Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 9 (28.2.1896)
- Date
- 1896-02-28
- Page
- Seite 156 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 156. Allgcmriiic Iöraclitischc Wochcnschrift. Nr. 0. das Judentum sich von dem lebenzerstörendeu Jndiffercntismus zu befreien beginnt, so haben die Antisemiten einen nicht geringen Teil dazu beigetragen. Der Agadist Rabbi Abba-bar-Kahana machte folgende Bemerkung: Die Uebergabe des Ringes, durch den Ahasveros dem Haman alle Macht einränmte, hatte eine größere Wirkung als achtundvierzig Propheten und LZrophetinnen zustande bringen konnten. Denn alle diese Propheten der heiligen Schrift haben Israel nicht gebessert und zur inneren Ein- und Umkehr gebracht; die Gewalt Hamans aber hat es zustande gebracht." (Megillah 14 a.) Dieser Haman galt und gilt als der größte Feind der Inden; aber auch für das Dasein eines solchen Wüterichs finden die Rabbinen eine Rechtfertigung in der göttlichen Weltordnung: Er ist ein Werkzeug in der Hand Gottes; nach den Worten des Spruchdichters: „Alles schuf der Ewige zu seiner Bestimmung, und auch den Frevler für den Tag des Unheils." (Sprüche 16,4.) Von Sanherib sagt Jesaja: „Weh über Aschur, Rute meines Zornes, ein Stock ist in seiner Hand mein Grimm; gegen ein göttliches Volk lasse ich ihn los und gegen das Volk meines Grimmes entbiete ich ihn." (Jesaias 1, 5. 6). Und ebenso war Haman berufen zu seiner Bestimmung, ihn zu entbieten gegen Israel, es zur Kräftigung und Befestigung zu wecken. Zu Ezechiel kamen die Aeltesten mit dem Plane, sich mit den Völkern zu assimilieren, in ihnen aufzugehen. Da sagt er: „Und was ihr euch in den Sinn kommen lasset, das soll nicht geschehen, daß ihr sprechet: Wir wollen sein wie die Völker, wie die Geschlechter der Länder u. s. w. So war ich lebe, ist der Spruch Gottes, des Herrn, daß ich mit starker Hand und mit ansgestrecktem Arm und mit überströmendem Grimme über euch regieren will." (Ezechiel 20, 32, 33.) Der Talmud bietet die Erklärung hierzu: „Wenn Israel sich nicht zu Gott bekehret, da bestellt er einen harten Regenten über sie, wie Haman." (Sanhedrin 97 b.) Nun wird aber nach der rabbinischen Lehre jedes Thun von guter Wirkung, auch wenn diese nicht beabsichtigt war, belohnt. Verliert jemand eine Münze — die aber kein Kennzeichen hat, durch das der Fund verkündet werden könnte — und ein Armer hat sie gesunden und sich damit genährt, so wird dies dem Verlustträger entlohnt. (Siphre ed. Friedmann 12. 4 b.) Und wenn auch Haman nur böse Absichten gehabt, so lassen die Rabbinen die gute Wirkung nicht unbelohnt. lieber diese Belohnung will dieser Aufsatz referieren. An der palästinensischen Küste des mittelländischen Meeres, eingezwängt zwischen Benjamin und Jehuda, lag der Landstrich Dans. Da war ein kleines Städtchen, namens Bene-Berak. (Josnah 45, 19). Dieses Städtchen war nach der Zerstörung des Reiches durch Titus gern von den jüdischen Gelehrten ausgesucht. Das Festbuch für das Passahfest erzählt pns von dem Schulpräsidenten Rabbi Elesar ben Asarja, daß er dort den Festabend hielt — ihm zur Rechten waren R. Elieser und R. Josnah, zur Linken R. Akiba und R. Tarphon — und sie unterhielten sich durch die ganze Nacht über den Auszug aus Egypten. Vielleicht planten sie in dem entlegenen Städtchen,' wie wieder die Freiheit aus dem sie bedrückenden römischen Joche zu erlangen iväre. Später bat R. Akiba den Sitz seiner Schicke nach diesem Städtchen verlegt. (Sanhedrin 32 b.) Wer hat aber ursprünglich dieses Städtchen zum Sitze der Thora gemacht? Kein anderer, als die Abstämmlinge Hamans, (das. 96 b. n. Gittin 57 b.) Aehnliches trug sich zu mit den Nachkommen Sieras, Feldherrn des Königs von Chazor. Diese waren Schullehrer in Jerusalem. Eines höheren Lohnes erfreute sich Sanherib, König von Aschur, der die Rute des göttlichen Zornes gewesen; die Schickhäupter Schemaja und Abtalion waren seine Sprößlinge. So geht die Geschichte ihren merkwürdigen Gang; keine gute Wirkung geht unbelohnt verloren, wie keine böse Handlung unbestraft bleibt. Jedenfalls haben wir Später» dem Haman das schöne Purimfest zii verdanken. Der Jude ist nüchtern; am Purim soll er, nach dem Talmud, sich ein Räuschchen trinken. Wieviel soll er trinken? Ter Talmud sagt, bis er vergessen hat, ob er Haman fluchen oder Mordechai segnen solle. Der nüchterne Jude empfindet tief den Stachel des Feindes, der ihm im Fleische bohrt — er trinke; nicht aber, um zu toben und zu fluchen, nein, wenn er getrunken hat, wird sein Herz sich erweitern und vergessen, Haman gu fluchen. Tie Einführung des Purimfestes mußte, wie im Buche Esther berichtet wird, erst durch den Machtspruch der Königin beim Volke durchgesetzt werden. (Esther 9, 29.) Das Volk sträubte sich dagegen. Weshalb? Ein solches Fest könnte den Haß zwischen den Völkern nähren, giebt der Talmud (Megillah, 7a.) als Grund an. Nun hat es die Königin durchgesetzt. Was aber führten die Rabbinen als Pflicht für dieses Fest ein? Die Pflicht, eine eigene Armenkasse unter dem Namen Maoth Purim oder Magbath Purim in jeder Gemeinde einzusühren, welches Geld nicht mit andern Wohlthätigkeitsgeldern vermengt werden darf. Dieses Purimgeld wird jedem, der die Hand darnach ansstreckt, gegeben, ohne Nntersnchnng seiner Würdigkeit, ohne Rücksicht ans Konfession. (Baba Meziah 78 b. Jerusch. Megillah 1, 4; Schulchan Arnch 694.) Dies ist semitisches Rachgefühl. F e u i l l e t o n. 5if Insurgenten. Von S P. (Fortsetzung.) Dieser hatte sich aber an den romantischen und den jugendlichen Sinn zu sehr entzündenden Phantasie-Gebilden eines Lafontaine und Clauren, die ihm Sterne erster Größe am deutschen Horizont dünktcn, dermaßen berauscht, daß ihn das ernste Gemarastndinm zu langiveilen begann. Durch diese beiden heterogenen Elemente, wie die steife talmudische Dialektik uub die phantasmagorischen Feengestalten der Sentimentalitätsschnle der damaligen Zeit hatte sein Geist eine eigentümliche Färbung erhalten. Die spitzfindigen Meditationen des Talmud hatten blos seinen logischen Sinn geschärft. Dagegen gaben der Schauer heiliger Glaubensscheu und das Moos altersgrauer Jahrhunderte, das ans ihrem Giebel wächst, den jüdischen Schriften in seinen Augen das ernste, kalte Ansehen eines berechnenden Greises, eine imperatorische Würde,