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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-02-14 · 7 (14.2.1896) · p. Seite 129

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
7 (14.2.1896)
Date
1896-02-14
Page
Seite 129 (sequence 21)
Language
German
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Nr. 8. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 129. EMch-Mische HochMsMimchc. - In Gibraltar.*) Ich hatte heute die Post zu ordnen, und verließ daher erst nach zwei Uhr den Bord, von einer Judenhochzeit ans 2and gelockt. Ich eilte in den Park, um unsere Damen zu suchen, fand sie aber schon in dem Garten des Konvents mit der Familie des Gouverneurs und einigen Eingeladenen versammelt. Wir zogen durch die obere Stadt und kamen durch allerhand Winkelwerk zu einem ziemlich nett aussehenden Hause, vor welchem uns der Bräutigam und die Aelteften empfingen; der reichste Israelit Gibraltars, ein modernisierter Jude im Frack, begleitete uns schon vom Konvent aus bis hierher. Orientalische Musik und näselnder Gesang empfingen uns im Flur, an die Spielleute des Evangeliums mahnend. Dichte Judenmaffen drängten sich vor der Eingangspforte die schmale Stiege hinan. Vom Bräutigam geleitet, winden wir uns durch dieselben; eine Israelitin mit großen, dunklen, klug und sinnig leuchtenden Augen, die Herrin des Hauses, kam uns im schwarzen europäischen Gewände, mit orthodoxer Perrücke, durch die sich Gold- und Silberperlen aus orientalische Weise wanden, freundlich uns die Hände schüttelnd, entgegen. Sie führte uns ins Hochzeitsgemach, einen einfachen netten Salon im europäischen Style, nur brannten, um die Heiligkeit des Augenblickes anzudeuten, trotz der Tageshelle alle Kerzen; das Gemach funkelte vom reichen Geschmeide, dem verschwenderischen Golde und den schön gewählten, grellen Farben der überreichen Kleider der schönen Töchter Israels aus Tanger und Tetuan. Doch das höchste Licht dieses Glanzes, das Wunderbild aus anderen Zonen, war die Gruppe an der Hauptwand. Auf hohem, mit grünen Stoffen überzogenem Empor, an der mit rotem Damaste baldachinartig bedeckten Wand, saßen wie zwei Königssphinxe ernst, ja böse um sich blickend, zwei braunhäutige Matronen aus Tanger mit reichen, scharlachroten, goldgestickten Kaftans, seidenem, flachen Kopfschmucke, dem der egyptischen Könige ähnlich, und grellschwarzen Perrücken, um die antike Spangen und Juwelen hingen. Zwischen ihnen, auf einem Divan an die Wand gelehnt, saß ein Wesen, von einem Blondenschleier bedeckt, mit einer perlengestickten Tiara gekrönt, wie ein starres Wachsbild, auf das die glühenden Farben der Kunst frisches, durchsichtiges Leben gehaucht hatten. Mit Staunen ergriff uns dieser seltsame Anblick; sah's doch aus wie Gott Wischnu, der juwelengeschmückte Götze auf hohem Altar zwischen seinen feuerspeienden Drachen im Riesentempel von Benares. Rach langem Hinblicken gewahrte ich erst, daß das Wachs Fleisch und Blut und der unbewegliche Götze mit geschlossenen Augen — die Braut sei. Wie eine Tote lag sie da, keine Muskel zuckte, und nur nach aufmerksamein Betrachten konnte man ein leises Heben des Busens bemerken. Ihre Karnation war doppelt durchsichtig durch das grelle Rot ihrer Wangen, die schwarzgemalten Augenbrauen und drei feine Mönchen im regelmäßig schönen Antlitz. Die hohe Tiara, die durch reich gestickte Ornamente geteilt, ganz von Perlen überdeckt war, gab ihr eine Art Weihe. Der Busen wogte unter dem seinen Schleier in einem reichen goldgestickten Mieder, ein ebenfalls goldgestickter Spenzer mit weiten Seidenärmeln war darüber gezogen, eine breite Seidenschärpe schloß die Hüsten ein, und ein darüber geschlagener Kaftan von rotem Tuche und Goldstickerei umfing die Beine; die Füße steckten in reichen schimmernden Pantoffeln. Arme und Hände waren mit einem rotseidenen Tuche sorgfältig verdeckt. Außerdem war die *) Aus den Reiseskizzen des Kaisers Maximilian von Mexiko, die 1861 als Manuskript gedruckt wurden und wenig bekannt sind. Red. 14 jährige Braut mit Schmuck übersäet; sie trug Ohrringe in Filigran und Smaragden, Spangen mit großen Juwelenrosen an leichten goldenen Ketten hingen graziös zur Rechten und Linken des Hauptes herab; zahlreiche goldene Ketten mit funkelnden Medaillons und Korallenschnüren schmückten den Hals, und später entdeckten wir reiche maurische Bracelets an den weißen vollen Armen, und die schönsten Juwelenringe an den feingespitzten Fingern. Der ganze Anzug war voll pittoresker Pracht. Die Brautmütter, ihrer großen Rolle bewußt, saßen stolz auf ihrem Throne und maßen die Menge, wie die Königin Jezabel ihrer Zeit, mit durchbohrenden Blicken, ganz im Gegensätze zu der schauerlich unbeweglichen Brautmaske. Der Bräutigam trat nun herein, mit einer Art hölzernem Horne auf dem Haupte, an der Seite eine goldgestickte Sammettasche; ihm folgten zwei Rabbis, der Oberrabbi von Tanger mit einen: schönen blassen Antlitz und feuerrotein Barte, einen Turban mit violettem Ueberwurfe auf dem Haupte — eine echt alttestamentarische Erscheinung, dann kam ein alter Rabbi, dem zur Seite ein Mann und ein Knabe uüt dicken Kerzen standen. Dem Oberrabbi ward auf einem Teller ein volles Glas Wein gereicht; er begann in eigentümlich näselndem Tone hebräische Gebete zu singen, in welche die umstehende Menge zeitweise im Chor einsiel; dann schlürfte er aus dem Glase, gab aus demselben dem Bräutigam zu trinken, worauf es von den Brautmüttern der Braut gereicht wurde: wie einen Leichnam beugte man sie vor, lüftete den Schleier und setzte ihr das Glas an die kirschroten Lippen: sie nippte, ohne die Augen zu öffnen, und sank dann wieder unbeweglich zurück. Hierauf nmrde das Glas zerbrochen, wobei eine Jüdin aus Tetuan das schrille eigentümliche Freudengeschrei der Beduinen hören ließ. Der Bräutigam überreichte dann unter Gebeten der Braut den breiten, mit Ornamenten geschmückten Ring. Dann kam der alte Rabbi und wiederholte mit einem silbernen Pokale dieselbe Traufeierlichkeit und ebenfalls mit gesungenen oder eigentlich gekreischten Gebeten. Bei den Gebeten mußten wir, dem Ritus gemäß, trotz der furchtbaren Hitze unsere Hüte aufsetzen. 'Run wurde von einem Anverwandten der auf Pergament gemalte Heiratskontrakt verlesen, dann folgte noch ein Gebet für die Viktoria Regina und ihre Familie. Hierauf nmrde die Braut mit großer Blühe bei fortwährend geschloffenen Augen von: Throne heruntergebracht und mußte einen Rundgang, eine Art Polonaise, mit je zwei Honoratioren oder Verwandten unter Singen von Gebeten im Zimmer machen. Die Malerei ihres Gesichtes verhinderte, irgend eine Bewegung oder Erregung in ihren Zügen wahrzunehmen, Nachdem sie wieder auf ihren Thron geführt worden war, endigte die eigentliche Zeremonie. Run kam Musik, eine Geige und ein Topffchläger, die sich nach arabischer Weise auf den Boden kauerten und maurische Weisen mit näselnden Gesängen vorbrachten. Ein kleines Mädchen, eine Art errtstnt tviiible, im europäischen chamäleonartig schillernden Seidenkleide trat mit ihnen ein und tanzte den mir aus Egypten und Algier wohlbekannten Rahlien ho, jenen unanständigen Gummielastikum- Tanz, der sich mit seiner Musik durch die ganze arabischmaurische Welt zieht und in Spanien seine Vervollkommnung und Blüte gefunden hat. Rach dem Kinde tanzte die ganze Frauenwelt einzeln, teils gezwungen, teils freiwillig, teils mit dem Schnupftuche wie in Algier, teils mit dem belebenden Tambourin. Die Schönsten waren wie bei uns die Geziertesten und ließen sich lange bitten, ja einige wurden zürn großen Jubel des jung gewordenen Gouverneurs von den Männern unter Kärnpfen förmlich in die Mitte der Zimmer geschleppt, um dann unter Applaus ihre drehenden, wenden-

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