Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-02-21 · 8 (21.2.1896) · p. Seite 139

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
8 (21.2.1896)
Date
1896-02-21
Page
Seite 139 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/4794838-9609712-9609860--1191-9609867
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr, 8. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 139. macht, daß von 17 im Einzelnen aufgeführten Schulen eine besondere Lehrkraft angestellt ist, obwohl sich von diesen Schulen unter 637 bis 1234 Kindern nur 11 bis 31 jüdische Kinder befanden. — Unsere Gegner haben viel zu früh und viel zu laut triumphiert, denn entspricht sie auch nicht dem Verhältnisse völliger Gleichberechtigung, — antisemitisch ist die Verfügung in keinem Teile. — Montags - Vorlesung. Am 10. d. Mts. fand die vierte Montags-Vorlesung für die Wissenschaft des Judentums statt und zugleich die erste im diesjährigen Cyclus, die ein jüdisches Thema behandelte. Ob das Judentum bei dieser „jüdischen" Vorlesung viel gewonnen, möge der folgende Bericht zeigen. Herr Tr. N. Samter sprach über „Judentum und Griechentum". Wer von diesem Vortrage eine Charakteristik des jüdischen und des hellenischen Genius erwartete, eine populär-wissenschaftliche Beleuchtung der Differenz- und Berührungspunkte zwischen dem Geiste Hellas' und dem Geiste Palästinas, der war enttäuscht. Der Vortragende scheint die von Berthold Auerbach in seinen Briefen an Jakob Auerbach geäußerte Behauptung, daß man in Festvorträgen keine neuen Gedanken entwickeln dürfe, auch auf die „Wohlthätigkeitsreden" auszudehnen. Seine Vortragsweise hingegen ist lobenswert. — Was den Inhalt des Vortrages betrifft, so zerfiel derselbe in zwei Teile. Der erste Teil wiederholte in größtmöglicher Kürze die allgemein bekannten Beziehungen zwischen Judentum und Griechentum. Ten Ausgangspunkt bildete ein Ausspruch Curtius', daß unsere Kultur ein Produkt des hellenistischen und jüdischen Geistes ist. Die Griechen sind die Schöpfer der Kunst und Wissenschaft, die Juden die der Religionswahrheiteu. Die Zelte Sems blieben auch nicht unberührt vom Geiste Japhets. Griechisches Wesen fand Eingang in Israel. Einige Talmudlehrer führten auch griechische Flamen. Indessen die Strenge des Judentums gegen jeden Bilderkultus entfachte den Kampf zwischen den kunstsanatischen Hellenen und den monotheistischen Israeliten. Seinen Höhepunkt erreichte der Kampf unter der Herrschaft des Bildungsfanatikers Antiochos Epiphanes in den Kämpfen und Siegen der Makkabäer. Zu einer Verbindung von Judentum und Griechentum kam es in Egypten. Ten Gipfelpunkt der Vereinigung jüdischen und griechischen Wesens stellt die Bibelübersetzung, die Septuaginta dar, die Renan zu den größten weltgeschichtlichen Ereignissen zählt und die Grätz als den ersten Apostel bezeichnet, welcher der heidnischen Welt die Heilslehren des Judentums überbracht'e. Die Entartung des Griechentums in der nachklassischen Periode machte es jedoch den tiefsittlichen Juden verhaßt. Im zweiten Jahrhundert nach der gewöhnlichen Zeitrechnung — nach dem Nachweis Joels — entstanden die feindlichen Aeußerungen des Talmuds gegen die griechische Weisheit. Die Beziehungen der jüdischen Wissenschaft zur griechischen in der arabischen Epoche unserer Geschichte erwähnte der Redner blos, ohne auf sie einzugehen. - - Der zweite Teil der Rede war eine Predigt über Jndentum und Bildung: Judentum und Bildung sind vereinbar, diese darf jedoch jenes nicht verdrängen. Dieser zweite Teil war vielseitig; er berührte die jüdische Moral, den Religionsunterricht, die Ueberhandnahme der Taufen, die mcssiauische Idee, die bösen Geheimräte u. s. w. War nun auch die lange Predigt nicht programmgemäß, so war es doch ein kühner und feiner Griff, der Dank verdient, den Teil der Zuhörerschaft, der vielleicht den Synagogenreden ausweicht, an dieser Stelle mit einer ganz berechtigten Moralrede zu. überraschen. Die „Montagspredigt" wurde mit begeisternder Begeisterung vorgetragen und gehörte zu den Predigten mit Inhalt. Denn sie enthielt einige nicht allgemein bekannte und höchst interessante Zitate über Israel und seinen Gottesgedanken, wie über die Gerechtigkeit der Juden. Dr. Samter wies darauf hin, daß auch Stuart Mill, der völlig religionslos erzogen wurde, sich mit der lichten Gottesidee befreundete, daß ferner Spencer die Gerechtigkeit ähnlich der jüdischen Auffassung zum Grundstein seiner Ethik macht. Der Vortragende teilte auch eine interessante Aeußeruug Humboldts mit: Ein jüdischer Student zeigte dem großen Naturforscher an, daß er zum Christentum übertreten werde. Humboldt riet ihm, sich den Schritt noch zu überlegen, weil die Lehren des Judentums den Erkenntnissen der wissenschaftlichen Forschung sehr nahe stehen. Herr Dr. Samter verlieh seinem Vortrage einen gewissen Reiz dadurch, daß er häufig — vielleicht zu häufig — Hebräisch zitierte. Redner wandte sich auch gegen die Behauptung des Herrn Dr. Bernseld in diesem Blatte, daß die Juden in Egypten sich nicht der griechischen sondern der hebräischen Gebetsprache bedient hätten. Ich überlasse es Dr. Bernseld, sich zu retten, und will blos bemerken, daß die Frage betreffs der Gebetsprache der Juden sehr leicht zu beantworten ist. In Alexandrien und in manch' andern Städten wurden die Gebete in griechischer Sprache verrichtet, und es ist nicht bekannt, ob die palästinaische Judenheit, die wohl damit nicht einverstanden war, dagegen einen formellen Protest erhoben hat. In den späteren Jahrhunderten stritten die Weisen (nach Jeruschalmi Sote) über die Berechtigung eines solchen Protestes. Allenfalls sind die Reformer der Gegenwart in der Irre, wenn sie das Alexandrinische Judentum als Eideshelfer heranziehen. Denn sie vergessen, wie weit ihr alexandrinisches Musterjudentum gekommen ist, und lassen außer Acht, daß es sich in Egypten nicht wie bei uns um willkürliche Verbannung der hebräischen Gebetsprache aus Israels Mitte überhaupt handelte, sondern blos um eine unabänderliche Entwicklungskonsequenz eines im Vergleiche zu dem in Palästina lebenden Israel unbedeutenden Zweiges der Judenheit. Dr. I. Niemirower. — Wieviel jüdische Staatsbeamte in höherer Stellung es in Preußen giebt, sagte der Abg. v. Eynern in einer der letzten Sitzungen des preußischen Abgeordnetenhauses. Er gab u. a. folgende statistische Daten: Die männliche Bevölkerung betrug nach der letzten Statistik 14 Millionen, davon waren 64 Prozent evangelisch, 34 Prozent katholisch, 1,2 Prozent jüdisch. Unter den 65 000 höheren Beamten waren 77 Prozent evangelisch, 19l/3 Prozent katholisch, 3 Prozent jüdisch. Von den 146 000 Schülern höherer Lehranstalten waren aber 71 Prozent evangelisch, 9 Prozent jüdisch und nur 19 Prozent katholisch, an den Universitäten 72 Prozent evangelisch, 18 Prozent katholisch, 9 Prozent jüdisch und in der juristischen Fakultät 72 Prozent evangelisch, 18,8 Prozent katholisch und 8 Prozent jüdisch." — Nach dieser Darstellung müßten wir in Preußen 1950 jüdische

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.