Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 9 (28.2.1896)
- Date
- 1896-02-28
- Page
- Seite 162 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/4794838-9609712-9609877--1215-9609891- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 162. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 9. die vorerwähnte alte Tante an einer so totalen Verwechslung der Begriffe leide, daß die völlige geistige und moralische Umnachtung als erwiesen zu betrachten sei. Die „Staatsbürger- Zeitung" wird daher künftig an den Wochentagen von Plötzensee, an den Sonntagen von Dalldorf aus erscheinen." — Recht nett, nicht wahr? — Mit Wasser kochen auch unsere Gegner, die gelegentlich eine Treibjagd veranstalten aus Heiratsannoncen, in denen jemand seinen Wunsch ankündigt, in eine Familie, soll heißen in ein Geschäft „hineinzuheiraten". Derartige Inserate sollen nach der Versicherung arischer Tugendbolde natürlich nur in der sog. „Judenpresse" Vorkommen. In einer der letzten Nummern der „Deutschen Tageszeitung", des hochoffiziösen Organs des Bundes der Landwirte steht indes munter und vergnügt: „Ein junger Landwirt, Besitzer eines kleinen, hübsch gelegenen Landguts und bedeutenden Barvermögens, wünscht sein kleines Landgut gegen größeres zu vertauschen oder auf größeres Gut einzuheiraten." — Man sieht, die „Liebe" kann auch in arischen Kreisen Geschäftssache sein! — Der Zionismus hat einen neuen Fürsprech gefunden, der um so ernster zu nehmen ist, als er aus dem neuesten Ideal Jung-Jsraels keinen „Spaten, um mit ihm zu graben", kein Geschäft zu machen versucht. Theodor Herzel, der Feuilleton - Redakteur der Neuen Freien Presse, hat in einer Artikelserie in der Jew. Chronicle und später in einer Broschüre die Errichtung eines „Judenstaates" in Palästina, Argentinien oder sonst wo aus der weiten Erde vorgeschlagen und seinen Vorschlag als „Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage" bezeichnet. Wir werden in nächster Nummer Herrn Dr. Herzel selbst das Wort erteilen, und wollen heute nur die Thatsache registrieren, daß die antisemitische Presse Oesterreichs ihr Veto gegen die Auswanderung der Juden einlegt. Und mit Recht. Denn gäbe es keine Juden, — wovon sollten die antisemitischen Schmierer leben? — Falsches Martyrium. Unter diesem Stichworte reproduzierten wir in der vorletzten Nummer einen Artikel der Volkszeitung, der sich mit der an der Bahre des in einem Duell verletzten und infolge dieser Verletzung verschiedenen Gerichtsasseffors Wollstein in Nakel beschäftigte. Mit Bezug hierauf schreibt uns Rabbiner Tr. Perlitz aus Nakel: „In der letzten Nummer Ihrer sehr geschätzten Blätter erklären Sie Ihre volle Zustimmung zu einem von Ihnen reproduzierten Artikel der „Volkszeitung", der sich mit meiner auf den Assessor Wollstein gehaltenen Leichenrede beschäftigt. Ich nehme mir die Freiheit, Ihnen ein Exemplar der Rede, deren Manuskript unmittelbar nach der Beerdigung des Assessors von mir abverlangt und gedruckt wurde, einzuschicken, so daß sie selbst beurteilen mögen, ob ich in so wenig Worten so viel Unsinn sagen konnte, als mir von der „Volkszeitung" und einem anderen Blatte imputiert wird. Ich habe den Assessor nicht als Märtyrer seines Berufes bezeichnet, — ich habe ihn nicht für die Verteidigung der Ehre seines Stammes in den Zweikamps ziehen lassen — (wie die Volkszeitung meint) noch habe ich das Duell verherrlicht — wie ein boshafter, hämischer Referent einem anderen Blatte mitteilt. Das einzig Richtige ist die mißliebig aufgenommene Charakterisierung des Verstorbenen als eines Märtyrers seines Stammes. Diese Aeußerung kann ich vertreten. Nach meiner Meinung ist jeder Jude, der als solcher gereizt, geschimpft, verhöhnt, geschmäht wird — ein Märtyrer seines Stammes. Wie übel dem Verstorbenen mitgespielt, wie sehr er gereizt wurde, davon haben Außenstehende keine Ahnung. — Ich konnte mich nicht entschließen, noch nach seinem Tode einen Stein auf den Mann zu werfen, dessen Verlust den Seinigen so nahe geht — ich überlasse dieses Geschäft den Referenten der Zeitungen, die die unbedeutende Rede eines in einer Provinzialstadt amtierenden — nicht nach Ruhm und Ehre strebenden Mannes — in unrichtiger (um nicht zu sagen gefälschter) Form wiedergeben und in die Welt Hinausposaunen, was ich nicht gesagt habe, um dann überflüssige und hämische Bemerkungen daran zu knüpfen. Den Referenten war es nur darum zu thun, den Eindruck der wenigen Worte, der ein bedeutender war, zu schwächen. Den Zweck dürsten sie nur bei sehr wenigen erreicht haben." — Wir haben den Nachruf geleseu und gesunden, daß in der That Herrn Dr. Perlitz Unrecht geschehen ist. Da es im Interesse des Judentums liegt, daß die Behauptung, einer seiner Vertreter habe, wie im Reichstage ein protestantischer Kollege desselben, sich bedingt für das Duell ausgesprochen, widerlegt werde, lassen wir den Nachruf in seinem wesentlichsten Teile folgen. — Nach einer allgemeinen kurzen Einleitung über die Hinfälligkeit des Menschen, wendet der Redner sich dem Verstorbenen zu: „Doch hier an dieser Bahre drängt sich uns die Frage aus die Lippen: ,,Mah l’cho po umi l'cho po ki chozawto l'cho po kowerr“ (Jesaias 22, 16) Was ist Dir, geliebter Toter, widerfahren? Wie ging es zu, daß Du so früh Dir hier ein Grab gehöhlet? Du warst ja noch nicht alt! Du warst in den Jahren, wo der Lebensweg den Menschen auswärts führt; keine Krankheit, kein Siechtum zehrte an Deinem starken, unter dem Schutze der Mäßigkeit und einer weisen Lebensführung zur vollen Manneskraft herangereiften Körper. Was hast Du verschuldet, daß Du sterben mußtest, ehe noch Deine Zeit gekommen war? Und während ich so frage, tönt mir aus seinem Sarge als Antwort die schmerzliche Klage des unschuldig eingekerkerten Patriarchensohnes Joseph entgegen: „Wegam po lo ossissi me’umoh ki szomu ossi babor“ (Genes. 40, 15). Ich habe hier ebensowenig wie an anderen Orten, wo ich lebte und wirkte, etwas verbrochen — und man schickt mich ins Grab. Gewiß, dieser harmlose Mann mit dem edlen Herzen und freundlichen Gemüte, der es nicht zu fassen vermochte, wie man ihn einer Ungerechtigkeit zeihen, wie man ihm überhaupt abgeneigt sein konnte, hat nichts Böses gethan. Nur Rühmliches kann man von ihm sagen. Des liebenden Elternpaares frühzeitig beraubt, ging er selbständig seinen Weg in treuer ernster Pflichterfüllung, bis er am Ziele seiner Studien augelangt des Lohnes harrete, der dem treuen Arbeiter winkt. Reich an Geistesbildung, hatte er auch ein gutes Herz. Er war nicht imstande, jemanden zu verletzen, zu kränken, zu beleidigen. Um so schmerzlicher mußte er eine unverdiente Kränkung empfinden; und für die Abwehr einer solchen Kränkung, die ihn um so tiefer verletzte, weil sie mit einer Schmähung seines Stammes verbunden war, wurde er zum Zweikampfe gefordert, in welchem er die furchtbare Todeswunde empfing. So ist der Ent-