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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-02-28 · 9 (28.2.1896) · p. Seite 161

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
9 (28.2.1896)
Date
1896-02-28
Page
Seite 161 (sequence 13)
Language
German
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Nr. <). Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 161. ja jene Fälschung historischer Vorgänge auch in jüdischen Kreisen Eingang gefunden. Dr. F. <S. K. * Reminiszenz. Unter Friedrich dem Großen lebte in Berlin ein jüdischer Petschaftstecher, Salomon Bücher mit Namen. Derselbe lieferte auch Modelle zu Münzen. Eininal ließ ihn der König zu sich komnien, bezeugte ihm seine Zufriedenheit und erlaubte dem bereits Siebzigjährigen, sich eine Gnade ausznbitten. Bücher ersuchte nun um eine Anstellung bei der königlichen Münze. Aber diesen Wunsch wollte der König nicht erfüllen. „Ja, wenn Er ein Christ wäre", sagte Friedrich II., „daim ließe sich darüber sprechen." Illach vier Wochen erschien Bücher rvieder vor seinem Landesherrn und meldete, daß er „zur Christenheit" übergegaugen sei, weil der König versprochen habe, ihm ein Amt zu geben, wenn er Christ geworden sei. Da sagte Friedrich zornig: „Melde Er sich bei unserm Stallmeister als Vorläufer!" Bestürzt machte Bücher sein hohes Alter geltend. Aber der König erklärte: „Wenn er in vier Wochen überlaufen konnte zum Christentum, dann wird Er auch Kraft genug haben, vor meinem Wagen herzulaufen. Wir haben nie von solchen Menschen etwas gehalten, die ihren Glauben wechseln wie einen Rock." lt) 0 ch e n - (£ b v o n i f. Berlin, den 14. Adar 5656. - Purim-Nachrichten. Vom Korrespondenz-Bnreau „Lust" geht uns folgender Bericht zu: Am 26. d. M. abends nach der Megillah veranstaltete der Liberale Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde in Berlin eine außerordentliche Versammlung in den Räumen des Restaurants Klosterstr. 8/9, die sehr zahlreich besucht war. Die bei der letzten Wahl unterlegenen Repräsentanten und deren Stellvertreter waren vollzählig erschienen. Einziger Gegenstand der Tagesordnung war die Frage: Wie ehren wir die Männer, die sich bei der letzten Repräsentantenivahl verdient gemacht haben? Nach einem Referate des Vorsitzenden wurde einstimmig beschlossen, die Herren Professor Lewin und Conrad Schaper zu Ehren-Vorsitzenden und die Redakteure Klausner und Levin zu Ehrenmitgliedern zu erneunen. Dr. Bernfeld soll zum Oberrabbiner gewählt werden, wofern er sich verpflichtet, nicht mehr zu behaupten, daß in Alerandrien, Cäsaren und Neutomischl nicht in griechischer Sprache gebetet wurde. Der Antrag des Herrn Justizrat Meyer, den Genannten den Morenn-Titel zu verleihen, wurde abgelehnt. „Wir haben schon jetzt unter den Trägern dieses Ehrentitels einen zu viel," wurde ausgesührt. — Ein Antrag auf Ernennung der Allg. Israel. Wochenschrift zum offiziellen Vereinsorgan wurde einstimmig angenommen, jedoch soll der Herausgeber angehalten werden, dem Blatte den alten hebräischen Titel „Jeschurun" wieder zu verleihen und es aus hebräischer Schrift Herstellen zu lassen. — Weitere Anträge zur Ehrung der oben genannten Herren, nämlich die: sie sämtlich auszuhauen — in Marmor —oder sie im Vereinslokale auszuhängen - in lebensgroßen Bildern — wurden abgelehnt. „Das haben sie denn doch nicht verdient!" meinte der Vorsitzende. Die Versammlung blieb bis zum Morgen zusammen und begab sich dann in corpore nach der Synagoge in der Gypsstraße, weil dort die Megillah am langsamsten gelesen wird. — Berlin, 27. Februar (Privat-Telegramm). Um die Anstellung eines konservativen Oberrabbiners entbehrlich zu machen, haben die hiesigen Rabbiner beschlossen, einen Kandidaten aus ihrer Mitte vorzuschlageu, und damit sich keiner zurückgesetzt fühle, soll die Wahl dem Zufalle überlassen bleiben. Sämtliche Rabbiner wollen sich bis nach Sephira „Peies" wachsen lassen, und wer alsdann die längsten Zeugen altjüdischer Art aufweisen kann, der soll Oberrabbiner werden. — Er ist da, der vor jedem Peßachfeste fällige Ritualmord! Die Staatsbürger-Zeitung schreibt sich „von durchaus vertrauenswürdiger Seite" in ihrer letzten Sonntagsnummer, daß man den noch immer nicht entdeckten Mörder des zehnjährigen Knaben Burr aus Rixdorf in jüdischen Kreisen suche, weil verschiedene Merkmale auf einen sogenannten Ritualmord schließen ließen. Zn diesen Merkmalen gehört erstens der Umstand, „daß der Hals des unglücklichen Knaben mit geübter Hand durch einen regelrechten Schnitt von links nach rechts, ohne daß der Halswirbel verletzt wurde, bis an diesen durchschnitten" sei. Der Mörder soll ferner schwarzes Haar und dito Schnurrbart, sowie eiue „jüdisch gebogene Nase" gehabt haben. Zwar hat der siebenjährige Bruder des Ermordete«, der den Mörder vor der That gesehen, ausgesagt, daß die Nase des Thäters nicht mehr gebogen gewesen sei, als die des mit ihm verhandelnden arischen Kriminalbeamten, allein es genügt der Staatsbürger-Zeituug, „daß dem Kinde die gebogene Nase auffiel." — Und dieses „Belastungsmaterial" genügt dem Blatte, um in einer Nachbemerkung „das Naheliegende solcher Erwägungen nicht von der Hand zu weisen!" Hierauf läßt sich nur eines erwidern: Glauben Verfasser und Verbreiter dieses schmachvollen Verdachts das, was sie schreiben, dann gehören sie ins Irrenhaus; glauben sie es nicht und schreiben es dennoch, dann gehören sie ins Zuchthaus. Der Futterneid spielt bei unseren Gegnern eiue Hauptrolle, und im Kampfe für deutschvolkliche Sitte und Tugend plaudern sie gegen und über einander manches aus, was weder sittlich noch tugendhaft. So schreibt Hans v. Mosch über ein hiesiges Antisemitenblatt: „Die „Staatsbürger-Zeitung" ist in dem vor kurzem stattgehabteu Prozeß gegen die „Genossenschaft Berliner Schneidermeister" aus Antrag des Anwaltes der letzteren „auf ihren geistigen Zustand untersucht worden" und siehe da, es hat sich heransgestellt, daß dieser geistige Zustand dem einer alten giftigen und geizigen Tante gleicht, die außerdem die Eigenschaft besitzt, stark nach „rechts" zu schielen und Herren im goldenen Kragen um Subventionen für ihre alten Tage anzubetteln. Der böse Geist besagter alten Tante äußerte sich in der erwähnten Gerichtsverhandlung besonders auch dadurch, daß sie durch ihren Chef-Redakteur erklären ließ: „Sie werde Nachweisen, daß diejenigen antisemitischen Zeitungen, welche keine Juden - Annoncen aufnähmen, aus Betrug oder Bettel basiert seien. Ta mm sämtliche antisemitische Zeitungen mit Ausnahnle der „Staatsbürger - Zeitung" keine Juden-Annoncen ausnehmen, iveil sie es zum mindesten für widersinnig oder betrügerisch halten, vorn zu warnen: „Kauft nicht bei Inden" und hinten für koscheres Geld (non ölet!) Judcnwaren anznpreisen, so nahm der Gerichtshof an, daß

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