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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-02-21 · 8 (21.2.1896) · p. Seite 137

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
8 (21.2.1896)
Date
1896-02-21
Page
Seite 137 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 8. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 137. schlag der Zeit angeregt zu werden und die Ideen, die eben im Schwünge sind, seinem geistigen Dasein einzuverleiben. — So hatte die Brandfackel des Krieges, welche damals zwischen Nationen geschlendert wurde, auch manchen Funken versprüht, der in der Brust jüdischer Jünglinge zur lichterlohen Flamme thatendnrstigen Mutes aufloderte. Man hörte von manchem kühnen Strauße, sowohl polnischerals russischerseits, der von diesen Epigonen der Makkabäer ansgeführt wurde. Bis 5000 Inden zählten die russischen Kriegslisten, eine Legion Freiwilliger diente im polnischen Heere und den Unthätigen, die von Familienangelegenheiten abgehalten wurden, mit hinaus zu ziehen, schwoll die Brust von Enthusiasmus, und wie Themistokles auf den Sieger bei Marathon, sahen sie mit Neid auf die Großthaten ihrer Glanbensbrüder. Zn diesen gehörte auch David Rubinthal, der Sohn eines sogenannten polnischen Nagids (Geld-Aristokraten). Von geringer Herkunft, hatte der alte Samuel durch seinen ausnehmenden Biedersinn ein Ansehen in der Gemeinde erlangt, welches durch ein großes Vermögen, das Fleiß und Speknlationsgeist zusammengebracht. um ein Bedeutendes erhöht ward. Er war einer von jenen energischen Charakteren, die, nach bestimmten Maximen handelnd, nie der Meinung der Menge ein Opfer bringen, wenn dieses in Konflikt mit ihren Prinzipien gerät. So war er z. B. strenggläubig bis zum Zelotismus. Er wäre nicht um ein Haar breit von dem geringsten ritualen Gebrauche der Väter gewichen. Dabei hatte er aber doch einen richtigen praktischen Sinn und sah die Einseitigkeit seiner Glaubensbrüder recht gut ein, die, um die Religiosität in der Jugend zu wahren, ihnen jede geistige "Nahrung entziehen, und die freie Kraft in ihrer Entwicklung und ihrem Aufschwünge hemmen. Das Talmudstudium, so anregend und verstanderweckeud es auch ist, läßt alle anderen Seelenthätigkeiten unbeachtet, und macht, wenn es ausschließlich, wie in Polen, betrieben wird, für jeden Bürgerstand unbrauchbar. Er gab daher seinem einzigen Sohne eine für seine Zeit ganz ungewöhnliche Erziehung und ließ ihn — ohne das Hauptstndium, die Gemara, zu vernachlässigen — was seinem gläubigen Sinne widersprochen hätte — auch in der Landessprache und in den gemeinnützigen Normalkenntniffen Unterricht erteilen. Ter Vater hatte selbst zuweilen ein deutsches Buch gelesen, und mußte wegen dieser heterodoxen Erziehung manchen harten Kampf mit den Ortsrabbinen und vorzüglich mit seiner Gemalin bestehen. Letztere wollte durchaus ihren einzigen Sohn zu einem Rabbiner heranbilden, damit er der Stammvater einer „Mischpacha mejucheseth", einer talmndisch gelehrten und so ipso adligen Generation werde, und sträubte sich daher mit Fanatismus gegen diese fremdartigen Elemente, die in einer jüdischen Erziehung ganz unerhört waren. Samuel, von der Wahrheit durchdrungen, bot zuerst alles aus, um ihr eine bessere Ueberzengung beizubringen. Allein er fand bald, daß dergleichen Versuche au verjährten Vorurteilen einerseits, und an der beschränkten Sphäre der polnischen Jüdinnen andererseits scheitern mlissen, und ertrug daher den Unwillen seiner Frau so lange, bis diese sich mit dem Gedanken an „deutsche Bildung" durch eine Reihe von Jahren befreundet hatte, und endlich dein sonst als strenggläubig anerkannten Manne in dieser Rücksicht alles gewährte. David war nun 20 Jahre alt; seine Erziehung, so gut sie der Vater selbst verstand, war vollendet, d. h. er war gewandt in der talmudischen Dialektik und Disputationskunst, sprach geläufig Polnisch und Deutsch, letzteres zwar nicht ganz frei vom jüdischen Jargon und nicht ohne Beimischung vom slavischen Accente; ja auch einige Grammatikalschnitzer waren nichts seltenes in seinem Munde; aber dennoch ragte er über seine Jugendgespielen weit hinaus, und verstand einen deutschen Schriftsteller so gut, als es ohne historische und anderweitige Vorkenntnisse möglich ist, und verarbeitete die Ideen mit Leichtigkeit in seinem lebhaften Geiste. Allein man darf nicht den Maßstab deutscher Schulen an die Bildung des jungen Rubinthal legen. Von harmonischer Entwickelung der Seelenkräfte, von systematisch geordneten Kenntnissen war gar nicht die Rede. Seine sogenannte Aufklärung war, wie die heutzutage bei jungen polnischen Juden allenthalben vorkommende, mehr ein Zwielicht, wo im Dämmerschein manche Bergeskuppe erglänzt, dagegen riesige Schatten, unbeleuchtet, durch den Kontrast nur markierter in den Vordergrund treten. Sein Wissen bestand denn doch blos in einigen talmudisch juridischen Abhandlungen und einem Flitterglanze deutscher Phrasen, aus belletristischen Schriften der damaligen Litteratur zusammengerafft. Sein Vater verstand trotz seines gesunden Sinnes dennoch nicht, was er in lebhafter Ahnung erfaßt, und hatte keinen klaren Begriff von dem, was er „deutsche Bildung" nannte, und wenn er auch bedenklich die Don Quixoterien seines Sohnes ansah, so beschwichtigte er sich damit, daß David nun wieder werde „fleißig Gemara lernen." lFortsetzung folgt.) Zpjcgcldildtr aus dem jiiMfdirn frbrn. In der Gesellschaft. Welch' fröhlich heiteres Gedränge Herrscht vor dem stattlichen Portal — Einströmt das Volk in dichter Menge Zunl großen, festlich hellen Saal! Es ist ein löbliches Vollbringen, Das hier so zahlreich sie entbot; Man will durch Musizieren, Singen Besänftigen der Armen Not! — Der Zweck hat heut' die Konfessionen Vereint zur edlen Menschenthat; Der Glanz der vielen Doppelkronen Verheißt ein gutes Resultat! Begrüßen rings und Händedrücken, Der frohen Stimmen lauter Schall, Und Plaudern, Lachen, Stühlerücken, Und Festesstimmung überall! Ich will nicht das Konzert bedichten — Man spielt und singt — der Beifall rauscht; Doch will getreulich ich berichten. Was in den Pausen ich erlauscht: —

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