Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 9 (28.2.1896)
- Date
- 1896-02-28
- Page
- Seite 155 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 9. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 155. dringlichen Mahnung des unvergeßlichen Pädagogen und unermüdeten Kämpfers für die Lehrer in seinem Vorworte zum Pädagogischen Jahrbuche 1863. Diesterweg nämlich verweist die Lehrer auf die Selbsthilfe und sagt: „Unsere Zeit ist die Zeit der Genossenschaften, die Zeit des gesellschaftlichen Denkens — zur Bildung von einem Pestalozziverein für jede Provinz, — eines Provinzialvereins — ein Kreis ist zu klein." — Ein solcher Verein israelitischer Lehrer für eine Provinz wäre sicher zu klein. Nun hatten schon 1856 die Lehrer Rheinlands und Westfalens auf dem Prinzip der Selbsthilfe für beide Provinzen unseren Verein ins Leben gerufen. Zwei Vereine in beiden Provinzen nehmen sich Licht und Luft und können gleich zwei einander zu nahe stehenden Bäumen nicht gedeihen. Zur Hebung des Gemeinsinnes und zur kräftigen Förderung der Interessen des Vereins waren Spezialkonferenzen vorgesehen und fanden auch wirklich in einer Reihe von Jahren statt in Rheine, Rheda, Haltern, Ahlen rc., schliefen dann seit der Mitte der siebziger Jahre nach und nach ans manchen Umständen ein (besonders, weil auch die obligatorischen Kreisschnlkonferenzen unter Leitung des .Kreisschulinspektors die Abhaltung jener in Anbetracht des Zeitmangels erschwerte.) In letzter Zeit sind indes die Spezialkonferenzen in Westfalen zur Förderung der Interessen des großen Vereins wieder in Anregung gebracht, und wir wollen auch freudig das Verdienst des Herrn Dr. Lazarus anerkennen, daß er den Anstoß zur Abhaltung von Spezial-Konferenzen im Rheinlande gegeben, zur werkthätigen Unterstützung des bestehenden großen Vereins. — Die Führung obigen Doppeltitels seitens der neuen Vereinigung scheint umsomehr gerechtfertigt, als bei der Aufforderung zur Gründung der Vereinigung von Rabbinern und Lehrern ausdrücklich betont wurde, diese wolle die Zwecke des Vereins israelitischer Lehrer für Westfalen und Rheinland fördern, und Herr Rabbiner Dr. Lazarus auf der Konferenz zu Hörde namhaften Personen das Versprechen gab, die von ihm gesammelten Gelder unserem Vereine zufließen zu lassen. — In diesem Sinne, und so verständig ist das Werk von Köln aus angeregt, ist dasselbe ein hochverdienstliches und würdig eines wahren Rabbiners und aufrichtigen Lehrerfreundes, und so gewinnt die Bezeichnung „Verein von Rabbinern" ihre verständliche Erklärung und hohe Bedeutung. Denn wir Lehrer bewahren in treuer Erinnerung das Andenken von Rabbinern, wie Bodenheimer, Philippson, sie gehörten gleichsam als edle Gönner unserem Vereine an, und ein Blick in den eben ausgegebenen Jahresbericht, wo unter Essen Rabbiner Dr. Samuel, obgleich noch nicht lange unserem Vereine angehörend, doch schon als Förderer unserer guten Sache, und unter Köln Rabbiner Dr. Frank als Wohlthäter unseres Vereins namhaft gemacht sind, zeigt dies jedem Unbefangenen deutlich, und können auch diese Herren nach den Statuten aktive Mitglieder unseres Vereins nicht sein, so waren und ftnb sie diesem doch förderlicher gewesen, als manche ordentliche Mitglieder. Und nun ein Wort zur Verständiguug, das noch mehr ist ein Appell an alle Beteiligten: Ter Feind pocht stärker denn je an unsere Mauern. Einigkeit thut not, vermieden sei jede Spaltung; Sonderbündelei würde uns, die Schwachen, noch mehr schwächen! Eine hoffnungsvolle, schöne Zeit brach 1872 für die Schulen und Lehrer an. Der Name des Edlen, der berufen war, der Gestaltung der Schul- und Lehrerverhältnisse würdige Bahnen vorzuzeichnen, wird in der Geschichte des Erziehungs- und Unterrichtswesens innner leuchten. Es durften auch unsere Lehrer hoffen, an dem allgemeiner: Bildungswerke ihre Kräfte zu versuchen und dazu berufen zu sein. — Wer es erlebt, wie die allgemeine Verbrüderung der Lehrer ohne Unterschied der Konfession sich im gemeinsamen Streben erhebend bekundete, dem kann die Erinnerung das tiefe Bedauern über die jetzige Strömung nur einigermaßen die Hoffnung mildern, daß die Saat jenes Mannes echter Humanität, — die, nach Herder, wahre Religion ist, — daß die Saat, wenn auch von Nachtfrösten zeitweilig im Gedeihen zurückgehalten, — doch aufblühen müsse und wir den Glauben an die Menschheit incht verlieren dürfen. — Es kann hier nur auf die konfessionelle „reinliche Scheidung" der Lehrer im großen und ganzen hingedeutet werden, wovon die wenigen noch das Allgemeine vertretende pädagogischen Blätter ein Lied im elegischen Tone singen. Und wir — die schwache Minderheit? Selbst extreme Naturen, die sonst einander bekämpfen, sind einig, wenn es gilt, in ihrem Streben nach einer höheren Stufe die Lehrer zum Trittbrette zu wählen. Von links geschmäht, von rechts mit Flötentönen angelockt — so wird am Babelsturm gebaut, bei welcher Prozedur die Lehrer als Ziegelsteine benutzt werden sollen. Lehrer der westlichen Provinzen, wehrt diesem Ansturm und widerstehet der Lockung. Seid vor allem einig. Schart euch um unser vor 40 Jahren gepflanztes Vereinsbanner, rüttelt nicht an ihm. Seid nicht schwach, und ihr seid mächtig, bleibet fest, und der Sieg ist unser! huniMS (fiilni und frtnitifdjrö RiichgkW. Von Lektor M. Fried mann, Wien. Gewiß glaubt der Leser aus der Ueberschrift zu erraten, daß dieser Aufsatz unfern lieben Antisemiten gewidmet sei und sie als „Hamans Enkel" darstellen will. Weit gefehlt! Ein Theologe sprach über die Nützlichkeit des Ungeziefers und pries dasselbe als Wächter der Reinlichkeit; kaum läßt es sich verspüren, als schon die Hausfrau erinnert wird, eine größere Reinigung vorzunehmen, was sie nach den Gesetzen der Trägheit sonst unterlassen hätte. Tie Entfernung und Vernichtung aller sonstigen gefährlichen Krankheitsstoffe sind die wohlthätigen Folgen einer solchen Reinigung, tlnd so erweist sich das Ungeziefer, wenn auch nlir indirekt, als Förderer unserer Gesundheit und unseres Wohlbefindens. Darum sagte ich auch: „Unsere lieben Antisemiten;" denn auch sie bilden die äußere Anregung Israels, in seinem Hause Umschau zu halten. Ach, die Mitglieder desselben wurden schon ganz lässig, kümmerten sich um alles in der Welt, nur nicht um das eigene Heim, ja, mancher mochte seiner beinahe schon vergessen haben; — da kamen die Antisemiten, sie an ihr eigen Hans zu erinnern und nun beginnt man, sich im eignen Hauswesen umzusehen. Und wenn