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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-02-28 · 9 (28.2.1896) · p. Seite 160

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
9 (28.2.1896)
Date
1896-02-28
Page
Seite 160 (sequence 12)
Language
German
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Seite 160. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr 9. Gelegenheit dichtete Elchanan Bar Abraham Helen, mit dem Familiennamen Wertheimer, ein „Vinzlied" oder „Vinzhanslied", welches zuerst 1648 zu Amsterdam und später 1696 zu Frankfurt a. M. (bei Josef Trier) gedruckt wurde. Die Melodie der „Schlacht von Pavia" muß schon 1614 durchaus populär geivesen fein, denn sie machte sich sogar auch bei dem feierlichen Wiedereinzuge der Juden, unter dem Geleite von Soldaten mit fliegenden Fahnen und Trommeln und Pfeifen, benrerkbar. So nahm bei diesem Einzuge der Vorfahr der noch heute in Frankfurt angesessenen Familie Adler in seiner übersprudelnden Freude einem Trommelschläger Trommel und Schlägel weg und accoinpagnierte eigenhändig auf der Trommel die Melodie der „Schlacht bei Pavia" beim Einzuge in die Judengasse. Mit der merkwürdigen Treue, mit welcher das Judentum seine Traditionen aufrecht erhält, ist auch die Melodie der „Schlacht bei Pavia" vom Judentum in Frankfurt aufrecht erhalten worden. Nach der Rückkehr in die alte Frankfurter Heimat wurde von der dankbaren Gemeinde zur Erinnerung an die schwere Zeit der harten Bedrängnis ein Fasttag angeordnet, welchem sich unmittelbar ein Fest- und Freudentag - Binz-Purim — anschloß. An diesem zweiten Festtag wurde der erste Abschnitt des Morgengebetes nach der Melodie der „Schlacht bei Pavia" gesungen, und dies ist noch bis vor wenigen Jahren geschehen. Wie die Melodien fast aller jüdischen Gottesdienstgesänge, erhielt sich auch diese Melodie durch Tradition ohne Auszeichnung nach Noten. Vor mehreren Jahren veranlagte Herr Elias. Ullmann nach dem Vortrage eines alten Synagogenvorsängers eine Auszeichnung der Melodie. Besitzt sie einer unserer Leser? * Kalendarisches. Daß Purim wie in diesem Jahre auf Freitag fällt, kommt nur selten vor. Das letzte Mal geschah dieses im Jahre 1886 und wird in unserm Jahrtausend nur noch geschehn in den Jahren 1899, 1906, 1910, 1928, 1960, 1950, 1954, 1974, 1977, 1981 und 1994, also zweimal in Abständen von 20 Jahren. Nach der jüdischen Zeitrechnung fällt Purim immer aus den Wochentag, welcher dem des Erew Peßach vorhergeht. Letzterer fällt daher in diesem Jahre ans Sabbat und der 1. Peßach ans Sonntag und ist es gerade dieser Umstand, welcher für die jüdische Kalenderberechnung ein allgemeines Interesse hat. Tie religiöse Feier des Peßachfestes ist nicht nur von höchster Wichtigkeit, sondern die Wochentage desselben dienen auch dazu, die Wochentage aller übrigen Feste des Jahres im voraus genau nach denselben bestimmen zu können. Nach der Formel ^’Z TN braucht man sich nur folgendes zu merken: Aus den Wochentag des 1. Peßach fallen die Fasten des 17. Tamus und 9. Aw, aus den des 2. das Wochensest, aus den des 3. Neujahr und Laubhüttenfest, auf den des 4. Simchat Thora, ans den des 5. das Versöhnungssest und auf den des 6. das vorhergehende Purim. Daher fällt dieses Jahr der 6. Peßach aus Freitag, weil auch Purim auf Freitag fällt. Da sich nun alle Feste nach den Wochentagen des Peßach richten, wurde in dem jüdischen Kalender die Bestimmung getroffen, daß der 1. Peßach nie auf Montag, Mittwoch oder Freitag fallen darf. Fiele er auf Montag oder Mittwoch, so würde der Jom Kippur, welcher auf den Wochentag des 5. Peßach fällt, ans Freitag oder Sonntag fallen, also einem Sabbat unmittelbar vorhergehen oder Nachfolgen. Dieses würde aber große Unbequemlichkeiten verursachen, da es nicht erlaubt ist, an einem dieser Tage, also an Jom Kippur oder Sabbat, die Speisen zuzubereiten. Es würden zwei streng zu feiernde Sabbate, an welchen jede Werkverrichtung, also auch das Zubereiten der Speisen verboten ist, unmittelbar auf einander folgen, oder man würde zwei Tage saften müssen, was eben für den Sabbat, falls er nicht mit Jom Kippur zusammensällt, auch verboten ist. Wäre der erste Peßach dagegen am Freitag, so würde Hoschana rabbah auf Sabbat fallen, und das uns vorgeschriebene Abschlagen der Weiden nicht stattsinden können. Daher ist die Vorkehrung getroffen, daß der l. Peßach nur auf einen der Wochentage Sonntag, Dienstag, Donnerstag oder Sabbat falle. * Israel in Egypten. Der biblische Bericht über den Aufenthalt der Israeliten in Egypten und ihren Auszug aus Egypten, der naturgemäß ein unvollkommenes Bild der damaligen Verhältnisse liefert, hat antisemitischen Skribenten erwünschten Stoff zu Schmähungen der Inden insbesondere imb der Semiten im allgemeinen dargeboten. Den Antisemiten beliebt es, auch die Juden jener Zeit als Ausbeuter und eine kulturell niedrig stehende Menschenart hinzustellen. In Wahrheit verhielt sich die Sache ganz anders. Wie drei Jahrtausende später in Spanien, waren dazumal die Juden in Egypten höchst wichtige Träger der Kultur, die auf die Mehrheit der Bevölkerung den nachhaltigsten Einfluß in allen wirtschaftlichen und sozialen, mit dqm Gedeihen des Staates innig verknüpften Beständen segensreich ausübten. An den Folgen der Massenauswanderung der Inden siechte das altegyptische Staatswesen ebenso dahin, wie noch Spanien an der Judenaustreibnng von 1492 heutigentags kränkelt. Es ist nicht anders, als ob man einem Menschen bis zur Ermattung zur Ader läßt. Ter Mensch kann freilich zur Not noch weiter sein Leben fristen, doch mit seiner Widerstandskraft und Gesundheit ist es zumeist aus die Dauer vorbei. Ein Vortrag, den einer der bedeutendsten Egyptologen der Gegenwart, Professor Tr. Alfred Wiedemann, am 9. Dezember 1895 aus Anlaß der Winkelmann-Feier in Bonn gehalten, zeigt so recht deutlich, wie die auf den Straßen und in den Kneipen sich breitmachende Weisheit und Wissenschaft der Antisemiten wesentlich nur in der Einfältigkeit und bodenlosen Ignoranz ihrer Zuhörer und der antisemitischen Sndelpresse besteht. Freilich, so leicht kann man die Ergebnisse ernster und emsiger Forschung und Denkarbeit nicht unter das sogenannte „Volk" bringen, das jedem vernünftigen Nachdenken spinnefeind ist. Professor Wiedemann belehrt uns, daß die Semiten zur Zeit der cgyptischen Knechtschaft ein wichtiger Faktor im sozialen Leben der Egypter gewesen, und die Beweise hierfür oder richtiger die Quellen, aus denen der Forscher diesen Nachweis schöpft, geben ihm gerade die uns erhaltenen und glücklich entzifferten altegyptischen Qriginaldenkmäler jener Zeit an die Hand. Es liegt nicht in meiner Absicht, den in den Bonner Jahrbüchern des Vereins von Altertumssrennden im Rheinlande (Band X('LX) abgedruckten und allgemein zugänglichen Vortrag hier ausführlich wiederzugeben: ich wollte es mir jedoch leicht versagen, ans diesen Vortrag wenigstens hinznweisen, nachdem ich aus der vorletzten Nummer dieses Blattes ersehen habe (Aufsatz über Schopenhauer), daß jener Irrtum,

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