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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-02-28 · 9 (28.2.1896) · p. Seite 159

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
9 (28.2.1896)
Date
1896-02-28
Page
Seite 159 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 9. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 159. Bald d'rauf hat zur Zeit des Vollmonds einen Knaben sie geboren, Den der Himmel, Segen spendend, Israel zum Heil erkoren. Denn er ward in spätern Zeiten als ein großer Mann bekannt, Und als Rabbi Juda Chasid ruhmvoll in der Welt genannt. Kommst Tu einst nach Worms am Rheine, gehe in die Judengasse, Tu erblickst dann noch die Spuren in der Mauer fester Masse. Rach Jahrhunderten bezeugen sie es deutlich jedermann, Daß sich, wenn der Mensch so lieblos, noch der Stein erbarmen kann. * Im Salon Gurlitt, dem Sammelpunkt aller Freunde und Meister der bildenden Künste, hat ein jüdischer Maler, Lesser llry, ein großes Gemälde ausgestellt, das unter dem Titel „Jerusalem" eine ergreifende stimmungsvolle Darstellung trauernder Inden bietet. Der Knnstreserent des „B. T." schreibt über dieses Bild: Bendemann hat uns die über Zion trauernden Juden an den Wassern Babels noch im Lichtglanz einer Schönheit gezeigt, die sich dem Wohlklang der elegischen Klage des Psalmisten anschloß. Die Gestalten Bendemanns konnten noch zu Hoffnung und Freude erweckt werden. Hoffnungslose Verzweiflung, rettungsloses Elend liegt auf dem Häuflein Inden gebreitet, das Lesser Ury in seinem Bilde am Strande des Ozeans versammelt hat. Die Nacht ist schon tief am Hereinbrechen; nur mühsam kann das Auge die in der Dunkelheit verschwimmenden Züge unterscheiden, hier und da nur noch die Silhouette. Was das Auge enträtseln kann, das setzt sich um wie in ein schmerzliches Stöhnen, das ans diesen Jammergestalten hervortönt. Auf der Holzbank das alte Weib mit den erstarrten Zügen hat längst mit irdischer Freude abgeteilt; zusammengekanert blickt ein halb Wahnsinniger stier ans dem Bilde heraus: ein alter Mann mit blödem Ausdruck murmelt die gewohnten Gebete. Ans den Zwischenräumen zwischen den in plastischer Ruhe sich heraushebenden Gestalten schimmern die weißen Wasser des Meeres, und im Hintergrund verschwimmen die letzten Lichter der schon untergegangenen Sonne. Ein großes stilistisches Vermögen und eine tiefernste Lebensauffassung sprechen aus dem Bilde Lesser Urys und ziehen den Beschauer in den Kreis der finsteren Empfindungen, die er heraufbeschwört. Am ehesten kann man ihn mit Klinger vergleichen, an dessen Kompositionsweise und Bitterkeit, er erinnert. In den letzten Sinn dieses sich als symbolisch schon durch seinen Titel answeisenden Kunstwerks einzndringen, ist nicht ganz leicht. Die Hoffnung auf Wiederaufrichtnng von Zion verschwindet in einem letzten in Elend verkommenden Rest jüdischen Volks, repräsentiert durch eine Schar polnischer Juden — das scheint am ehesten die Deutung dieser Vision Lesser Urys 311 sein. — Etwas mehr liest der Referent des „B. C." ans dem Bilde heraus: Eine kleine Schar armer Inden ist ans dem Wege nach einem neuen Wohnsitz. Der Familienvater, eine Erscheinung ehrwürdigen Alters, in allem Unglück ruhig und gefestet durch eine unendliche Reihe bitterer Lebenserfahrungen. Tie Mutter, eine Matrone, die wie eine grau gewordene Maria am Leibe der eigenen Familie viele, viele Bitternisse erfuhr, aber, vom Schmerze fast versteinert, keine Thränen mehr findet, nur ewige, ewige nachdenkliche Ruhe. Ter Sohn, den der Schmerz noch weniger niederwars, ein Heros des orthodoxen Geistes, welcher über die trauernden Eltern hinweg das Haupt stolz erhebt und sich weit in der Ferne den Horizont sucht, der ihm groß und breit genug dünkt für seine Zukunft. Sein Weib, eine Königin des Schmerzes und doch dem Augenblick ganz hingegeben, herrschend, wenn sie sich ausrichtet, gewinnend, wenn sie niedergebeugt den Thränen ihren Lauf läßt, und aus diesen Thränen gern zu ihrem frischen Kinde herabblickend, dessen Sonne ihre Wolken verscheucht: als Mutter hat sie ihre ganze Zukunft nur in ihm. Dann die Anverwandten und die übrigen Familienmitglieder, jedes in seiner Art: bald der Sehnsucht sich hingebend, bald in stiller Beobachtung versunken, bald auch, abgetrennt von den Anderen und von den Gedanken der Anderen, egoistischen Plänen nachsinnend, — wozu Sehnen und Hoffen? Wozu nicht den Augenblick am Schopfe fassen, der unserer Existenz den goldenen Boden bereitet? .... Tie Juden sind aus ihrem Zuge in die Zukunft oben, hoch oben über dein weiten stillen Meere an einer Bank vorbeigekommen; der Abend senkt sich über die Erde; sie rasten noch ein letztes Mal an diesem Tage. Sie beten. Schweigsam verharrt die Natur. Kaum rascheln die wenigen Bäume, die den Dünenhügel gegen das Meer zu beleben, im leisen Abendwinde. Alles ist still, unendlich still, tu banger, sehnender Erwartung des Kommenden. Und durch das große Schweigen zieht eine geheimnisvolle Verheißung. — Dieses ist die Szenerie des gewaltigen Bildes. Ich bin glücklich, bei dieser Gelegenheit einmal meine grenzenlose Bewunderung der Uryschen Kunst aussprechen und belegen zu können. Denn Urys Werk ist nicht nur sein Meisterwerk, es ist ein Meisterwerk der gesamten modernen Kunst, es ist ein knnstgeschichtliches Bild. * Hamans-Ohrcn. Den verehrten Leserinnen dieses Blattes empfiehlt eine englische Dame folgendes Rezept zur Herstellung dieser beliebten jüdischen Originalspeise: Nimm 1 Pfund seingesiebtes Weizenmehl, 4 ganze Eier und 2 Eigelb. Wenn die Eier tüchtig geschlagen, gieb Salz hinzu und mische tropfenweise 4 Eßlöffel bestes Olivenöl dazu, während welcher Prozedur die Eier fortwährend geschlagen werden. Tann gieb Riehl hinzu, aber um eine Klumpenbildnng zu verhüten, nur wenig auf einmal; rühre fortwährend das Ganze, bis sich ein Teig gebildet hat, der sich leicht rollen läßt. Ist er zu steif, so schütte einen Eßlöffel voll Wasser hinzu. Diesen Teig rolle ganz dünn auf einer mit Mehl bestreuten Marmorplatte und schneide ihn in dreieckige Stücke, welche mit der Hand so gebogen werden, daß sie ungefähr die Gestalt eines Ohrs erhalten. Backe diese in einer Pfanne mit siedendem Oel und sobald sie braun geworden, nimm sie Heralls und rolle sie in Zimmet und gemahlenen Zucker oder auch tu Vanille-Zucker. — Falls für dieses Jahr zu spät, bittet man das Rezept auszubewahren. * Binz - Purim in Frankfurt a. M. Bei dem hauptsächlich durch den Lebkuchenbäcker Vincenz Fettmilch, als Haupträdelsführer, im August 1614, zu Frankfurt a. M. gestifteten Aufruhr ivnrden besonders die Inden auf empörende Weise mißhandelt und aus der Stadt vertrieben, bald darauf aber, nach Niederwerfung des Aufruhrs, Aechtung und Hinrichtung des Rädelsführers llnd seiner Genoffen, in feierlichem Aufzuge in die Stadt nnb in die Jndengasse znrückgesührt. Bei dieser

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