Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 10 (6.3.1896)
- Date
- 1896-03-06
- Page
- Seite 171 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/4794838-9609712-9609898--1225-9609901- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 10. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 171. der Zeit das Wundern verlernen müssen. Doch was war es, das die Geister so heftig ans einander platzen ließ? Ein Antrag des Professor Lewin, bei der Kommission für die Wahl eines Rabbiners Neuwahlen vorznnehmen, soweit dabei die Repräsentanten in Frage kommen. Der Antragsteller selbst begründete in längerer Rede seinen Antrag mit dem ihm eigenen lebhaften Temperament; er ließ es jedoch dabei nicht genug sein, sondern ließ auch noch Herrn Justizrat Meyer auf seine neuliche Rede eine ebenso schneidige wie gründliche Abfuhr zuteil werden. Der Antrag, so etwa führte Redner aus, sei hervorgegangen aus dem Resultate der Wahlen und der Willensmeinung der Majorität der Wähler, die dieses Wahlresultat herbeigeführt habe. Diese Majorität sei kein leerer Begriff, sondern der Ausdruck ganz bestimmter Wünsche, lind einer dieser Wünsche gehe hinaus auf die Wahl eines konservativen Rabbiners, so wie der Mann einer gewesen, dessen Büste diesen Saal ziere, nämlich Michael Sachs. In diesem Anträge liege kein Mißtrauensvotum gegen die bisherigen Mitglieder der Kommission, lediglich höhere Rücksichten müßten hier maßgebend sein. Wenn Herr Justizrat Meyer nämlich gemeint habe, die Anregungen müßten von innen kommen, und Einstüsse von außen dürften an diesem Orte keine Stätte finden, so sei das eine irrige Auffassung. Schon eine Pflicht des bloßen Anstandes sei es, daß der Gewählte mit seinen Wählern in steter und inniger Fühlung bleibe. Redner verweist auf den Zeutralvereiu, dem er selber zwar nicht angehöre, dem aber die Gemeinde zu großem Dank verpflichtet sei. Wenn Herr Justizrat Meyer ferner erklärt habe: „Bon dieser Stelle aus soll das Licht ausgehen," so sei das gewiß richtig. Aber, so meint Redner mit feinem Sarkasmus, das Licht, das bisher von dieser Stelle ausgegangen, sei der Gemeinde etwas zu grell in die Augen gefallen. Dieses Licht gleiche den Röntgenschen Lichtstrahlen, denn es habe ein nacktes Knochengestell enthüllt als Religionsphilosophie des Vorstandes (Hört, hört! bei den Liberalen.) Man müsse jetzt endlich einmal einhalten aus der Bahn des sogenannten Fortschritts, der reformiere und immer weiter reformiere, bis schließlich nichts mehr zu reformieren übrig bleibe. Was zur Zeit vorhanden sei an reformatorischen Einrichtungen, dcks solle auch erhalten bleiben, weiter aber dürfe man nicht gehen, und dazu solle der ueuzuwähleude Prediger helfen. Ter Ausdruck „Reaktion", wie ihn Herr Meyer gebraucht, sei ein Schlagwort wie der Ausdruck „Orthodoxie". Auf jede Aktion folge eine Reaktion, und in diesem Falle eine durchaus gerechtfertigte. Auch er sei gern bereit an der Wiederherstellung des Friedens innerhalb unserer Gemeinde zu wirken. Nie und nimmer aber dürfe das geschehen auf Kosten eines sacrificium intellectus und das würde dasselbe sein, wenn man in dieser Frage von der Forderung eines konservativen Rabbiners abginge. Redner schlägt sodann als Mitglieder der Kommission vor die Herren Leonhard Sachs, Simon, Lewin, Blumenthal, Louis Sachs, Dr. Kirstein. Nunmehr hätte eigentlich Herr Justizrat Meyer das Wort ergreifen müssen. Herr Meyer hatte es jedoch mit dem besseren Teile der Tapferkeit, der Vorsicht, gehalten, und war der Sitzung ferngeblieben. Herr Direktor Herrmann, der au seiner statt das Wort nahm, war vorläufig wenigstens diplomatisch genug, aus der Sache weder eine Kabinetssrage, noch eine Haupt- und Staatsaktion zu machen. Er meinte ganz einfach, die ganze Angelegenheit sei eine rein interne Angelegenheit der Versammlung, in welche der Vorstand sich nicht einzumischen habe, und setzte sich wieder. Eine lange Diskussion erhob sich nun, in der hüben und drüben auf der ganzen Linie scharf gemacht wurde. Zunächst meinte Herr Dr. Tiktin, der Antragsteller habe bedauerlicherweise Dinge in die Debatte hineingezogen, die nicht hineingehörten. Das sagt Herr Dr. Tiktin immer dann, wenn einmal ein Mitglied dem Generalgewaltigen des Vorstands etwas derbe die Meinung gesagt hat. Wenn Herr Tr. Tiktin ferner meinte, die vom Zentralverein aufgestellten Herren könnten keinen Anspruch erheben, Vertreter der Majorität zu sein bei einer Wahlbeteiligung von 38o/o, würden die Indifferenten sich ermannen, so könnte die Sache einmal ganz anders kommen, so ist das eine uralte Verlegenheits- und Bemäntlungsphrase, ein kleines Beschwichtigungsmittelchen, mit dem man die Durchgefalleneil zu trösten versucht. Wer von seinem Wahlrecht keinen Gebrauch macht, über den darf man ruhig zur Tagesordnung übergehen, und wenn die Liberalen glauben, mit der Ermanuung der Indifferenten wiirden die besseren Tage wieder für sie anbrechen, so gönnen wir ihnen die Indifferenten von ganzem Herzen. Herr Dr. Tiktin redete dann noch mancherlei von Frieden und Einigkeit, ganz im Geiste des Herrn Justizrat Meyer, und ganz nach Muster seiner großen Vorbilder bittet er, nicht von der Kampfesstimmung sich übermannen zu lassen, seiner eigenen Ueberzeugung zu folgen, nicht Beschlüsse von außerhalb auf sich einwirken zu lassen, sein Mandat nicht als ein imperatives zu betrachten u. s. w. Herr Moste erblickt in dem Antrag Lewin ein Mißtrauensvotum gegenüber den bisherigen Mitgliedern der Kommission. Er würde nur dann für die Wahl eines orthodoxen Rabbiners stimmen können, wenn auch die Reformgemeinde als gleichberechtigter Faktor der Gemeinde anerkannt würde. In wenig geschmackvoller Art und iiberlauter Weise sprach sodann Herr Louis Sachs von einer „mehr wie gewöhnlichen Weise", in welcher „ein so junges Mitglied" abfällige Urteile geäußert über alte, verdiente Mitglieder der Versammlung. Er verspreche sich von dem Anträge keinen Erfolg im Sinne des Friedens, und er werde deshalb eine Wahl in die Kommission nicht annehmen. — Also der erste Liberale, der die Politik des Streiks in Anwendung bringt. Herr Professor Lewin protestiert energisch gegen die Anzapfungen des Vorredners, er glaube trotz seiner Jugend sich mit jüdischen Dingen mindestens ebensoviel befaßt zu haben wie jener. Herr Dr. Weigert glaubt die Berechtigung des Antrages nicht bestreiten zu sollen. Bisher habe man aber niemals in dieser Versammlung einen so schroffen, einseitigen Parteistandpunkt eingenommen. Aber, Herr Stadtrat! Wo ist denn jemals ein schrofferer, einseitigerer Parteistandpunkt zutage getreten, als unter dem Regime des liberalen Vorstandes und der liberalen Majorität der Repräsentanten! Allein nach liberaler Logik ist eben das, was dem einen als hochverdienstliche That modernen Fortschritts angerechnet wird, bei dem anderen