Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 8 (21.2.1896)
- Date
- 1896-02-21
- Page
- Seite 140 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 140. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 8. Beamte in höherer Stellung haben, — eine Angabe, deren Stichhaltigkeit angezweifelt wird. Der Herr Abgeordnete müßte denn außer den Notaren sämtliche Rechtsanwälte, Gerichtsreferendare, die eine Anstellung noch nicht beanspruchen, und Gerichtsassessoren, die eine solche nicht erlangen können, mitgezählt haben. Tann könnte freilich die Zahl ungefähr stimmen. — Aus den Berliner Vereinen. Am 8. d. M. fand der erste öffentliche Vortrag und Gesellschaftsabend der am 4. Januar d. I. von ehemaligen Schülern der Religionsschnle „Beth Zion" gegründeten Litterarisch-Geselligen Vereinigung" statt, der sich eines überaus großen Zuspruches zu erfreuen hatte. Der Vorsitzende, Herr Martin Cohn, entwickelte in seiner Eröffnimgsrede die Aufgaben und Tendenzen der Vereinigung und hob hervor, daß dieselbe neben der deutschen Wissenschaft auch vor allen Dingen die Pflege der jüdischen Litteratnr in ihr Programm ausgenommen habe. Sodann hielt Herr Rabbiner Höxter einen Vortrag über „Moses Mendelssohn". Reicher Beifall lohnte die Ausführungen des Herrn Referenten. Dem Vortrage folgte Unterhaltung und an der Kaffee-Tafel wurde manch schönes Wort gesprochen. Darauffolgender Tanz, der mit humoristischen Vorträgen abwechselte, hielt die anwesenden Gäste noch bis 1^4 Uhr morgens in frohester Stimmung zusammen. — Das vierte, am 4. Februar cr. im Königstädtischen Kasino abgehaltene Stiftungsfest des Frauen- und Jungfrauen-Wohlthätigkeits-Vereins „Mathilde" nahm einen glänzenden Verlauf. Eine zahlreiche illustre Gesellschaft hatte sich zu dieser Feier eingesunden. Mit einem von Herrn Dr. Oskar Lipschütz verfaßten und von Fräulein Johanna Hoffmann mit innigem Verständnis vorgetragenen Prolog wurde das Fest eröffnet. Die Festrede hielt Herr Rabbiner Tr. Lipschütz. Nach einer kurzen Geschichte des Vereins, wobei der Redner der verewigten Begründerin Mathilde Caro ehrend gedachte, wurde die erfreuliche Thatsache erwähnt, daß den Verein dank der Rührigkeit des jetzigen Vorstandes, besonders der Frau Rosalie Silber und des Herrn Ivan Ritter in den letzten Wochen von 250 auf 520 Mitglieder angewachsen ist. Die Ansprache, die einen tiefen Eindruck auf alle Zuhörer machte, beschloß ein mit Begeisterung aufgenommenes Hoch aus Se. Majestät den Kaiser, als den erhabenen Förderer aller humanen Bestrebungen. — Im weiteren Verlauf des Festes wechselten Tanz, humoristische und deklamatorische Vorträge, wobei sich die Herren Heinrich Guth und Gebrüder Segall ganz besonders auszeichneten, mit einander ab, so daß für Alt und Jung der Genüsse genug geboten wurde. — Ein Mendelssohn für Stöcker. Die Kreuzztg. bringt folgende Erklärung: „Unter die Flamen der Herren, welche der Erklärung des Professors D. v. Nathusius, betreffend den Hosprediger a. D. Stöcker und die gegen ihn erfolgten Angriffe des „Kladderadatsch", zustimmen, bitte ich auch meinen Namen setzen zu wollen. Mendelson, Superintendent a. D., Pfarrer in Seehausen (Kreis Wanzleben)." — Dieser geistliche Herr Mendelson ohne s und h stamint, wie versichert wird, in gerader Linie von Moses Mendelssohn ab. — Journalistische Todesanzeige. Der Mantel 'fällt und der Herzog ihm nach! Dr. Friedrich Lange ist gegangen — worden, aber seine Schöpfungen die „Volksrundschauen" der verschiedenen Provinzen sind eben nicht gegangen und müssen deshalb ans dem Wege gebracht werden. So verschwindet eine nach dem andern. Neuerdings ist die Gesellschaft m. b. H. „Magdeburger Volksrundschau" aufgelöst worden. Ja, die Politik verdirbt mitunter den Charakter, mitunter auch das Geschäft! — Zur Kriminalität der Juden. Es ist ein alter Witz, wir wollen ihn jedoch wiederholen: In Gegenwart von Juden verlieh ein Antisemit seiner Sehnsucht nach einem völlig „judenreinen" Orte lauten Ausdruck. „Gehen Sie m das Zuchthaus in 36. — dort finden Sie keine Juden," wurde ihm zuvorkommend Bescheid. Leider nicht wörtlich, aber zum Teile illustriert dieser Witz eine trockene statistische Mitteilung aus dem Großherzogtum Hessen. Sie lautet: „In den beiden Großherzogl. hessischen Strafanstalten (Zuchthaus Marienschloß und Zellengefängnis Butzbach) befinden sich zur Zeit unter mehr als 600 Sträflingen nur 5 Israeliten: 1 wegen Diebstahls, 1 wegen Hehlerei, 2 wegen Betruges, 1 wegen sittlichen Vergehens. Der Seelenzahl nach hätten es in Hessen 24—26 sein müssen." — Wieviel Antisemiten darunter sind, ist bedauerlicher Weise nicht statistisch festgestellt. — Zahlen und Maul halten! Diese Devise, die nicht schöner wird durch den Umstand, daß sie Schiller einem seiner Bühnenhelden in den Mund legt, scheinen unsere offenen und versteckten Gegner sich inbezug auf Juden erwählt zu haben. Wird irgendwo irgend ein Jude in irgend eine Schulkommission gewählt, dann große Entrüstung im ganzen Lager Antisems. Weigert sich aber irgendwo irgend ein Jude zu einer christlich-konfessionellen Schule zu steuern, dann wiederum große Entrüstung im ganzen Lager Antisems. „Zahlen und Maul halten!" Mit einer Ausführlichkeit und einer Ironie, die einer schlechteren Sache würdig wäre, berichtet die katholische „Schles. Volkszeitung" aus dem Kreise Glogau: „Ein hier ansässiger in Grünberg wohnhafter jüdischer Rittergutsbesitzer, Fabrikant und Getreidegroßhändler hatte seit rnelcu Jahren schon aufgrund des katholischen Schulreglements von 1801, einen jährlichen Beitrag von 1,52 M. für die benachbarte katholische Schule gezahlt. Seit zwei Jahren verweigerte er die Entrichtung dieses geringfügigen Betrages und konnte auch durch wiederholte höfliche, zuletzt energische Ermahnungen vonseiten des Schulvorstandes nicht zur Zahlung bewogen werden. Der betreffende Ortspfarrer beantragte nunmehr in seiner Eigenschaft als Lokalschulinspektor und Vorsitzender des Schulvorstandes beim Landratsamt die exekutivische Beitreibung. Prompt verhängte der Landrat die Exekution und binnen drei Tagen war der Schulvorstand im Besitz des Verlangten. Nunmehr verklagte der jüdische Rittergutsbesitzer, unterstützt von einem jüdischen Rechtsanwalt in Grünberg und einem solchen in Glogau, den Landrat beim Kreisausschuß, zu dessen Sitzung unlängst alle streiteirden Parteien geladen waren. Nach Lage der Gesetzgebung mußte natürlich der Kläger abgewiesen werden. Sollte derselbe jetzt vielleicht sein „Recht" noch weiter suchen, so wird er dadurch ganz bestimmt Sturmwind in die schon schwellenden Segel der Antisemiten hineinblasen — um schließlich