einbildungskraft, den Eltern als leibhafte und ivirklich vorhandene Wesen allst wobei es natürlich nicht an hyperbolischer Ausschmückung fehlt. Ebenso geht es umgekehrt, wenn er einen Bund lösen will, der in seinen Kram nicht paßt, da hat jener Jüngling, jene Jungfrau alle möglichen Mängel und Gebrechen; und so liegt das Wohl und Wehe ganzer Generationen oft in der Hand eines solchen Hymenkrämers. Nichts ist daher natürlicher als jener Brief Nachmans, nichts schien Samuel vorteilhafter, ehrenhafter und glanzvoller als diese Verbindung mit einer ilralten Familie. Nach gegenseitiger Liebe und Neigung der Brautleute wird nicht gefragt. Der Schadchen muß das besser verstehen. Man kann sich nun denken, daß Samuel seine ganze Autorität unb Vaterwürde aufbieten und geltend machen werde, um des Moses Jsserls Ur-Ur-Enkelin zur Schwiegertochter 31t haben, nichts natürlicher, als das Hanna, die Mutter, vor Freuden über die Ehre weinte, die ihrem Hanse widerfuhr. Nur David wollte diese Verbindung nicht einleuchten, und zwar darum, weil er einmal keine Heirat ohne Liebe, keine Liebe ohne Hindernis, kein Hindernis ohne Entführung, keine Entführung ohne Strickleitern und einen treuen Knappen denken mochte, der seiner vor dem Burgthore mit einem wilden Renner und sanftem Zelter harrte. Er sträubte sich daher gegen diese nüchterne Weise zu heiraten mit allem Nachdruck. „Ich bin ein Mann, sagte er, und meine Frau muß die Gattin eigener freien Wahl, und nicht das Projekt eines Schadchen sein. Was ist Ehe ohne Liebe? Was Liebe anders, als die Harmonie der Seelen, die aus den Sphären niederklingt und in uns ihre Resonanz findet? Und wie soll ich mit einem Mädchen sympathisieren, das ich gar nicht kenne?" „Aber du hörst ja," sagte Hanna, „sie ist ein Abkömmling von Reb Moses Jsserls." „Und was ist sie? „Du hörst es!" „Reb Moses Jsserls kenne ich, aber das Mädchen nicht, und ich erkläre hiermit bei jenen stillen Geistern der Liebe, daß ich kein Mädchen eheliche — und wäre sie eines Propheten Sprößling, — die in mir nicht den Funken beseligender Sympathie anzufachen vermag." „Was ist das für kauderwelsches Zeug?" antwortete Hanna. Der Vater sagte jedoch in gewohnter Würde: „Ich bin ergraut in den Sitten unserer Väter, und werde meine Erfahrungen nicht von einigen überspannten Roman- Ideen Hofmeistern lassen. Tu heiratest Sara Kratter und damit genug — doch mich hungert, könnten wir nicht zu Tische gehen, Hanna?" David saß schweigend während der Mahlzeit, und ein scharfer Beobachter konnte dem entschiedenen Ausdrucke, den sein Gesicht allmählich annahm, abmerken, daß irgend ein Entschluß in seiner Seele reis geworden war. V. Es war am andern Morgen. Vater und Sohn begaben sich in die Synagoge, um dem Gottesdienste beizuwohnen. Zwischen beiden war jenes Thema nicht mehr berührt worden. Nach Beendigung des Gebetes neigre David sein Haupt und bat um den gewohnten Segen. Dann küßte er des Vaters Hand. — Eine brennende Thräne fiel darauf. „Was hast Tu denn? Tu bist bewegt, mein Sohn?" sprach der Vater.