Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 8 (21.2.1896)
- Date
- 1896-02-21
- Page
- Seite 136 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 136 Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 8. Vollkommen recht hat aber Frau Remy, wenn sie zu innigstem Anschluß an die Religion der Väter mahnt. Die Thatsachen mindestens sprechen für sie; wir sehen, wie unter der Emanzipation, die nur zu oft auch eine Befreiung vom Glauben bedeutet, die eigenartigen Vorzüge des jüdischen Familienlebens schwinden. Manches, dessen sich der Jude vordem innerlich freudig bewußt sein durfte, ist schon dahin. Ungern sehe man auch das Beste schwinden, sehe man das aussterben, was man einmal unter dem Begriff: „ein jüdisches Weib" umfaßte und verstand. _ O. W. Feuilleton. Die Insurgenten. Von S. P. (Fortsetzung.) „Ja! Wir speisen uns gern mit sinnreichem Wortgepränge ab und lassen dabei alle Wellen des Schicksals über uns zusammenschlagen. Ja wohl! schöne große Gedanken! — Aber Gedanken sollen die Seele der Handlungen sein, sollen zu großen, männlichen Thaten beleben. Aber Euere schönen großen Gedanken führen höchstens zu Parschath Waijechal. — Ich sage Euch, das ist der Fehler unseres Volkes: es ist feig, unthätig und opfert dem Fasttag sein Mark und Blut, das es besser für die edle Freiheit verspritzen sollte. Da sehet einmal diese Polen! Das sind Männer! O wie schön muß es sein, für das Vaterland zu sterben!" „Möchtest Du nicht gleich hingeben und Dich anwerben lassen?" „Warum auch nicht? Ich wäre nicht der erste und einzige Jude, der den Vorwurf, den man uns macht, Lügen zu strafen sucht, als wenn wir teilnahmlos an allen Weltereignissen nur nach Gewinn strebten und aus allen Begebenheiten nur unfern Vorteil zu ziehen suchten. Ja freilich ist nicht jeder von uns so opferwillig, einer edlen erhabenen Idee, dem Aufschwünge zu den mächtigen Gefühlen der Menschen seinen Schacher preis zu geben." „Und die großen, menschlichen Ideen liegen in den blutigen Raufereien, in dem Brudermorde en gros — Schlachten genannt?" „Diese Rauferei, wie Ihr sie zu nennen beliebt — ist ein Kamps für Freiheit und Tugend!" „Weißt Du, daß wahre erhabene Tugend gerade in dem stillen Dulden und in jener demutvollen Ergebung liegt, die Dir zu tadeln beliebt? Weißt Du, daß Fesseln tragen ebensoviel Mut und Seelengröße heischt, als Ketten zerreißen und abschütteln?" „Und was ist Euch denn die Freiheit, jenes köstliche Gut des Menschen, auf eigener Bahn im stolzen Bewußtsein seiner Selbständigkeit einherzuschreiten? Was ist Religion anders, als des Menschen Vollmachtsbrief zur Freiheit? Was ist Tugend anders als das Verdienst des freien selbständigen Willens?" „Das ist wieder die Weisheit Deiner Romane? Freiheit, wahre edle Freiheit, ist auf dem Throne wie auf der Galeerenbank, wenn Tugend damit gepaart ist. Ter Blick in die Vernunftwelt, womit er sich entrafft der Verwandtschaft mit den Tieren, ist des Menschen Stolz. Der Dienst des Momentes, dieses Sklaven des sich selbst ungetreuen Wechsels, der Launen und Leidenschaften — das ist Knechtschaft, und von diesem Haufen loszukommen und einzukehren in die eigene Heimat, das ist — Entfeßlung — ist Freiheit! Persönliche Unabhängigkeit ist freilich wünschenswert, sie vermag große Thaten zu schaffen, wie die Knechtschaft nur Geisteszwerge ausbrütet; aber danach ringen, wo der Untergang gewiß ist, jener Kampf mit nnbezwinglichen Elementen ist nicht Tapferkeit, sondern Tollkühnheit; der mutvolle Tod ist nur ein mit Tiraden verbrämter Selbstmord!" „Hat David dem Goliath gegenüber auch so gesprochen?" „Die Zeit der Wunder ist längst geschwunden. — Was aus Gottes Geheiß geschah, vermesse sich der Mensch, der eigenen Faust trauend, nicht zu üben, wenn er nicht dreist in des Schicksals Räder eingreifen will, die ihn zermalmen. Uebrigens hatte Dein Volk in seiner geräuschlosen Wirksamkeit, eine große Sendung zu vollbringen, die es bisher getreulich ausgerichtet. Sogar teilnahmlos, wie Du meinst, und so egoistisch, wie man glaubte, hat es nicht bei großen Weltereignissen gehandelt; doch davon ein anderes Mal. — Jetzt will ich Dich nur vor dem Freiheitsschwindel warnen, der so manchen jungen Kopf in dieser Zeit verdreht! Diese Polen, dieses Häuflein Löwen — zugestanden, es wären lauter Löwen und nicht auch belfernde Hunde dazwischen — vermag nichts gegen jene Schar riesiger Elephanten; hier ist nichts zu gewinnen, alles zu verlieren, und um einer blutigen Rache willen, setzt nur die ungezügelte Wut der Masse alles aufs Spiel. Und Du, der Jude? Was willst Du? Jene kämpfen für ein Phantom des Ruhms und Patriotismus. Du Vaterlandsloser, bald vergessen, Du würdest für eines Schattens Schatten dein Blut verspritzen." David wollte noch etwas einwenden, aber sie waren in ihrer Wohnung angelangt, und der Alte wendete sich an der Hausthüre noch einmal zu ihm: „Du kennst nun meine Ansichten", sagte er „und weißt, daß sich mein Wille unabänderlich darnach richtet. Ich verzeihe Dir Deine gottlosen Reden, wenn sie nur keine weitern Folgen haben. Was ich als Vater berechtigt bin, das heische ich für dieses Mal mit unerbittlicher Strenge und erwarte pünktlichen Gehorsam. Jetzt komm, mib vor Deiner Mutter kein Wort von alledem!" Der junge Mann preßte die Lippen zusammen und verschluckte seinen Unwillen. II. Die jüdischen Gemeinden Polens konnten sich der innigsten Teilnahme an den politischen Ereignissen ihrer Gegenwart nicht erwehren, und hatten thatsächlich jenen Vorwurf entkräftet, den schon David erwähnt, als läge es an ihnen, daß sie als isolierte Körperschaften im Bunde der Nationen dastünden. Ja! der Jude liebt das Land, wo er geboren und erzogen ward, und wenn nur ein Sonnenstrahl in seines Ghettos finstern Kerker fällt, so ist er bald durchglüht von Patriotismus. Aber das Jünglingsalter hat das Vorrecht, früher vom Flügel-