Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 10 (6.3.1896)
- Date
- 1896-03-06
- Page
- Seite 174 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 174. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 10. wiederum durch Prediger der Reformgemeinde schon Mischehen eingesegnet worden sind, was gegen die Ausnahme der Reformgemeinde sprechen soll, fällt vom Standpunkt des Judentums nicht so schwer ins Gewicht, während dagegen nicht geleugnet werden kann, daß innerhalb der Hauptgemeinde, vielleicht gar in der Gemeindesynagoge biblisch verbotene Ehen ohne weiteres die religiöse Sanktion erhalten. Was aber so sehr gegen die Aufnahme der Reformgemeinde spricht, das ist das bewußte Negieren vieler Grundbegriffe des Judentums, namentlich des Sabbats und der historischen Berufung des jüdischen Stammes, wie es in der Reformgemeinde zum grundlegenden Prinzip erhoben wurde. Freilich wird dieser Grnndton des Judentums auch von Seiten der Hauptgemeinde nicht genügend gewürdigt; aber da geschieht es mit weniger Absichtlichkeit; der Sabbat und die Feiertage werden jedenfalls in ihrer Totalität noch geachtet. Fühlen nun die Mitglieder der Reformgemeinde das Bedürfnis, sich wieder als Glieder des Ganzen zu wissen, so müssen sie zum mindesten dasjenige Maß von Judentum in ihren gottesdienstlichen Einrichtungen wieder einführen, ohne welches eine Zugehörigkeit zum Judentum eine Unmöglichkeit ist. Vor allem muß der Sabbat wieder hergestellt werden und in der Liturgie, die meinetwegen in der Hauptsache deutsch bleiben kann, muß aus die Vergangenheit, auf die historische Entwickelung des Judentums Rücksicht genommen werden; denn nicht die Sprache allein, nicht die Form macht uns die hebräischen Gebete wert und teuer, sondern der Inhalt, in welchem das ganze Seelenleben Israels wiedergegeben ist, die Gesänge Israels, in denen der jüdische Stamm Jahrtausende hindurch seine Leiden und Hoffnungen, seine Klagen und seinen Trost, seine Verzweiflung und seine Ermutigung ausgesprochen, in denen die Spuren der thränenreichen und schmerzvollen Geschichte des jüdischen Stammes zu finden sind. Ohne die Vergangenheit hat Israel auch keine Zukunft, und ohne die Hoffnung auf eine solche, wäre es auch nicht einen Tag möglich, im Judentum auszuharren. Wir stehen also keineswegs aus dem Standpunkt des „non possumus“, wir sind keine Intransigenten, die schroff alles zurückweisen, was nicht mit unserem Fühlen und Denken eins ist. Aber wir müssen erst eine Basis haben, auf der unterhandelt werden darf, erst muß der Boden gesunden, der Grund gesichert sein, auf dem eine Vereinigung möglich wäre, ohne das Judentum in die Gefahr der baldigen Auflösung zu bringen. Ja, sie sollen zurückkommen, und wir wollen sie aufnehmen, diese Brüder, welche vor fünfzig Jahren einem begreiflichen Irrtum zum Opfer gefallen sind, aber sie sollen nicht in der Art zurückkehren, daß sich die ganze Gemeinde ihr zum Gefallen außerhalb des Judentums stelle, sondern so, daß die Reformgemeinde in erster Reihe eine jüdische werde. Sind es jüdische Reformen, so haben wir gegen solche an und für sich, wenn sie nicht in blinder Neuerungswut vorgenommen werden, nichts einzuwenden. Feuilleton. Die Inlmgeiitkn. Von S. P. (Fortsetzung.) Er ließ sich nach dieser Zeremonie seinen Schlasrock reichen und legre die schwere Zobelmütze ab, unter der er ein kleines, schwarzes Käppchen trug; dann winkte er dem christlichen Dienstboten, das Siegel des besprochenen Schreibens zu lösen, und entfaltete den Brief, der in hebräischer Sprache nach wörtlicher Uebertragung ins Deutsche wie folgt lautete: „Mit Gottes Hilfe, hier Wilna, den 22. Schebath 5591. Frieden der Krone der Alten, der Zierde Israels, dem Reichen, Vornehmen, Angenehmen, Vollkommenen, dem edlen Greise, Rabbi Samuel Rubinthal! Da ich mich der Gebote des Herrn befleißige, habe ich immer die Stelle der Schrift vor Augen: Wer ein bieder Weib gefunden, hat einen Einkauf besser denn Perlen! Wiederum heißt es: Darum soll der Mann verlassen Vater und Mutter, und soll hängen an seinem Weibe. So steht es geschrieben in unserer Gemara, wo diese Stellen angeführt werden, deutlich, daß jeder die Pflicht der Verehelichung habe. Darum habe ich mich schon lange gewundert, daß Ihr, ein so gottesfürchtiger Mann, Eurem Sohne, dem Jüngling, der Gutes übt nrtb Böses meidet, dem vernünftigen, verständigen, scharfsinnigen David — leben soll er — nicht erkiest ein Weib seiner würdig. Nur habe ich mir selber erwidert, daß Ihr eine edle Familie suchet, dieweil Ihr ein Nagid seid. Ta ich aber weiß, daß der von einerberühmten Familie abstammende vornehme Reb Chaijim Kratter von hier, der heiligen Gemeinde Wilna, — Gottes Stadt möge erbaut werden — seine Tochter, die keusche, bescheidene, züchtige und fromme Sara — leben soll sie — abstammend vom berühmten Reb Moses Jsserls und andern Geonim des Landes, verheiraten will, so ermahne ich Euch im Namen der Schrift, diese Gelegenheit nicht zu versäumen, und Eurem Hause durch diese Heirat den Glanz zu verleihen, den ein solcher Jichus auf dasselbe wirft; denn Euer Sohn ist ohnehin schon zu lange ledig geblieben. Ich verlange für mein frommes Werk nichts, als den Segen Gottes und seinen Lohn, und thue alles nur um seiner heiligen Thora willen. Aber weil Ihr die reichere Partei seid, so werden Euch die dreißig Dukaten, die Ihr mir für meine Mühe, wenn aus der Sache etwas wird, geben wollt, nichts schaden. Ich erwarte sehr bald Antwort, denn Sara Kratter ist eine „Mejucheset", daß schon ganz große Negidim um ihre Hand angehalten haben. Ich rate zur Eile. So spricht der Geringste unter den Tausenden Israels, Nachman, der Sohn Jizchaks, sel. Andenkens, genannt der Traumann Schadchen." Nachdem Samuel den Brief gelesen hatte, reichte er ihn ganz entzückt seiner Gattin, auf die er nicht minder einen freudigen Eindruck machte. IV. In jeder Gesellschaft, und sei ihre äußere Lage noch so armselig, zeigt sich eine gewisse Rangordnung, eine Sonderung der Stände. In kleinen, in ihrer Wirksamkeit beschränkten