Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 9 (28.2.1896)
- Date
- 1896-02-28
- Page
- Seite 163 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 9. Allgemeine Israelitische Wochenschrift Seite 163. schlafene im letzten Grunde ein Opfer des Vorurteils geworden, das bedauerlicherweise vielfach gegen den Stamm gehegt wird, dem die Welt drei geoffenbarte Religionen verdankt, und den vielen Tausenden von Menschen, die nur darum Schmach erlitten, weil sie diesem Stamme angehörten, reiht sich der Verblichene an. Der so früh Dahingeraffte ist ein Märtyrer seines Stammes, und wenn sein Tod in weiteren Kreisen die Erkenntnis von der Verderblichkeit des Rassenhasses weckt, an welchem ein beträchtlicher Teil des herrlichen deutschen Volkes krankt, so wird das edle Blut dieses vortrefflichen Mannes nicht umsonst geflossen sein. ..." — Noch ein Lehrervercin in Rheinland-Westfalen! Man schreibt uns: „Eine „Pädagogische Konferenz" israelitischer Lehrer ist in diesen Tagen an der Grenze der genannten Westprovinzen ins Leben gerufen worden. Die überaus günstigen Reiseanschlüsse vermittels der Eisenbahn bezw. elektrischen Bahnen ermöglichen eine öftere Tagung der Konferenz — geplant ist alle vier Wochen. Wie der Name schon andeutet, soll vor allem das pädagogische Element betont werden, und das mit Recht. Denn wenn man bedenkt, daß die meisten israelitischen Lehrerkonferenzen nur eine jährliche Sitzung abhalten, so wird man leicht finden, wie wenig dadurch die Fortbildung der jungen Lehrer gefördert werden kann. Der Sitz des Vereines wurde noch nicht festgesetzt. In dem ersten Vortrag eines der Mitglieder wurde gleichsam das Programm der neuen Vereinigung angedeutet: „Worin besteht der Zweck israelitischer Lehrerkonferenzen; und welche Erfordernisse sind vonseiten der Mitglieder zur Erreichung derselben notwendig?" Vielleicht kommen wir später darauf zurück. Wir rufen dem jungen Vereine ein kräftiges vivat, floreat, crescat zu. Es lebe das ideale Streben seiner Mitglieder, es blühe ihre Jugend; es wachse der Umfang und die Zahl derselben!" — Wir unsererseits finden, daß die genannten Provinzen an den schon bestehenden drei Vereinen (Essen, Köln, Marburg) genug haben. — Eine neue Motivierung für Ablehnung einer Orgel finden wir tit einem orthodoxen Blatte. Da wird aus Göttingen berichtet, daß nach der kürzlich erfolgten Vergrößerung der Synagoge auf Veranlassung des Rabbiners „die Orgelbegleitung auf die heiligsten Gebete, wie Kaddisch, Keduscha rc. ausgedehnt worden" sei, und daß infolgedessen zwölf Gemeinde- Mitglieder einen Privat-Gottesdienst eingerichtet hätten, der aber auf Veranlassung des Vorstandes durch den Magistrat untersagt wurde. Es geschah dies auf Grund § 2 der allgemeinen Synagogenordnung für die Provinz Hannover vom Jahre 1860, welcher die Einrichtung eines Privat-Gottesdienstes von der Genehmigung der Gemeindevorstäude abhängig macht. Es wird alsdann die Hoffnung ausgesprochen, „daß die durch ein Rabbinatsgutachten gestützte bei dem zuständigen Regierungspräsidenten eingereichte Beschwerde Erfolg haben werde, so daß die „liberalen" Herren ihre Gewiffensknechtung nicht würden aufrecht erhalten können." — Diesem Wunsche schließen auch wir uns an, weil wir ausgesprochene Gegner jeder Art von „Gewiffensknechtung" sind. Wir wollen aber nicht verschweigen, daß das von den Göttinger Orthodoxen angeführte Argument ebenso neu wie naiv ist. Weil die Orgelbegleitung auf „die heiligsten Gebete rc. ausgedehnt worden", haben sie einen Privatgottesdienst veranstaltet. Nach orthodoxen Prinzipien macht das bloße Vorhandensein einer Orgel, auch wenn sie sich bei Kaddisch und Keduscha nicht vernehmen läßt, das Gotteshaus zu Gebetzwecken unbrauchbar. Tie Herren sollten sich beeilen, ihre Argumentation nach dieser Richtung hin zu ergänzen, denn angenommen, der Rabbiner wollte ihnen einen Possen spielen und ließe bei Kaddisch und Keduscha, wo sie leicht entbehrlich ist, die Orgel schweigen — was dann? — Dr. Joses Guggenheimer, Rabbiner in Kolin, Führer der jüdischen Orthodoxie in Oesterreich, ist gestorben. Der Heimgegangene war nicht blos ein bedeutender Talmudist, sondern auch ein Mann von vielseitigem Wissen. Er hat nur weniges aus dem Schatze seines Wissens publiziert, aber auch dies Wenige, obzwar aus seiner frühen Jugend stammend, zeigte eine erstaunliche talmudische Gelehrsamkeit, gepaart mit klassisch-philosophischem Wissen. 1851 wurde er nach Teschen als Kreisrabbiner berufen, wo sein Wissen und sein Charakter von dem dermaligen mährischen Landrabbiner Samson Raphael Hirsch so unbedingte Anerkennung fand, daß er ihm seine geistvolle und edle Tochter, die selbst als Schriftstellerin unter dem Pseudonym Friedrich Rott einen geachteten Namen genießt, zur Frau gab. In Stuhlweißenburg, wohin er von Teschen berufen wurde, hatte er seiner streng konservativen Richtung wegen mannigfaltige Anfechtungen zu erleiden, die ihm bei allen Gemeinden der Monarchie lebhafteste Anerkennung erwarben, so daß er im Jahre 1858, als der geachtete Koliner Rabbiner Daniel Frank starb, an dessen Stelle nach Böhmen berufen wurde. In dieser Stadt wirkte er seither segensreich, und trotzdem sich die Verhältnisse seiner Gemeinde nach der Freizügigkeit und dem Absterben seiner alten und mächtigen Freunde nichts weniger als günstig gestalteten, blieb er bis an sein Ende, mannigfache Berufungen in große Gemeinden, zuletzt an die Religionsgenoffenschaft in Frankfurt am Main als Nachfolger seines Schwiegervaters, ablehnend. Tie theologische Gelehrsamkeit des Tr. Guggenheimer war so allgemein anerkannt, daß aus allen Teilen Europas täglich bei ihm Anfragen um Rechtsgutachteu einliefen, die er, die Nacht zum Tage machend, in der uneigennützigsten Weise beantwortete. - Der große Judcnschmerz wurde in ergreifender Weise von einem getauften Juden geschildert. In Petersburg besteht ein sog. Asyl für israelitische Mädchen, begründet von der Mission. Welche Ziele dieses „Asyl" verfolgt, daß es weniger den Leib schützen als die Seele „retten" will, das brauchen wir wohl nicht erst zu sagen. Am 3. d. Mts. beging dieses Asyl das Fest seines 32 jährigen Bestehens. Aus diesem Grunde hielt der emeritierte Oberpfarrer R. Gurland — ein getaufter Jude — eine längere Rede, in deren Verlaus er den großen Judenschmerz schilderte, der selbst den Vertreter der offiziösen „St. Petersburger Zeitung" mächtig ergriff. Dieser widmet auch dem Feste und dem Redner einen breiten Raum; wir wollen jedoch ans seinem Berichte nur eine Stelle wiedergeben. Er schreibt u. a.: „In tiefernster, ergreifender Weise sprach hierauf Oberpastor Gurland über die Stellung der Christen zu den Juden» Die Ausfiihrungen des Redners, der seiner Abstammung nach selbst ein Jude ist, wirkten um so elementarer, als er mit ruhiger Sachlichkeit und absoluter Leidenschaftslosigkeit die Fehler und Vorzüge seines Volkes