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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-02-28 · 9 (28.2.1896) · p. Seite 150

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
9 (28.2.1896)
Date
1896-02-28
Page
Seite 150 (sequence 2)
Language
German
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I Seite 150. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 9. Mit der Renaissance war eine günstigere Stimnmng für die Juden eingetreten. Man lernte sie kennen und dadurch schätzen. Das verdroß die Geistlichkeit, welche ihre Macht schwinden sah, und ein Mann verstand den Strom der Zeit und versuchte sein Glück. Johannes Pfefferkorn, ein getaufter Jude, beschimpfte seine Glaubensgenossen, indem er ihnen Christenhaß, Wucher, Betrug und alles erdenkbare Schlechte vorwarf, ja aus dem Talmud „nachzuweisen" suchte. Das war der Haman. Da trat die ungeahnte Hilfe ans. Reuchlin, ein hervorragender Jurist und dabei der erste Kenner des Hebräischen in seiner Zeit, trat für das Judentum ein. Die ersten Gelehrten seiner Zeit traten auf seine Seite, und selbst der Papst mußte, um seine Dominikaner nicht ganz preiszugeben, dem Streite Schweigen gebieten. Jahrhundert für Jahrhundert zeigt dieselbe Erfahrung. In unserer Zeit, als man die goldene Aera schon gekommen wähnte, trat der würdige Nachfolger der Kölner Dominikaner, der ebenso unwissende als anmaßende Rohling mit seinem „Talmudjuden" auf. Das was der Haman. Der christlichfromme Delitzsch ward unser Verteidiger. Er hat seinen Nachfolger in Strack gefunden, einem gleichfalls überzeugten Christen, der von dem Gefühl der Wahrheit durchdrungen, die Sache der Juden führt, als wäre es seine eigene. So zerfällt die ganze jüdische Geschichte in Perioden des Haman und Perioden des Mordechai. Augenblicklich stehen wir in einer Periode des Haman. Zum Glücke besitzen wir eine Geschichte, nicht eine solche, wie sie von Männern geschrieben wird, die irgend jemandes Papierkorb ausleeren oder aus zusammengelesenem Anekdotenkram eine historische Vogelscheuche fabrizieren, sondern eine Geschichte, die, geistig ersaßt, uns zeigt: Rettung und Heil werden den Inden erstehen von einem anderen Orte. Diese Geschichte läßt uns allen Israeliten wünschen: Ein fröhliches Purimfest. sshrilikiliiii» mii> KrriiWgk. Von einem christlichen Pädagogen. I. Tie preußische Gerichtsverwaltung hat nunmehr in der bekannten Angelegenheit bezüglich der Anstellung jüdischer Lehrkräfte an den Gemeindeschulen ihre Entscheidung getroffen und zwar nicht im liberaler: Sinne, sondern mit einer Verbeugung vor den antisemitischen Heißspornen, deren Gefährlichkeit und moralische Brunnenvergistung unsere Regierung noch immer nicht erkannt zu haben scheint. In dem jetzt bekannt gewordenen Reskript des Kultusministers ist zwar nicht generell die Ausschließung der Juden von dem kommunalen Schuldienst ausgesprochen, in der Praxis jedoch wird es wahrscheinlich, wie in vielen anderen Berufszweigen, wo der Staat mitzureden hat, mit der Anstellung der Juden noch schwieriger werden, als es bisher ohnedies der Fall gewesen. Wenn sich nun die Juden künftighin von dem Lehrfach, das ohnedies eine dornenvolle Laufbahn in Aussicht stellt, gänzlich fernhalten, so wird es alsdann heißen, der Jude zeige gar keine Neigung für einen Berns, der nicht viel einzubringen verspreche, dem Juden fehle es an aller idealen Gesinnung und dergleichen mehr. Ich kenne manche gebildete und wissenschaftlich hervorragende Juden, die es schmerzlich bedauern, daß ihnen die Universitätskarriere fast abgeschnitten sei, wenn sie nicht von Hause aus reich sind und auf das Einkommen eines Professors verzichten können, in welchem Falle sie sich dann mit der Stellung eines Privatdozenten oder eines außerordentlichen Professors begnügen. Nichtsdestoweniger klagte vor einiger Zeit ein hervorragender Gelehrter über die „Unsitte" der Juden, daß reiche Privatdozenten an der Universität „kleben" bleiben. Ja, wie kann ein nicht reicher Privatdozent „kleben" bleiben, wenn er bestimmt weiß, daß er ewig Privatdozent oder außerordentlicher Professor würde sein müssen? Die preußische Unterrichtsverwaltung hat die von ihr getroffene Entscheidung zu motivieren gesucht, oder vielmehr Herr Dr. Bosse, unser Kultusminister, hat seine, hoffentlich nicht überall geteilte Meinung zum Ausdruck gebracht, daß man es thunlichst vermeiden müßte, jüdische Lehrer oder Lehrerinnen in der Geschichte unterrichten zu lassen — gefährlicher wäre schon in der Arithmetik. Es wird als ein Exempel angeführt, daß man unmöglich von einen: Juden erwarten könne, er würde über die Geschichte der Verbreitung des Christentums oder über die der Krenzzüge unbefangen vortragen können. Was nennt man „unbefangen"? Das Christentum hat seine dogmatisch-religiöse und seine historische, oder wenn man will seine kultur-historische Seite. Selbstredend wird ein Jude uicht in der christlichen Religion unterrichten können, insofern es sich um das Dogma und die Glaubenssätze handelt; es wird auch dies von ihm nicht erwartet. Von liberaler Seite wird verlangt, den Religionsunterricht von der Schule, die einen simultanen Charakter tragen soll, zu trenne::. Ich stehe nicht auf diesem Standpunkt und erkenne ganz die ethisch-erziehliche Bedeutung des Religionsunterrichts innerhalb des Schulprogramms an. Aber man kann doch unmöglich anstreben, alle llnterrichtsgegenstände von dem konfessionellen — ich sage: von dem konfessionellen, nicht aber vom religiösen — Gesichtspunkt beherrschen zu lassen, ohne direkt in das Mittelalter zu verfallen. Man vergesse ferner nicht, daß wir in Preußen nicht nur Inden, sondern auch Katholiken haben; letztere werden sich nicht so leicht aus der ihnen gewährleisteten Parität verdrängen lassen. Hat sich nun der Herr Kultusminister die Frage vorgelegt: Wie unterrichtet ein katholischer Lehrer in der Reformationsgeschichte? Wollen wir die Ansicht des Herrn Kultusministers konsequent durchführen, so kolnmen wir zu der konfessionell gesonderten Schule, iu der die evangelischen, katholischen und jüdischen Kinder streng abgesondert werden müßten. Ist dies die Absicht der Unterrichtsverwaltung, so wäre es besser, man sagte dies deutlich. Und wenn schon bei der Anstellung von Lehrern ans die Konfession so viel Gewicht gelegt wird, so würde es die Gerechtigkeit erheischen, von den Juden keine Beiträge zur Erhaltung der Gemeindeschulen anzunehmen und für ihre Kinder besondere Schulen mit jüdischen Lehrkräften ins Leben zu rufen. Denn mit deinselben Rechte, mit welchem der Herr Kultusminister in dem Geschichtsunterricht durch einen jüdischen Lehrer eine Gefährdung des Christentums befürchtet, dürfte mancher Jude eine gleiche Gefährdung des Judentums in dem Geschichtsunterricht durch einen christlichen Lehrer befürchten.

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