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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-03-06 · 10 (6.3.1896) · p. Seite 172

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
10 (6.3.1896)
Date
1896-03-06
Page
Seite 172 (sequence 4)
Language
German
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eeite 172. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 10. eine verdammenswerte Ausgeburt schwärzester Reaktion. In wenig loyaler, aber daber desto hämischerer Manier insinuierte Herr Tr. Weigert aufgrund eines mißverstandenen, längst richtig gestellten Ansspruchs in der vorigen Sitzung dem Herrn Professor Lewin, derselbe scheine den Grundsatz zu haben: „Richtet Euch nach meinen Worten, aber nicht nach meinen Thaten." Auch eine liberale Kampfesmethode! Herr Dr. Jastrowitz stimmt dem Anträge Lewin zu, unter der Voraussetzung, daß die Kommission nicht allein mit der Wahl sich zu befassen, sondern bei dieser Gelegenheit auch sonstige Prinzipienfragen zur Entscheidung bringe. So z. B. sei zu wünschen, daß außer dem Predigtamte unsere Rabbiner mehr als bisher die jugenderzieherische Thätigkeit pflegten. Vermißt würde heute auch die Thätigkeit als Seelsorger, ein Umstand, der seine Ursache habe in der Einrichtung der Wanderpredigten. Herr Dr. Kirstein erklärt sich gegen den Antrag Lewin, will demselben aber entgegenkominen. Inwiefern — geht ans seinen Muster-Ausführungen nicht hervor. Mit der Wahl eines orthodoxen Rabbiners würde der Unfriede in unsere Gemeinde kommen, denn es sei fraglich, ob der Kandidat, der der Mehrheit der Versammlung genehm sei, auch dem Vorstande genehm sein würde. Auch er erkläre, eine etwaige Wahl in diese Kommission nicht annehmen zu können. — Also der zweite Streikende, und im übrigen löbliche Unterwerfung. Herr Tr. Kirstein, der als Kandidat des Zentralvereins gewählt wurde, und jetzt mit solcher Grazie uinzufallen versteht, thäte wirklich gut daran, in Zukunft seine schätzbare Kraft gänzlich der Ausübung seiner ärztlichen Praxis zu widmen. Professor Senator erklärt, er habe bei seiner Kandidatur keineswegs ans alle Programmpunkte des Zentralvereins sich verpflichtet. Sein Standpunkt sei „Gleiches Recht für alle", und darum müsse die jüdische Gemeinde Platz haben für alle, die auf dem Boden des Dogmas und der in den Zehn Geboten niedergelegten Ethik ständen. Er kann nur dann für die Wahl eines orthodoxen Rabbiners eintreten, wenn auch die Reformgemeinde als gleichberechtigtes Glied der Hauptgemeinde ausgenommen würde. Herr Leonhard Sachs wendet sich gegen Herrn Dr. Tiktin und bestreitet dessen Auslegung der sogenannten imperativen Mandate. Herr Tr. Blumenthal, auf der Tribüne fast unverständlich, spricht sich für den Antrag Lewin aus. Herr Herrmann vom Vorstand behauptet immer noch, die zur Probe berufenen Rabbiner ständen auf gemäßigtem Standpunkt. Herr Simon erklärt gegenüber einer Bemerkung des Herrn Direktor Herrmann, auch die auf dem Boden des Antrages Lewin stehenden Mitglieder der Kommission hätten nicht gegen die Berufung der beiden Probeprediger gestimmt, daß die Herren dadurch keineswegs ihr endgiltiges Votum präjudiziert hätten. Im übrigen wendet sich Redner gegen die — übrigens gar nicht vorhandene — Auffassung, Vertreter nur eines Teils der Gemeinde zu sein. Auch Herr Fränkel wendet sich gegen den Standpunkt des Herrn Senator. Herr Masse teilt unter großer Heiterkeit der Versammlung als Beweis der kolossalen liberalen Gesinnung der Kommission mit, daß man u. a. Abstand genommen habe von der Wahl eines Rabbiners, der einmal im Badeorte Trefe gegessen habe. Sehr mit Recht fragt Herr Leichtentritt, ob das etwa der Friede sei, wenn die Herren Liberalen eine Wahl in die Kommission ablehnten. Herr Oppenheim erklärt es für angemessen, daß jeder Gewählte Rücksicht zu nehmen habe ans seine Wähler, ohne sich darum als Pagode in die Versammlung entsenden zu lassen. Herr Professor Senator habe nichts gesagt, was nicht längst bekannt gewesen sei, er habe sich, wie auch seine Kollegen, nur zu den Grundprinzipien des Programms bekannt. In einem kurzen Schlußwort wendet sich der Antragsteller gegen einzelne Ausführungen des Professors Senator, und betont noch einmal den Zweck seines Antrages und die Notwendigkeit der Wahl eines konservativen Rabbiners. In namentlicher Abstimmung wird sodann der Antrag mit 11 gegen 8 Stimmen angenommen. Es stimmen mit Ja: Lewin, Leonhard Sachs, Sieskind, Dr. Jastrowitz, Dr. Blumenthal, Fränkel, Bodenstein, Oppenheim, Loewenberg, Simon, Leichtentritt; mit Nein: Landsberger, Dr. Tiktin, Manheimer, Louis Sachs, Dr. Marcuse, Masse, Dr. Weigert und Dr. Kirstein. Herr Dr. Weigert schlägt nunmehr als zu Wählende die — bisherigen Mitglieder der Kommission vor, nämlich Dr. Tiktin, Dr. Marcuse, Moste, Landsberger, Louis Sachs und Leonhard Sachs. UntersechsGouvernementalen ein einziger Oppositioneller! Es gehört wirklich Wagemut dazu, unter solchen Verhältnissen der Versammlung eine solche Zumutung zu stellen. Die liberalen Herren erklärten jedoch samt und sonders bei ihrer Obstruktionspolitik bleiben zu wollen, und so wurden dann durch Zettelwahl zunächst die Herren Simon, Leonhard Sachs, Fränkel und Professor Lewin gewählt. Es mußte noch eine engere Wahl stattfinden, bei welcher die Liberalen durch weiße Zettel zu demonstrieren versuchten. Gewählt wurden die Herren Leichtentritt und Dr. Blumenthal. Damit war die Angelegenheit erledigt. Dank der Streikgelüste der Liberalen muß es also ohne diese Herren gehen, und es wird gehen. Wollen die Herren mitthun, dann gut, wollen sie nicht, nun dann um so besser, — genötigt wird nicht. Die IlefmiMmindt. Von Dr. S. Bernfeld. Im vorigen Jahrhundert zeigten die Karaiten in Polen den Willen, wieder in den Schoß des Judentums, von dem sie nahezu ein Jahrtausend getrennt waren, zurück zu kehren. In der damals tagenden jüdisch-polnischen Landessynode (Waad arba arazoth) ließen sich manche Stimmen hören, welche die Wiederaufnahme der reuig gewordenen Brüder rieten: indes wurde jene milde Auffassung von den strenger» mit einem feinen hebräischen, nicht übersetzbaren Wortspiel zurückgewiesen: mit den Karaiten haben wir für immer keine Gemeinschaft (cbiyb c;\s‘ cw?pn). Ob unsere Altvordern mit einer solchen schroffen Abweisung der Karaiten richtig gehandelt haben — ckönnen wir natürlich jetzt nicht mehr gut beurteilen. Eine ähnliche Frage beschäftigt aber in der Gegenwart die öffentliche Meinung innerhalb der jüdischen Gemeinde zu Berlin: die Reformgemeinde, welche über ein halbes Jahrhundert außerhalb der jüdischen Gemeinde ihr Dasein gefristet hat, pocht nun an die Thore der Muttergemeinde und verlangt wieder ausgenommen zn werden. Es

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