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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-02-28 · 9 (28.2.1896) · p. Seite 151

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
9 (28.2.1896)
Date
1896-02-28
Page
Seite 151 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 9. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 151. In den Köpfen einiger mittelalterlich angehauchten Reaktionäre spukt die Fabel vom christlichen Staat und von der christlichen Moral herum. Ich weiß, daß wir es in den meisten Fällen mit jämmerlichen Heuchlern;u thun haben: Wilhelm von Hammerstein, der jetzt hinter Schloß und Riegel sitzt, gehörte vor einem Jahre ebenfalls zu den Rttfern in diesem Streit. Die Fabel vom christlichen Staat hat ein so konservativer und frommer Gelehrter, wie Professor Sohm, gründlich vernichtet. Der Staat ist kein Taufbecken und keine Rasscnzüchterei, sondern eine kultttrell unentbehrliche Vereinigung von Bürgern bei gleichen Rechten und bei gleichen Pflichten. Mit demselben Recht, mit dem man den Juden seiner religiösen Anschauungen wegen von dem Genuß der bürgerlichen Rechte ansschließen will, kann man auch alle rothaarigen Menschen von den bürgerlichen Rechten ausschließen wollen. Sind denn die Herren Ahlwardt und Konsorten wirkliche Christen, bessere Menschen als die Juden? Man spricht so oft von der religiösen Erziehung und glaubt, daß diese durch die Verschiedenheit der Religionen bedingt sei. Kein Geringerer als Kant äußert sich über dieses Thema mit folgenden Worten: „Verschiedenheit der Religionen, ein wunderlicher Allsdruck! Gerade als ob man auch von verschiedenen Moralen spräche. Es kann wohl verschiedene Glaubens arten historischer, nicht in die Religion, sondern in die Geschichte der zu ihrer Beförderung gebrauchter, ins Feld der Gelehrsamkeit einschlagender Mittel und ebenso verschiedene Religionsbücher (Zendavesta, Vodan, Koran u. s. w.) geben, aber nur eine einzige, für alle Menschen und für alle Zeiten giltige Religion". Die Verschiedenheit in den Glaubensarten, das heißt in der individuettell Bethätigullg des allgemeinen Religionsinstinkts, erkennt Kant als eineil wichtigen Faktor in der Kulturentwickelnng der Menschheit an; durch sic iverden die geistigen Kräfte der verschiedenen Völker „im lebhaftesten Wetteifer" im Gleichgewicht erhalten. Ich darf es hier offen und ehrlich anssprechen: Ich verkehre in gebildeten jüdischen Kreisen, ich bin also „verjudet", wie der glorreiche „Deutsche" Ahlwardt und seine Freunde gewiß sagen werden. "Nichtsdestoweniger muß ich sagen, daß ich unter gebildeten Juden stets ein sehr objektiv gerechtes Urteil über die kulturhistorische Bedeutung des Christentunis gesunden habe. Schlechtweg daher anznnehmen, daß ein jüdischer Lehrer llicht in der Geschichte unterrichten könne, weil er in gewissen Punkten befangen wäre, ist ebenso llnzutreffend wie ungerecht. Und daß alle „christlichen" Lehrer vom Christentilln so begeistert ivären, glaube ich auch nicht. Schließlich kommt es bei solchen Fragen ailch ans die praktische Ersahrliilg an. Ist je ein Fall vorgekommen, daß ein jüdischer Lehrer im geschichtlichen Unterricht sich respektwidrig über das Christentum geäilßert hätte? Aber es ist wohl vorgekommen, daß christliche Jugeuderzieher das Judentuln verhöhnt haben. Rach der Logik gewisser Leute wäre daher bedenklich, Christen mit dem geschichtlicheil Unterricht zu betrauen. Merkwürdig. Mau klagt in unserer Zeit soviel über das Abhandenkommeil aller idealen Gesinnung: man möchte dafür dies und jenes verantwortlich machen. Jedenfalls läßt man es sich angelegen sein, den „Idealismus" in der Schule zu pflegell. Aber llnterdessen wird der krasseste Egoisnius gepflegt, deiln die Ausschließllug der Juden von manchen Berusszweigeu hat ja keinen anbereit Grund als den des brutalen Brotneides. Mir ist jeder Streber, der sich mit der Wissenschaft oder mit dem Beruf der Jllgeilderziehung nicht aus Liebe zur Sache befaßt, in der Seele verhaßt: aber die Konfessioil thnt nichts zur Sache; jedenfalls achte ich den Judeil sehr hoch, der sich so viele Zurücksetzungen, so viele Beschränkungen bieten läßt, eben um seine religiöse Ueberzengung. Wenn wir aber keinen jüdischen, ideal gesiilnten und bei seiner Ueberzengung beharrenden Lehrer anstellen wollen, hingegen dem getauften Jllden ohne weiteres jede Karriere offen halten, so befördern wir nur das Strebertum und das Lnmpentum. Das Christentum enthält eine Summe von idealen "Anschauungen, deren Bethätigung im praktischen Leben vielfach unmöglich ist. Tie hohen Anforderungen, welche des Christentum an den Menschen stellt, sind jedoch dessen ungeachtet von unvergleichlichem Wert. Ist nicht alles bei der Unzulänglichkeit der menschlichen "Natur erreichbar, so ist es doch unsere Ausgabe, nach dem Möglichen zu streben, jedenfalls unsere Anschauungen vom Leben und unserm Verhältnisse zu unseren Mitmenschen zu veredeln. Daß die antisemitische Beivegung nach jener Richtung hin gewirkt hätte, wird kein Mensch von moralisch gesunder Konstitution behaupten wollen. Aber es hat sich in der zivilisierten Welt die Herrschaft der Brutalität etabliert und die weitgehendste Unduldsamkeit als das Prinzip des nationalen Bewußtseins hingestellt. In der Atmosphäre der durch alkoholische Genüsse unzurechnungsfähig gemachten Radanamisemiten mag ja dies als eine erfreuliche Erscheinung gelten. Aber wir sollten meinen, daß es Sache der preußischen Unterrichtsverwaltung wäre, solchen Erscheinungen kein Entgegenkommen zu zeigen. Die Juden haben sich mit der antisemitischen Brutalität wohl oder übel abgefunden, sie sind eben an solche "Ausschreitungen gewöhnt. Hingegen wird eine Zeit kommen, in der es nicht nur die preußische, soudern jede Regierung tief bedauern wird, dieser giftigen Schlange nicht rechtzeitig das Haupt zertreten zu haben, und diese Zeit ist nicht allzu fern. Man giebt an, die „Uebermacht" der Juden brechen zu wollen, und man beginnt mit den Aermsten der Armen — mit den jüdischen Lehrerinnen, die für eine Entlohnung, welche ein ordentliches Stubenmädchen verschmäht, Volksschulnnterricht erteilen. Das nennt man praktisches Christentum! G» Abend im Nntralvkrnn deutscher Staatsbiirger indische» Klaubens. , Der in der lleberschrift genamüe Verein hat am vergangenen Dienstag "Abend im Saale der Gesellschaft der Freunde eine Versammlung abgehalten, die stattlich besucht war. Den ersten Gegenstand der Tagesordnung bildete ein Vortrag des Herrn Kammergerichtsrat Ernst Wichert über „zwei berühmte Judengestalten auf der Bühne." lieber Inhalt und Wert des Vortrages braucht nichts gesagt zu werden. Es genügt die Bemerkung, daß der Vortragende die litterarischen Kenntnisse seiner Zuhörerschaft recht bescheiden eingeschätzt haben muß.

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