Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 7 (14.2.1896)
- Date
- 1896-02-14
- Page
- Seite 130 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 180 Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 8. den, neigenden, hebenden und schiebenden Bewegungen zu machen. Der Tanz dauerte eine gute Stunde und belebte sichtlich die immer fröhlicher werdende Gesellschaft. Der Stern der Gesellschaft war eine gewisse Hadra Nahon aus Tetuan; sie war, wie alle andern, der Braut ähnlich angezogen, nur noch geschmackvoller und in noch glänzenderen Farben; ihr goldbeladener Kaftan war von kornblumenblauem Sammet, und ans dem Kopfe hatte sie über dem rotseidenen Tuche eine vorstehende Kappe in Form der schottischen, ganz mit Perlen überstickt. Diese Kappen sind das Abzeichen der Frauen von Tetuan, während die von Tanger nur das flache Seidentuch tragen. Ihr Gesicht war bizarr-kapriziös; veilchenblaue Augen mit hoch- und rundgewölbten Brauen; ein kleines auswärts stehendes Näschen und schwellende Purpurlippen, aus denen Perlenzühne glänzten; ihr voller marmorweißer Arm und ihre seinen, roscnfarbcnen Händchen mit köstlichen Smaragdringen waren von reinster Schönheit. Hadra Nahon mußte dreimal tanzen und wurde jedesmal rauschend applaudiert. Die schönste nach ihr, an Gestalt und Größe eine Judith, mar eine Israelitin aus Tanger, dann eine Tetuanerin, ebenfalls eine orientalische Schönheit mit europäischer Koketterie verbunden; sie hatte mandelförmig geschnittene, schwarze Antilopen-Augen, eine wundervolle griechische Nase und einen immer freundlich-schelmisch lächelnden Mund. Ihr Körper war voll und üppig, ihr Tanz nüt dem Tambourin der verführerischeste. Während des Tanzes teilte sich bei der Braut langsam und verstohlen der schwarze Strich der Augenlider, dann hob sie ein Auge nach dem andern aus, als fei sie aus langem Winterschlase erwacht; meine Glückseligkeit aber machte eine kleine, alte, dicke Frau von der Beweglichkeit einer Eidechse; eine Königin der Tratsch-Schwestern, mußte sie alles sehen, hören und leiten. Ihre scharfen, schwarzen, jovialen Augen waren immer in erregtem Zustande und suchten fortwährend, sich in alles einmischend, im Zimmer herum; bald blickten sie beifällig, bald ermunterten sie, bald fragten, bald staunten sie. Ihr Seidentuch war keck in der herausfordernden Form eines Hornes gebunden, und als man sie zum Tanze bat, glühten ihre Augen vor Glückseligkeit und sie vollsührte ihr Kunststück mit jugendlicher Beweglichkeit. Diese Frau muß viele heitere Erinnerungen haben, die sie zum Liebling der Ihrigen machen; auch wurde ihr Tanz mit Jubel begrüßt. Da ich sah, daß der Gouverneur immer wärmer in seinem Enthusiasmus wurde, und von ihm aus kein Ende der Unterhaltung zu ersehen war, so brachte ich endlich mit diplomatischcn Fragen die Sache in Gang. Wir wurden noch in ein unteres Zimmer geführt, um Erfrischungen einzunehmen; getrocknete Früchte, einen köstlichen Hochzeitskuchen, sehr wohlschmeckende Orangenblüten mit Honig, von den Juden „Engel- Haare" genannt, spanischen Wein, mit dem wir auf die Gesundheit des Brautpaares tranken, und recht guten Rosoglio di Barberia. Hadra Nahon und die schöne Jüdin aus Tetuan kamen mit einer der Brautmütter herab, um ihren reichen Schmuck in der Nähe bewundern zu lassen. Sie benahmen sich mit der Sicherheit von Damen aus der großen Welt. Wir schüttelten ihnen und dein Bräutigam herzhaft die Hand und zogen bei einbrechender Nacht heim. littkrarilchks. * Sem. Schauspiel in drei Auszügen*). Wir mußten nicht, für wen dieses Schauspiel geschrieben ist. Zur *) „Sem", Schauspiel von Eaesar Astsalk. Leipzig bei Wilhelm Friedrich. Aufführung ist es infolge mancher szenischer Unmöglichkeiten kaum geeignet — der ungebildete Leser wird die Sprache nicht verstehen, und auch der gebildete ist über die Tendenz des Stückes lange im Zweifel. Da kani uns die liebe „Kreuzzeitung" zu Hilfe; sie tadelte das Büchlein, da muß dock etwas ■— Gutes daran sein. Wir gingen zum zweiten Male ans Lesen desselben und siehe da, man soll doch nicht voreilig sein mit.seinem Urteil, wir fanden wirklich manche Perle. Daß die in dem Glashause Hammersteinischer Vergangenheit sitzende Kreuzzeitung die alte geblieben ist, das wußten wir, somit nahm es uns nicht Wunder, daß sie den Passus, in welchem von einem Kampfe gegen „dunkle Ehrenmänner" von. Seiten des gebildeten, freien Judentums in Verbindung mit dem unbefangenen Liberalismus die Reoe ist, in wichtiger Selbsterkenntnis als aus ihr Idealbild eines guten Christen und Stützen des Thrones gemünzt anninunt, und sich die kleine Verdunklung der Thatsachen erlaubt, neben die Worte „dunkle Ehrenmänner" Christen schlechtweg in Klammer zu setzen. Wir glauben im Sinne des Verfassers zu sprechen, wenn wir der Kreuz-Zeitung insofern Recht geben, daß er thatsächlich Kreuzzeitung-Hammersteinische Christen darunter verstanden wiffen will, für andere hat sie doch kein Verständnis. Sonst will uns die gewaltsame Tendenz des Stückes, welches mit Begründung von Maffen-Mischehen die „Judensrage" aus der Welt schaffen will, durchaus nicht behagen; ebensogut hätte er auch das Heilmittel der allgeineinen Taufe vorschlagen können, welches allerdings nicht mehr ganz frisch ist. Was wir verlangen und erwarten, ist mehr: Wir wollen als Juden, in durchaus unverfälschter jüdischer Ehe, deren stets behüteten versittlichenden und veredelnden Einfluß auf die Integrität der jüdischen Familie kein vorurteilsloser Christ je geleugnet hat, leben, unser gleiches Recht genießen, weil wir bei den großen Opfern an Gut und Blut, die für das Vaterland gebracht wurden, unser reichlich Teil beigetragen haben und den religiösen bez. konfessionellen Charakter des Staates als solchen — Schulter an Schulter mit bedeutenden Rechtslehrern — nicht anzuerkennen vermögen, von den anderen Gründen, die für die Gleichberechtigung aller Menschen sprechen, ganz abgesehen. Daß dies erforderlich und möglich sei, haben die Vertreter „christlicher" Staaten durch die That anerkannt, als sie die Türkei — welche sich mit gleichem Rechte einen muhamedanischen Staat nennen darf — zwang, die Verwaltungsgeschäfte zwischen Christen und Muselmännern zu teilen. Und was den Christen im muhamedanischen Staate recht ist, das ist den Juden im christlichen Staate billig. Dr. M. * Prof. Baginsky's Vortrag über die mosaischen Speisegesetze ist im Drucke erschienen. Er führt den Titel: Die hygienischen Grundzüge der mosaische Gesetzgebung. (Braunschweig Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn). Mit einer Bescheidenheit, welche wohlthätig absticht von der im gegnerischen Lager bei Besprechung von Angelegenheiten des Judentums, des Talmuds und der erfundenen angeblichen Geheimbücher, beliebten widerwärtigen Ueberhebung, hat Herr Pros. Baginsky in seinem Vortrage sich selbst als einen Laien bezeichnet. Er beweist aber in seiner lichtvollen Darstellungen das Gegenteil. Mit Liebe, Jntereffe und wissenschaftlicher Gründlichkeit hat er sich seiner Aufgabe unterzogen, den hygienischen Wert der ihrer Zeit weit vorausschauenden mosaischen Gesetzgebung darzustellen, und er war sehr glücklich in seinen Ergebnissen, die er uns in gedrängtem Rahmen vors Auge führt. Heute noch gilt ihm die Wahrheit des vor einem Jahr-