Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 9 (28.2.1896)
- Date
- 1896-02-28
- Page
- Seite 157 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 9. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. J’" Seite 157. die blinden Gehorsam heischt. Ein bis ins Kleinste nnd Kleinlichste ausgesponnenes und streng überwachtes Zeremoniell erschien ihm so gespensterisch zauberhast, daß sich ein eigentümlich peinigendes Gefühl diesen, gegenüber unseres Helden bemeisterte. Kindliche Ehrfurcht und kindischer Schrecken einerseits, Trotz, Freiheitssucht und eil. Streben, von diesem Zauber losznkommen, andererseits, waren seine Empfindungen bei den alten Folianten. Eine grauenhafte Pietät, mochre ich sagen, ivar es, die ihn dnrchbebte. Die Romane hatten wiedernn, seinem Gemüte einen sentimentalen Allstrich gegeben und dtne» Hang zum Abenteuerlichen und Ritterlichen beigebracht. Er hätte für fein Leben gern Helm und Visier getragen, die Streitart geschivungen, verirrten Amazonen und bedrängten Tulcineen als fahrender Ritter beigestanden, und danrl, ein wackerer Seladon, die Farbe feiner Schönen ans Turnieren getragen, und mit eingelegter Lanze hoch und teuer geschworen: sie sei die Blume deutscher Frauen u. s. w. Dieser abenteuerlichen Richtung ist aber das Judentum, wie es sich durch alle Schicksalsschläge herailgebildet hat, schnurstracks entgegengesetzt. Das Judentum wurzelt in dem nüchternen Verstände, nnd zieht seine Nahrung ans einer geslinden Vernunft-Moral. Es trat bei seinem Erscheinen der blunleilreicheil Poesie des Heidentums entgegen, lvo es noch selber im Blütenreiche holder Wnnderträulne war: geschweige denn jetzt, ivo es sich deni Dunkel schlllinmernder Kräfte eutrungen, nnd zur vollen Frucht der That und Gesinnuilg und des überlegten Systeins herangereift ist. So fühlte sich der jlmge Rubinthal von zwei entgegengesetzten Mächten sortgerissen, zu bereu einer er sich hingezogeli, von der andern aber fest nnlschlnngen ivähilte. Er kannte keinen Ausweg aus dem Zwiespalt seines Innern, und völlige Aufklärung, ausgebreitetere Kenntnisse, gehörige Würdigung des Judentums, vermochten ihm weder die einseitigen Rabbinen noch die Jaminergestalt seines Schulmeisters zu geben, der zu iverlig Wissen hatte, lim einen so lebhaften Geist ganz anszufüllen. David ivar daher stets in gereizter Stimmung, von rechthaberischein Widerspruchsgeiste, einem Vermächtnisse des Talmud, besessen. Er haderte mit dem Gesetze und befolgte es bemiod); seine Reden waren Freigeisterei, seine Thaten Strenggläubigkeit; in Liebe für seinen Glauben unb dessen Bekenner erglüht, hätte er sein Blut für dieselben verspritzt; aber mit dem Munde höhilte er die Gebräuche unb Sitten, tadelte derb seine Station unb stieß Schmähungen, gerechte lvie lmbillige, gleich einem Judeilseinde, gegen sie aus. Voll Ergebung und Pietät gegen den alter, Vater hätte er in. Geringsten nicht seinem Willen zuwidergehandelt; doch hatte er stets einen sophistischen Einwurs in pmw gegen jede Ansicht des Greises, obwohl er sich dennoch nach letzterem richtete. Aber diesinal schieil er die Unbeugsamkeit desselben ganz unerträglich zu finden; denn er hing mit Herz und Seele an der Sache der Polen. Auch wäre es kein auffallender Schritt von seiten eines Jltden gewesen, wenn er sich in die Reihen der Kämpfenden gestellt hätte, da, wie bereits gesagt, eine Unzahl jüdischer Soldaten mitsochten. Diesmal glaubte er sich keines Sophismus bewußt, wenn er den weisen Rat Samuels jüdische Feigheit schalt. Aber er ivagte delmoch nicht, den Unwillen des guten, sonst so vorurteilsfreien Vaters auf sich zu laden. III. Es war Freitag den 25. Februar, da verkündete der Donner der Geschütze das Beginnen der Schlacht, die im Gewittersturme daherbrauste. Finster blickte der Himmel barein, die Sonne hatte sich mit dichtem Geivölke ilingeben, um das gräßliche Blutbad, das hier angerichtet werden sollte, nicht zu bescheinen. Ein dichter Nebel lagerte auf dem Erlenwalde bei Grochow, als wollte die Natur das Leichentuch den Helden vorbereiten, die hier das Ziel ihrer Laufbahn finden sollten. Tie nacktei, Erlen streckten warnend ihre Zweige den Nationen entgegen, die kampfgerüftet einander den Mordstahl entgegentrugen. Die Schlachten von Dobra nnd Waivra sollten ,lnr kleine Vorspiele gegen dieses schauderhafte Drama gewesen sein, denn es war nicht ein Kamps der Mietlinge und Söldlinge, es war ein Ringen der Verziveiflung mit der Uebermacht, ein Kampf um Sein und Nichtsein, wo es den Rllhm, die Unsterblichkeit der einen und die Unabhängigkeit und Selbständigkeit der anderen Nation galt. - Tie Einwohner Warschaus hatten sich auf die Wälle begebell, wo man deutlich die Bewegungen der Heere, ja manche kühne That einzelner Tapferen sehen konnte. Trüben donnerten die Geschütze ilnd fanden einen schmerzlichen Nachhall in der beklommenen Brust so mancher Mutter, Schwester, Braut, die den Liebling ihres Herzens, oder den treuesten Gefährten ihrer Jugend, oder den auserkorenen Heißgeliebten am Rande des Abgrundes oder vor dem gähnenden Schlunde der Kanonen fechten sahen. Auch David hatte sich auf den Wall begeben, um seinen Eltern über den Ausgang der Schlacht zu berichten. Er drängte sich durch die Menge, um eine freiere Anssicht zu gewinueu; und als er dann festen Fuß gefaßt, und in das Getümmel der Schlacht hinansgesehen — da war es ihm, als wenn die Bilder seiner Phantasie ihm vor die Sinne träten; er wähnte, die fata morgana aus den grauen Wellen der Erinnerung emporsteigen zu sehen. Er sah nur die wehenden Paniere, hörte nur das Wirbeln der Kriegsmusik, die ihn umschwirrte, die stampfenden, kampfschnaubenden Rosse, das Klirren der blitzenden Waffen, und ihm schwollen die Adern, es füllte das Herz sich mit Mut, es dehnten sich die Muskeln und alle Sehnen waren gespannt, llnwillkürlich ballte er die Faust zum Kampfe — da sah er den edlen Chlopitzki im mörderischen Gemetzel, der mit scharfer Sichel seine Leichenernte hielt. Mit lebhaftem Geberdenspiele begleitete er jede seiner Belvcgnngen. Jetzt war jener umringt von Feinden, der eine hatte schon den Säbel geschwungen — ein Augenblick noch, und der treue Diktator war verloren. — Da verschwamme!, dem armen David alle Bilder in blutige Wolken, die ihn nmnebelten; jetzt sah und hörte er nichts mehr, als das Kampfgewühl und das Toben der Schlacht — jetzt war es ihm einzig um Chlopitzki zu thun - - und — „jetzt gilt's Mut, Polen! Hinein! Befreiet den Diktator!" — er hebt den kräftigen Arm — „nieder mit den Moskowitern!" ruft er — und gab — einem ehrlichen Bürgersmanne, der daneben stand, einen tüchtigen Puff, daß er zu Boden sank. Vinn lief alles herbei; man glaubte, ein Verräter habe sich eingeschlichen. David wachte ans seinen Träumen auf, wurde um die Ursache seines Allftrittes befragt und rvar froh, dadurch losznkommen, daß ihn zwei der anwesenden Israeliten, um bcu 283568