Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 10 (6.3.1896)
- Date
- 1896-03-06
- Page
- Seite 170 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/4794838-9609712-9609898--1224-9609900- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 170. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 10. würden als letzter Nachschub sich anschließen. Alles solle langsam, hübsch bequem und ganz freiwillig vor sich gehen. Gemeindeweise, unter Führung der Rabbiner, würde der neue Exodus ins Werk gesetzt werden, sodaß jeder in der neuen Heimat den alten Nachbar wiederfinde. Die Liquidation in Europa besorgt die Milliardengesellschaft zur allseitigen Zufriedenheit, ebenso die Verwaltung in dem gelobten Lande Herzl'scher Factnr. Diese Verwaltung aber wird mustergiltig sein und allen etwas bringen: den Sozialisten Kollektivismus mit dem Maximal-Arbeitstag von sieben Stunden — Singer und Sabor können hiernach gar nicht umhin, sich an der Aktienzeichnung zu beteiligen — den Anhängern des Kapitalismus ein unbeschränktes Unternehmertum — Petroleum und Pomade. Dieses prätentiöse Geschwätz eines in Nationalökonomie und Judenrettertum dilettierenden Feuilletonisten, dieser Zionismus auf Aktien verdiente gar keine Erwähnung, wenn nicht Einspruch notwendig wäre gegen die — vermutlich unbewußte — Verwegenheit, mit der es heilige und ernste Dinge, wie die messianische Idee, in den Kreis seiner Oberflächlichkeit und Unzulänglichkeit zieht. Die ganze Schrift ist der Einfall eines volkswirtschaftlich völlig unreifen Kopfes, und gerade der Versuch der Einzelausführung zeigt diese Unreife in erschreckender Blöße. Die feuilletonistische Aefferei, die sich Nietzsche ebenbürtig glaubt, wenn sie nach Nietzschescher Art von „Umdenken und Umlernen mancher alten Vorstellung" spricht, oder mit Lassalleschen Reminiszenzen von der „historischen Kategorie" des Bauerntums sich heransputzt, bildet nur einen Beweis mehr für die Ueberhebung, mit der hier die nackte Unkenntnis sich als Erfindergenie spreizt. An der guten Absicht des Verfassers soll nicht gezweifelt werden. Doch er hätte in böser Absicht kaum mehr zu Mißverständnissen provozierende und falsche Aeußerungen häufen können, als er es in den wenigen Bogen seiner Schrift gethan. „Ten geistig und materiell höher stehenden Juden, sagt er an einer Stelle, kam (nach der Emanzipation) das Gefühl der Zusammengehörigkeit gänzlich abhanden." Nein, Herr Dr. Herzl, das ist nicht der Fall! Sie nehmen, was übrigens vielen begegnet, als „geistig höherstehend" die Juden, die sich für höherstehend halten, weil sie infolge vernachlässigten Unterrichts vom Judentum nichts wissen, oder infolge vernachlässigter Erziehung vom Judentum nichts wissen wollen! An einer anderen Stelle verkündet Herr Dr. Herzl die tiefsinnige Wahrheit: „Wer untergehen kann, will und muß, der soll untergehen." Jnderthat: goldrichtig! Hat es aber jemals einen sinnigen Menschen gegeben, der behauptet hätte, es solle irgend jemand irgend etwas nicht thnn, was er thun kann, will und muß! Um uns diese Entdeckung zu bringen, brauchte wirklich kein Geist herniederzusteigen. — Es ist auch keiner herniedergestiegen. An einer dritten Stelle formuliert der Verfasser folgende Frage: „Ich werde nun die Judenflage in ihrer knappsten Form ausdrücken: Müssen wir schon raus? und wohin? Oder können wir noch bleiben? und wie lange?" Tie Aufmerksamkeit von Kindern pflegt man dadurch zu prüfen, daß man ihnen eine Alternativ-Wette vorschlägt: „Entweder ich gewinne oder du verlierst." Herr Dr. Herzl stellt diese Alternative in aller Harmlosigkeit. Dem Hinausgehen setzt er nicht das Bleiben, sondern dem „schon" hinausgehen das „spätere" Hinausgehen entgegen. — Mit solcher Kindlichkeit hat man allen Anspruch an das Himmelreich, doch kein Recht, in irdischen Dingen mitzureden. Auf ungefähr der gleichen Höbe des Scharfsinns und namentlich der Klugheit stehen die Bemerkungen des Verfassers: „Die Fürsten können uns nicht schützen; sie würden den Judenhaß indossieren, wenn sie den Inden zu viel Wohlwollen bezeigten; und unter diesem „zuviel" ist weniger zu verstehen, als worauf jeder gewöhnliche Bürger oder jeder Volksstamm Anspruch hat." — „Die Völker, bei denen Juden wohnen, sind alle samt und sonders, verschämt oder unverschämt Antisemiten." — „Die gebildeten und besitzlosen Juden fallen jetzt alle dem Sozialismus zu." — „Wir waren gesetzlich in unseren bisherigen Wohnsitzen nicht mehr emanzipierbar. Wir hatten uns im Ghetto merkwürdigerweise zu einem Mittelstandsvolk entwickelt und kamen als eine fürchterliche Konkurrenz für den Mittelstand heraus." — „In den Bevölkerungen wächst der Antisemitismus täglich, stündlich und muß weiter wachsen, weil die Ursachen sortbestehen und nicht behoben werden können." — „Wir werden nach unten hin zu Uinstürzlern proletarisiert, bilden die Unteroffiziere aller revolutionären Parteien und gleichzeitig wächst nach oben unsere furchtbare Geldmacht." Zum Schluß noch ein Zitat: Herr Dr. Herzl sagt von seinem Jndenstaat, der ein Weltbedürfnis sei und folglich entstehen werde: „Von irgend einem Einzelnen betrieben, wäre es (das Projekt) eine recht verrückte Geschichte — aber wenn viele Juden gleichzeitig darauf eingehen, ist es vollkommen vernünftig, und die Durchführung bietet keine nennenswerten Schwierigkeiten. Die Idee hängt nur von der Zahl ihrer Anhänger ab." 'Nun, vorläufig wird „es" noch von einem Einzelnen betrieben, und das Herzliche Selbsturteil bleibt in Kraft. M. A. Klausner. Ei» vsrftoß. Ans dem Gemeindeparlament in Berlin. Unsere Voraussage, daß es in der nächsten Sitzung der Repräsentanten etwas heiß hergehen werde, hat sich im vollsten Maße erfüllt. Das war am 1. d. Mts. nach langer Zeit eine Sitzung im großen Stil. Freund und Feind standen gerüstet und gewappnet einander gegenüber, und kaum ein Hauch war zu verspüren von jener friedlich-gemütlichen Stimmung, die sonst diese Hallen durchweht. Die neuen Verhältnisse machen sich mit Macht geltend und klopfen gebieterisch an die Thore, mögen auch der liberale Vorstand und die wenigen übrig gebliebenen Getreuen in der Versammlung nach Art des Vogel Strauß die ehrwürdigen Köpfe im Sande verstecken. Die Herren, die dieses mal ganz erstaunt thaten .über den ganz veränderten Ton, der plötzlich angeschlagen wurde, werden noch an manches sich gewöhnen und im Laufe