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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-02-28 · 9 (28.2.1896) · p. Seite 158

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
9 (28.2.1896)
Date
1896-02-28
Page
Seite 158 (sequence 10)
Language
German
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0 I Seite 158. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 9. Sohn des Nagid vom Gefängnisse zu befreien, für verrückt ansgaben und nach Hause führten. Indes nahm die Schlacht ihren Verlauf. Anfangs schien das Kriegsglück den Polen unhold zu sein, denn sie mußten das mir so schweren Opfern errungene Erlenwäldchen verlassen. Chlopitzky war schwer verwundet ans der Schlacht weggetragen; der ratlose Radzivil ließ den Rückzug kommandieren, — und schon dehnten sich die russischen Kolonnen über die polnische Linie hinaus und drohten sie von Warschau abzuschneiden — als die Vorstadt Praga, von den Polen selbst in Brand gesteckt, eine gräßliche Leichenfackel der Helden, die hier gefallen, hoch aufloderte, und den Graus und die Verwüstung beleuchtete, die Wut und Verzweiflung hier angerichtet. Skrzpnecki siel jetzt der verwirrten feindlichen Kavallerie in die Flanken und hatte sie bald zum Sinken gebracht. Hierauf gesellte sich auch Krukowiecki dazu, und die Polen standen in imposanter Stellung unter den Kanonen Pragas. Die Russen wagten keinen Angriff weiter, und die Schlacht bei Grochow, die so verheißungsvoll begann, endete unentschieden für beide Rationen — soviel Blut auch beiderseits geflossen war. Um vier Uhr nachmittags hatte man den verwundeten Chlopitzkp in die Stadt gebracht, und mit ihm kamen Depeschen an die Behörden und andere auf der verspäteten Post zurückgebliebenen Briefe an Privatpersonen. Alles rannte mit gespannter Erwartung den Postboten entgegen, die ihre Hände voll zu thnn hatten, um nur die Trinkgelder in Empfang zu nehmen. Tort weinte eine Mutter vor Freuden, hier eine Braut vor Schmerz: da dankte eine Schwester dem Himmel, der ihre Bitte erhört, dort rang eine Gattin in Verzweiflung die Hände, denn die letzte Hoffnung war geschwunden. Keiner hatte einen gleichgiltigen Brief empfangen --- so auch Samuel Rubinthal nicht, dem der Postillon sein Schreiben etwas spät überbrachte, als er schon dem Sabbat, der Himmelsbraut nach den jüdischen Poesien, entgegensetzend, nicht mehr den Brief öffnen ivollte, weil er leicht eine Geschäftsangelegenheit enthalten und in ihm Werttagsgedanken erwecken konnte. Der Tag neigte sich seinem Ende zu und wiederum schwärmten die Einwohner Warschaus durch alle Straßen, Ecken und Plätze, aber nicht mehr in jener Ruhe und Stille — es war wie das Getöse des Meeres, wenn der Sturm verbranst, und in seinen Rachwehen die Brandung ans Gestade schlägt. Wiederum sank das blaffe Gestirn des Tages nieder, besiegt vom Herrscher der Nacht, und nahm seinen blutigen Abschied vom Grans dieser Hemisphäre. Wiederum kehrten David und Samuel durch die enge Gasse aus dem Gotteshause heim, aber sie waren festlicher gekleidet. Tie atlassenen Radschiwnlki rauschten wie Flitter, und aus ihrem schwarzen Spiegel glänzte der Sterne Schimmer, an die Stelle der Stiefel traten Schuhe, und das Antlitz des edlen Greises strahlte die Sabbatseier seines Geniütes ans. Auch David hatte eine bessere Kleidung angelegt, aber schweigsamer und düsterer noch als gestern, ging er neben dem Vater her, bis dieser wieder die Stille zuerst unterbrach. „Weißt Tu etiva, woher heute der Brief kam, den wir am späten Abend erhalten? Deine Mutter hatte schon das Lämpchen angezündet und den Sabbat für begonnen erklärt, ich mochte daher jenen nicht mehr lesen." „Dem Poststempel nach ist er ans Wilna, und an der Aufschrift erkenne ich Rachman Traumans Hand." „Ei, ei, ist der jetzt in Wilna? Pilgert doch dieser Mensch rastlos von Gemeinde zu Gemeinde! Run, der wird wohl keinen Geschäftsbrief schreiben. Wie wollen ihn nach Kiddusch lesen." „Wer weiß!" versetzte David, „sein Gewerbe ist der elendeste Schacher, den ich kenne." „Man muß keinen Stand verachten. Traumann hat auch schon manches Gute gestiftet," Sie waren nun zu Hause angelangt, wo alles im Schimmer einer Ampel glänzte. Hanna, die Hausmutter, prangte in ihrer glänzenden Stirnbinde, eine Art Perlenbonquet mit funkelnden Diamanten, auf der schneeweißen, mit Spitzen versehenen Perlenkrmre, und empfing in der stark geheizten Sabbatstube mit heiterer Miene den Alten, der mit einem freundlichen „guten Sabbat" eintrat und ein althebräisches Lied anstimmte, um die Engel des Friedens zu begrüßen, die unsichtbaren, himmlischen Wesen, die von Gott gesandt, um die Feier und Freuds des Ruhetages zu erhöhen, und die Schwingen der Seelen zu lösen, die die ganze Woche gehemmt, nur am Sabbat ihren Geistersittig entfalten. Dann legte der Greis seine Hand ans das Haupt des Sohnes, um ihn zu segnen, worauf jenem der Kelch des Weines zum Sabbatspruche dargereicht wurde. iFortsetzung folgt) Der Gang jiir Siirnipp. | Volkssage. Sabbatmorgen ist es wieder; buntes Drängen und Gewoge Wälzt sich laut zu Worms am Rheine, hin zur Fcauensynagoge, Fern von Kanaan's Gefilden feiert heut als frohe Schar Still vereint das Volk'der Inden andachtsvoll sein neues Jahr. Ueberfüllt sind schon die Räume, und die hehren Lieder schallen, Daß der liebe Gott sie höre durch die hochgewölbten Hallen, Sieh', da eilet durch die Straßen, keuchend, mit erhitzten! Leib, Als die Letzte hin zum Tempel, einsam noch ein junges Weib. Kummerbleich sind ihre Wangen; doch sie lächelt sonder Schmerzen, Denn sie trägt als Himinelsgabe Muttersegen unterm Herzen. Ihrem Gott den Dank zu bringen bei der heil'gen Kerzen Schein, Biegt sie fröhlich in ein enges, menschenleeres Gäßchen ein. 'Als sie hastig weiterschreitet, kommt entgegen ihr ein Wagen, UmdieRoffesanstdiePeitsche, daß sie schnaubend um sichschlagen. Für die Angsterfüllte giebt es kein Entrinnen links und rechts, ■ Und sie bleibt erzitternd stehen vor der Wut des Pferdeknechts. Flehend hebt sie ihre Hände, doch den Wütrich freut ihr Beben, Und ihn schreckt nicht, daß vernichten leicht er kann ein Doppelleben. In Verzweiflung drückt die Arme rückwärts sich an eine Wand, Anfgestiebt vom Huf der Tiere, weht um sie der Straßensand. Stnrmgleich fährt daher der Wagen, und ihr Herzschlag stockt vor Schauer. Schon will sie das Rad erfassen! Sieh', da weicht zurückdie Mauer! Das Verderben geht vorüber, das die Bosheit angefacht, Und mit ihm der Todesengel, folgsam einer höhern Macht. *) Aus: „Haiderosen". Gedichte von Karl Schäfer. <

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