Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 8 (21.2.1896)
- Date
- 1896-02-21
- Page
- Seite 142 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 142. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 8. verbundenen Ausschreitungen roher Vergnügungssucht nur die Juden Schuld tragen. Lehren doch die Apostel des Rassenhasses: „Das Unheil kommt von den Juden", und die Armen im Geiste sind besonders in der Antisemitenwelt sehr gläubig. — Ein Ehrenzeugnis. Im Jahre 1809 schrieb der nordamerikanische Präsident John Adams: „Trotz Bolingbroke und Voltaire behaupte ich steif und fest, daß die Hebräer für die Zivilisation der Menschheit mehr gethan haben, als irgend eine andere Nation. Wäre ich ein Fatalist, der an ein blindes, unbeugsames Fatum glaubte, so würde ich auch glauben, daß das Fatum die Juden dazu bestimmt hat, das Instrument zur Zivilisierung der Nationen zu werden." — Paris hat nun auch seinen Antisemitenskandal gehabt. Die vor zwei Jahren durch Leroy-Beaulieu gegründete Gesellschaft für sozialen Fortschritt hält regelmäßig populär-wissenschaftliche Vorlesungen ab. Neulich sollte im Studentenquartier der Professor der Ecole des scienc.es politiques, George Levy, über die Verteilung des beweglichen Vermögens in Frankreich lesen. Fast zweitausend Personen waren anwesend; davon schienen aber tausend nur gekommen zu sein, um die Versammlung zu stören und den Vortragenden nicht sprechen zu lassen. Viele Weiber und Geistliche waren in dieser Gruppe, welche die linke Seite des Saales einnahm, während die liberalen Zuhörer die rechte Seite besetzten. Bei dem Erscheinen des Vortragenden erhob sich ein ohrenzerreißendes Geschrei. „Nieder mit den Juden!" schrieen die einen, worauf die anderen mit den Rufen entgegneten: ,/Nieder mit den Jesuiten!" „Nieder mit den Pfaffen!" Eine halbe Stunde dauerte der Tumult. Leroy-Beaulieu erhob sich, um zu sprechen; man verhinderte ihn aber mit den Rufen: „Nieder mit den Juden!" „Es lebe die Kommune!" „Nieder mit den Prussiens!" Das ging eine Weile fort, und erst als die Menge vom Schreien und Toben ermüdet war, konnte Leroy-Beaulieu sich Gehör verschaffen, um das Benehmen der Skandalmacher zu tadeln. Seinen Worten folgte ein neuer Tunmlt, wobei sich zwei Personen mit Stöcken blutig schlugen. Nach einer längeren Pause konnte Leroy-Beaulieu sortfahren und sagte: „Ich lasse nicht zu, daß man eine ganze Klasse Menschen wegen ihrer Abstammung oder Religion angreift. Ich finde die Gründe für ein solches Vorgehen in keinem Katechismus. Sie entehren sich mit diesen Szenen, die nicht christliche nicht französisch sind, denn der Geist des Evangeliums ist der Geist des Friedens, der Milde und Duldsamkeit. Sie haben Ihre Weisheit von jenseits des Rheins, Ihre Wissenschaft kommt direkt aus Berlin, Sie sind Schüler des Hospredigers Stöcker. Sie haben die Gesinnung eines Kaplans des Königs von Preußen importiert." Die Rufe: „Es lebe die Freiheit!" gewannen nun die Oberhand über den Ruf: „Hoch Drumont!" und Leroy-Beaulieu erntete stürmischen Beifall. Professor Levy konnte dann seinen Vortrag halten, wenn ihn auch hier und da Zwischenrufe unterbrachen: „Ins Ghetto!" Er sprach zu Ende und schloß den Vortrag unter großem Beifall. — Zur Situation in Rußland. Von zuverlässiger Seite wird uus aus Petersburg geschrieben: Die Regierung hat schon wiederholt den jüdischen sogenannten Cheder-Schulen eingehende Aufmerksamkeit zugewandt, da die Leiter derselben vorwiegend über keinerlei Bildung und Lehrbefähigung verfügen und die Schüler außer einiger Kenntnis des Talmuds und des Hebräischen nichts lernen. Diese Frage ist jetzt von neuem im Ministerkomitee in Fluß gekommen, da der Gouverneur von Lomsha darauf hinweist, daß in den Cheder-Schulen seines Gouvernements die Erfüllung der Forderung, daß die Zöglinge dieser Schulen auch das Russische erlernen, aus die größten Schwierigkeiten stößt. Es werden daher Maßregeln ausgearbeitet werden, um allmählich an die Stelle der Cheder- Schulen jüdische Kronschulen zu setzen. — Das Komitee des Vereins zur Verbreitung von Bildung unter den Juden hat eine Reihe interessanter Daten über die speziell jüdischen Schulen gesammelt. Aufgrund dieser Daten werden Kartogramme der Verteilung der jüdischen Schulen in Juden-Rayons nach Gouvernements und Kreisen, ferner Diagramme von der successiven Entwickelung der jüdischen Schulen u. dgl. angefertigt. Die Resultate der Arbeiten werden aus der Nishegoroder Ausstellung figurieren. Ferner soll die Zahl der Juden in den allgemeinen Lehranstalten aller Lehrbezirke in Erfahrung gebracht werden. — Zur Lage der Juden in Rumänien. Wie es scheint, will das Ministerium Sturdza die Juden etwas glimpflicher behandeln, als dies seine Vorgänger gethan haben. Die jüdischen Gemeinden sind in Rumänien nicht anerkannt, sie haben daher auch nicht das Recht, Güter zu besitzen. Welche Schwierigkeiten man dadurch bei der Frage der jüdischen Unterrichts- und Wohlthätigkeitsanstalten zu überwinden hat, zeigen folgende Thatsachen: Vor ungefähr 30 Jahren kaufte die jüdische Gemeinde in Bukarest ein Grundstück, auf welchem sie eine Synagoge bauen ließ. Der Verkäufer des Grundstückes wollte es sich zu stützen machen, daß die jüdische Gemeinde nicht das Recht hatte, etwas zu erwerben, und beanspruchte aus gerichtlichem Wege die Wiedererstattung dieses Grundstückes. Endlich wies der Kassationshof, der in letzter Instanz zu entscheiden hatte, die Klage des Verkäufers ab. Aehnliche Fälle sind in Jassy und Galatz vorgekommen, wo die Gemeinden Krankenhäuser besitzen. Für diese Krankenhäuser waren bedeutende Legate gemacht worden, deren Rechtmäßigkeit aber angesochten wurde. Das vorige Ministerium beschäftigte sich mit dieser Frage, ohne sie zu entscheiden. Erst vor kurzem wurde vom Ministerium Sturdza die vollständige Rechtniäßigkeit dieser Legate anerkannt und entschieden, daß sie für Anstalten, die das Gemeinwohl im Auge haben, gespendet wurden. — Der Konflikt in Transvaal. Der „Cape Argus" vom 10. Januar berichtet über eine Unterredung mit Herrn Cohen, Vorsteher der jüdischen Gemeinde zu Krugersdorp, woselbst in jüngster Zeit der Kampf mit den Truppen Dr. Jamesons stattfand. Herr Cohen gehört als thätiger Pionier und bedeutender Grundbesitzer zu den leitenden Persönlichkeiten des Ortes und verhielt sich während der letzten Krise als persönlicher Freund des Präsidenten Krüger durchaus neutral. Am Neujahrstage machte er einen Besuch in Johannesburg und wurde aus der Rückreise nach Krugersdorp von einigen Boers überfallen und arretiert. Er wurde von bewaffneten Männern bewacht, welche über die Besiegung der Engländer prahlten und ins Gefängnis gebracht, wo er die Nacht zubrachte. Die Gefängniswärter sagten ihm, daß er des Hochverrats angeklagt