Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 9 (28.2.1896)
- Date
- 1896-02-28
- Page
- Seite 153 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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«Kr. 9. Allgemeine Asraclitische Wochenschrift. Seite 153. Aus i>m Kruirin-kpaklamkiit i» Öcrliit. Eine Tagesordnung von geradezu unheimlicher Reichhaltigkeit, Vorstand und Repräsentanten vollständig ans ihren Plätzen, auf der Gallerie eine Zllschauermenge, so zahlreich, wie sie seit Jahren an dieser Stelle nicht gesehen wurde, als erfreulicher Beweis dafür, daß die Zeit der stumpfen Jnterefsenlosigkeit vorüber ist, das bildete die Signatur der diesmaligen Repräfentantensitznng. Aus den seitens des Vorsitzenden, Herrn Landsberger, erstatteten Mitteilungen heben wir hervor, daß mrumehr das revidierte Statut definitiv bestätigt ist. Ferner hat der vor kurzem begründete Verein selbständiger Handwerker jüdischen Glaubens eine Denkschrift an die Versammlung gerichtet, in welcher er diese unter berechtigtem Hinweis ans die bedrängte Lage der jüdischen Handwerker ersucht, in Zukunft bei Vergebung von Arbeiten und Lieferungen mehr als bisher jüdische Handwerker zu berücksichtigen. Vom Königlichen Provinzial-Schulkollegium ist ein Schreiben eingelauseu, worin dasselbe Kenntnis giebt, daß der jüdische Religionsunterricht an den höheren Lehranstalten am 1. April 1890 eröffnet werden wird, und zwar soll in M Coeten je 2 Stunden wöchentlich unterrichtet werden. Der nächste Gegenstand, betreffend Einsetzung einer gemischten Kommission zur Revision der Geschäftsordnung, wird ans die nächste Sitzung vertagt. Die Versammlung erklärt sich sodann einverstanden mit der Annahme verschiedener Schenkungen beziv. Legate. Herr M. Jaroslawski hat der Altersversorgungsanstalt zur Erinnerung an den Tag seiner Vermählung die Summe von 12 000 Mk. überlviesen. Es soll davon eil: Zimmer gestiftet werden mit entsprechender Gedenktafel: bezüglich der Besetzung desselben soll der Ehefrau des Geschenkgebers ein Vorschlagsrecht zusteheil. Ein Legat in derselben Höhe ist derselben Anstalt seitens des verstorbenen Herrn Mar Röhmann überwiesen worden. Eine hocherfreuliche Entscheidung von prinzipieller Wichtigkeit wurde seitens der Versainmlung sodann gefällt in der Angelegenheit betreffend den Bau einer Synagoge in der Lützowstraße. Wie aus dem Referat des Herrn Leonhard Sachs hervorgeht, hat der Vorstand die Absicht, zur Erlangung von Plänen ein Konkurrenzausschreiben stattfinden zu lassen und verlangt zu diesem Zwecke die Summe von 10 000 Mk. Mit anderen Worten: Unser Vorstand hält noch immer fest an dem alten Prinzip der Priurk- und Renommiersynagogen mit entsprechender Kostspieligkeit. In diesem Falle, wo die nelizuerrichtende Synagoge überhaupt nicht nach der Straßenfrolck;u liegen kommt, gewinnt die Sache außerdem noch eine verzweifelte Aehnlichkeit mit dem verunglückten Bau in der Lindenstraße. Die Kommission hat jedoch in anerkennenswerter Weise endlich einmal diese Anschauung zum alten Eisen geworfen. Sie will nur einen einfachen, würdigen Bau und empfiehlt dementsprechend die Ablehnung des Antrages des Vorstandes, der vielmehr ersucht werden soll, die bekannte Firma Cremer & Wolffenstein in Verbindung mit dem Baumeister Hoeniger zur Einreichung von Bauplänen zu veranlassen. Vom Vorstand wurde eine Verteidigung seines Standpunktes kaum versucht, denn das wenige, was vorgebracht wurde, klang so lau und mau, daß es als eine solche kaum angesehen werden kann. Dem Referenten wurde von den Herren Leichtentritt, Bodenstein und vom Standpunkte des Sachverständigen aus von Herrn Fränkel wacker sekundiert. Mit großer Majorität erhob dann auch die Versammlung den Antrag des Ausschusses zum Beschluß, der mit Recht als eine rettende That bezeichnet werden darf. Damit ist wiederum ein Stück Vorstaudsweisheit über Bord geworfen. Man sieht doch, wozu Wahlen und Wahlagitation gut sind. Für verschiedene Angelegenheiten wurden gemischte Deputationen eingesetzt. Die Angelegenheit, betreffend Verhandlungen mit der Reformgemeinde verlief vollständig glatt. Rach einem sehr kurzen Referat des Herrn Dr. Kirstein werden von der Versammlung die Herren Dr. Weigert, Oppenheim, Simon und Fränkel deputiert. Eine gleiche Kommission wird beantragt zur Einrichtung von Jugendgottesdiensten an den hohen Festtagen. Aus dem Referat des Herrn Dr. Kirstein ist ersichtlich, daß das Rabbinat bereits eine Agende §u diesem Zweck ausgearbeitet hat, dem Anschein nach ein mixtum eompositum aus allen möglichen Dingen. Ferner wünscht der Referent, daß solche Jugendgottesdicnste auch an den übrigen Feiertagen stattfinden, und daß auch an gewöhnlichen Sabbaten dieselben häufiger als zur Zeit abgehalten werden. In die betreffende Kommission werden gewählt die Herren Kirstein, Sieskind, Leichtentritt und Jastrowitz. Als altes Jnventarstück aus vergangenen Zeiten und gleichzeitig als piece de resistance mußte wieder die Waisenkommission ansmarschieren resp. der alte Antrag des Vorstandes auf Einsetzung einer gemischten Kommission bezüglich der Grundsätze für die Waisenpflege. Die Sache selber ist in ihren Einzelheiten wohl zur Genüge bekannt. Tie Versammlung hatte im November vorigen Jahres den jetzt wieder vorliegenden Antrag abgelehnt, dagegen eingewilligt, daß der Vorstand mit der Waisenkommission behufs Beilegung der streitigen Punkte in Verbindung trete. Diesem Beschlüsse beizutreten hat jedoch wiederum der Vorstand abgelehnt und seinen damaligen Antrag erneuert. Tie Sache wurde noch einmal lang und breit getreten, ohne daß ein einziger der Redner der Angelegenheit eine neue Seite hätte abgewinneu können. Bemerkenswert ist nur, wie der Referent, Herr Dr. Tiktin, der sein Referat übrigens mit großer Objektivität erstattete, in einigen Punkten dem Vorstande nicht ohne Schärfe entgegentrat. So hat z. B. der Vorstand in seinem Schreiben die Erwartung ausgesprochen, daß die Versammlung dieses Mal seinem Anträge zustimmen werde. Eine solche Erwartung auszusprechen, so bemerkt der Referent, habe der Vorstand kein Recht. Auch entspreche es nicht den Thatsachcn, daß der damalige Beschluß der Versammlung, wie der Vorstand in seinem Schreiben behaupte, auf einem Mißverständnis beruhe. Die Versammlung zeigte sich dem Anträge gegenüber dieses Mal entgegenkommender, sie erklärte sich einverstanden mit der gemischten Kommission, nur der Antrag des Vorstandes, zwei Mitglieder der Kuratorien der Waisenhäuser in diese Deputation zu entsenden, wurde auch dieses Mal abgelehnt. Gewählt wurden die Herren Prof. Baginsky, Louis Sachs, Bodenstein und Mosse.