Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 7 (14.2.1896)
- Date
- 1896-02-14
- Page
- Seite 131 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 8. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 181. hundert von Johann Peter Frank gethanen Ausspruches: „Oft habe ich die Genauigkeit der mosaischen Polizeigesetze, die gewiß alle in einem Staate je getroffenen öffentlichen Gesundheitsanstalten übertreffen, bei mir selbst überdacht, und indem ich fand, daß der große Gesetzgeber sich auch bis auf die niedrigsten Gegenstände herabließ .... mit Bewunderung jene Zeiten mit der unsrigen verglichen", was bei der Höhe, auf welche die hygienische Forschung in beu letzten Jahren gelangt ist, sicherlich sehr viel besagen will. Die allgemeine Wohlfahrt fördert Mose indem er das hygienische Gebot für den Einzelnen zur Gesamtheit in Beziehung bringt und es zum Gesetze erhebt, und so die bezüglichen Vorschriften zu einer Rechtspflege des Gesundheitswesens erweitert. Selbst die Art, wie er statistische Zahlen herbeiführt, wobei er weniger auf die trockene Abzählung Rücksicht nimnit, ja sie sogar verbietet, zeigt, daß es ihm hauptsächlich daraus ankam, die Zahl der Lebenden zu der der Toten als Maßstab für die Beurteilung des öffentlichen Gesundheitszustandes zu gewinnen. Der Herr Vers, versucht in der mosaischen Gesetzgebung die hygienische Grund lag e auszufinden, weniger aber den gesundheitspflegenden Kern der einzelnen Vorschriften ins Auge zu fassen, wenn er letzteres auch nicht ganz verschmäht, zumal wenn es für die ausgestellten Behauptungen als triftiges Beweismittel dienen soll. Der Wert der Sabbalbestimmungen für das soziale Wohlbefinden, die Eircumcission, Speise- und Reinheitsgesetze, wird ins rechte Licht gerückt, und die Notwendigkeit der Ueberwachung der letzteren durch die damaligen Träger der medizinischen Kenntnisse — die Priester vom Stamme Levi — betont. Hier verstanden wir nicht, was den gelehrten Verfasser bewogen hat, die Zugehörigkeit von Mose und Aron zum Stamme Levi, nur als wahrscheinlich hinzustellen. Ebenso unklar ist es'uns auch, warum er dem Verbot des Blutgenuffes die Bedeutung eines Hygienegesetzes fast ganz abspricht und es lediglich mit „kultischen Vorstellungen" begründete. Das heutige polizeiliche Verbot des Blutgenuffes von geschächteten Tieren, weil es mit ungesunden Teilen, welche das sterbende Tier aus dem Magen ausscheidet, durchsetzt ist, hätte ihn doch eines Bessern belehren sollen. Daß der Vers, die ganze einschlägige moderne Litteratur beherrscht und verwertet hat, ist bei einem Manne der Wissenschaft, wie es Herr Pros. Baginsky ist, wohl selbstverständlich. Deshalb sei die Schrift, deren Ertrag überdies einem wohlthätigen Zwecke dient, besonders allen denen, welche häufig in die Lage kommen, den hohen Wert der Heiligtümer des Judentums auch für die heutige Zeit verteidigen zu müffen, in ihrem Interesse auf das wärmste empfohlen. Dr. M. * Patriotische Reden von Dr. I. Kohn, Rabbiner in Jnowrazlaw. Verlag vonKauffmann, Frankfurt am Main. Die Besprechung von Predigtsammlungen gehört zu den unangenehmsten Aufgaben; denn die Predigten sind in der Gegenwart zumeist viel zu geistlos und langweilig, um zur unterhaltenden, und viel zu gehaltlos, um zur wissenschaftlichen Litteratur gerechnet zu werden. Die Betrachtung der vorliegenden Sammlung patriotischer Predigten hingegen wirkt erhebend und erfreuend. Denn dieselbe enthält wahrhaft homiletische Gedanken, vortreffliche Deutungen interessanter Midraschstellen. Der als vorzüglicher Prediger bekannte Verfasser macht eine anerkennenswerte Ausnahme von der allgemeinen traurigen Regel, welche die vier Ellen der Bibel nie verläßt, und wählt innige und sinnige Talmud- und Midraschstellen — manchmal auch eine bedeutsame Massorah — zum Text. Trotz dieser Ketzerei gegen die Satzungen der „modernen" Homiletik erfüllen die Meden Kohns die berechtigten Anforderungen der homiletischen Technik. Diese gottesdienstlichen Vorträge liefern den in der JetzlJeit leider notwendigen Beweis, daß auch Predigten — mit Inhalt — formell ausreichen können, daß auch belehrend e Reden erbauen können. Belehren und erbauen soll die jÄdische Predigt. Verstand und Herz müssen zugleich gehoben wurden. Unsere Predigten müssen daher vom Wunderduft des MLbraschgeiftes umhaucht sein! Diesem Geist der Hagada begegnet man in den patriotischen Reden Kohns. Sie seien daher bestens empfohlen. Dr. I. Niemir.ower. fofc Lliittn. * Zwei BaudenkmälerToledos. Unter den inteo essanten Baudenkmälern Toledos fesseln zwei Synagogen in hervorragenden Maße des Beschauers Blick, weil sie als die einzigen Zeugnisse des dortigen Aufenthalts der Juden in die Gegenwart hineinreichen. Die ältere von beiden, welche den Namen Sancta Maria la Bianca führt, wurde während der Araberherrschast erbaut, nach der Vertreibung der Mauren in eine Kirche, dann in ein Asyl und hierauf in eine Kaserne umgewandelt. Vor einigen Jahren ließ die Kommission zur Erhaltung der historischen Denkmäler das halbzerfallene Gebäude restaurieren, und es bildet nunmehr eine der meistbesuchten Sehenswürdigkeiten der Stadt. Die andere Synagoge wurde im XIV. Jahrhundert von Samuel Levi, dem Schatzmeister Peters des Grausamen, aus eigene Kosten erbaut. Bei dem Fürsten in hoher Gunst stehend, erwirkte Samuel Levi die Erlaubnis, das Gotteshaus zu errichten, eine Vergünstigung, welche um so größer war, da gerade vamals die Juden in anderen Teilen des Reiches aus ihren Synagogen vertrieben wurden. Samuel Levi behauptete sich nicht lange in der königlichen Gunst; von seinen Feinden verleumdet, wurde er seines Amtes verlustig erklärt, seine Güter wurden konfisziert, seine Familie endete im Kerker, er selbst unter den Qualen der Folter. Wahrscheinlich wurde schon damals die von ihm erbaute Synagoge geschlossen und blieb unbenützt, bis sie im Jahre 1494 in eine Kirche umgewandelt und dem heiligen Benedikt geweiht wurde. Besondere Verehrung genoß ein Bild, das die „Himmelfahrt Mariä" darstellt, und von diesem Bilde erhielt die Kirche den Namen Bl Dransito, womit sie noch heute bezeichnet wird. Das Innere des Gebäudes bildet ein Rechteck, dessen Seiten den vier Himmelsgegenden zugekehrt sind. Die Mauern sind aus Stein, die Decken aus gebeiztem Holz. Die nördlichen und südlichen Wände sind gleich und unterscheiden sich nur durch die Inschriften. Ehemals waren fünf Tribünen, die sich an die südliche Mauer anlehnten, zu Sitzen für Frauen bestimmt. Ein breiter Fries, aus drei Streifen in Stuck bestehend, läuft an der oberen Partie der Mauern entlang; die oberen und unteren sind mit Inschriften aus der Bibel bedeckt. Das Mittelfeld, größer als die beiden anderen, ist ein Basrelief, das eine Rebe darstellt, deren Gezweige verschlungen das Wappen von Kastilien und Leon umgiebt. lieber dem Fries, die Dachung des Gebäudes tragend, Erscheint die Wandbekrönung, ein Werk, das leichter zu bewundern als zu beschreiben ist; denn die Feder giebt die magische Wirkung der Säulchen, die Anmut der Kapitäle, den phantastischen Anblick der Bogen, noch weniger den Reichtum der Arabesken und die elegante Symmetrie der Rosetten wieder, die sich von einem Fachgrunde abheben, der eher einem Spitzengewebe gleicht, als einer Stückarbeit. Die östliche Mauer