Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 9 (28.2.1896)
- Date
- 1896-02-28
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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•fl’'* Nr. 9. Jahrgang V. r4./4 llaemeine Berlin, 28. Februar 1896. liebst einer wissenschaftlichen Beilage „^eschurun". Herausgeber: A. Levin. Redaktion und Uerlag: Roßstratze lt. Telephon Amt I, Ar. 558. Treu und frei! Bezugspreis vierteljährlich: Inland Wk. 2,0t). » Ausland Ml». 2.5t). Post-Jeitungsliste Nr. 108. Die „Wochenschrift" erscheint an jedem Freitag mindestens 16 Seiten (2 Bogen), der „Jeschurnn" am Schlüsse jeden Monats mindestens 8 Seiten (1 Bogen) stark. Zu beziehen durch die Post (Zeitungsliste pro 1896 Nr. 108) oder unsere Expedition. Anzeigen werden mit 25 pfg. für die einspaltige Petitzeile oder deren Raum berechnet. Bei Wiederholungen oder größeren Aufträgen tritt eine Preisermäßigung ein. Alle Annoncen-Expeditionen sowie unser Bureau nehmen Anzeigen für dieses Blatt entgegen. Inhalt: Christentum und Kreuzzüge. 1. Bon einem christlichen Pädagogen. Ein Abend im Centralverein. Bon M. A. Klausner. Aus dem Gemeindeparlament in Berlin. Zur Klärung und Berstündigung. II. Bon A. Treu. Hamans Enkel und semitisches Rachegefühl. Bon Al. Friedmann. Feuilleton: Die Insurgenten. Bon S. P. — Der Gang nach der Synagoge. Gedicht. — Im Salon Gurlitt. — Hamans Ohren. — Binz-Purim. - Kalendarisches. — Israel in Egypten. — Reminiszenz. Woch en-Chronik: Purim-Nachrichten. — Er ist da. — Der Futterneid. — Mit Wasser. — Der Zionismus. — Falsches Martyrium. — Noch ein Lehrer-Verein in Rheinland und Westfalen. — Eine neue Motivierung. — Dr. Josef Guggenheimer. — Der große Judenschmerz. — Hier und dort. — Briefkasten. — Kalender. Anzeigen. p»tim. Dem Buche Esther ist wie dein Purimfeste von dem Freisinn und der Bibelkritik viel zugesetzt worden. Jener findet es unziemlich, daß in dem Buche der Rachsucht ein so breiter Boden eingeräumt wird, daß man mit so vielem Behagen über die Vernichtung der Familie Hamans berichtet und die Juden von Schnschan sich nicht zufrieden geben läßt mit der Tötung von 550 Personen, sondern sie noch einen weiteren Tag zur Rache an ihren Feinden begehren läßt. Und die Bibelkritik springt mit diesem Buche um, als handle es sich um das Verreißen eines schlechten Theaterstückes, und bemängelt sowohl die ethische als auch die historische Seite desselben. Selbst der fromme und mutige Luther meinte, das Buch Esther und das zweite Buch der Makkabäer müßten ganz ans dem Kanon — dem christlichen, denn demMdischen gehören die Makkabäerbücher bezeichnenderweise nicht an! — gestrichen werden, da sie zu viel „jndenzen". Cornill, der freisinnige und schonungslose kritische Theologe, sagt, daß der christliche Erklärer an dem Buche Esther am liebsten ganz vorübergehe. Legarde, einer der Vertreter der modernen Haman-Spezies, verweist laut, wie unser Historiker Graetz leise die Geschichte, wo alles bis ans die Entlarvung Hamans genau auf die Sekunde eintrifst, ganz in das Gebiet der Sage. Es ist heute nicht die Zeit und hier nicht der Ort mit Nebelwollenden und Skeptikern zu rechten. Sei dem allem wie ihm wolle — eins ist sicher: Die Worte, die Mordechai zu Esther spricht: „Wenn Du auch schweigst in dieser Zeit — Rettung und Heil wird den Inden erstehen von einem anderen Orte" — diese Worte sind historisch, denn sie haben sich zu jeder Zeit als wahr erwiesen. Oft hatte Haman schon Brief und Siegel darauf, daß das Judentuni an einem bestimmten Tage nntergehen werde, immer aber kam eine rettende Esther dazwischen. Die babylonischen Juden, die bald nach dem Untergänge Jerusalems und besonders nach der mißglückten Unternehmung Bar Kochbas die Befreiung vom römischen Joche zu gewinnen, sich zum führenden Teile der Judenheit aufgeschwungen hatten, mußten, bedrängt vom Parsismus und später vom Islam, ihren Platz räumen. Ta bot ihnen Spanien ein Heim, wo sie jene großen Dienste der Weltknltur leisteten, die vor einiger Zeit wieder von berufener Seire ans Licht gezogen wurden. Der Tag, an dem die Inden Spanien verlassen mußten, der Tag, den der „heilige" Thomas Torquemada git seinem 13. Adar bestimmt hatte, war der Tag, an dem Kolumbus den Weg in die neue Welt antrat, wo zum ersten mal mit den Grundsätzen der Religionsfreiheit Ernst gemacht wurde. Die Kreuzzüge, der schwarze Tod und der mit den kirchlichen Bewegungen des 15. Jahrhunderts verknüpfte Fanatismus hatte die Juden aus Deutschland gedrängt; da eröffnete sich ihnen im Osten das polnische Reich. In Spanien verfolgte sie der Katholizismus, im Orient nahm sie der Islam auf — immer dasselbe Bild. Hat Ahasveros zuerst dem Haman Gehör geschenkt, so hört er dann wieder aus Mordcchai. Bleibt ein Mund geschlossen, der für Israel ein rettendes Wort sprechen könnte, so ersteht Rettung und Heil von einem anderen Orte. i v/y t I r!1 . , V i / i