Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 7 (14.2.1896)
- Date
- 1896-02-14
- Page
- Seite 123 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 7. Allgemeine Israelitische Wochenschrift Seite 123. geber dieses Blattes, da der Vater sich von der Redaktion zurückgezogen hat und nur noch als Mitarbeiter das Blatt unterstützt. Auch Tschigorin, obschon kein verbissener Antisemit, steht ganz unter dem Einfluß der reichen Familie Suworin, da er selbst kein Vermögen besitzt und als Redakteur der Schachartikel in der Nowoje Wremja ganz von diesem Blatte abhängt. — Bei Beginn des Tonrniers hatten Lasker und Steinitz die ersten Partien gegen Pitsburg und Tschigorin verloren; darüber natürlich lautes Jubelgeschrei im Lager der Antisemiten, und die weitverbreitete „Petersburgskaja Gasetta" (nicht zu verwechseln mit der anständigen „St. Petersburgskija Wjedomofti Gasetta") hatte nichts eiligeres zu thun, als in ihrer Morgenausgabe diesen christlichen Sieg mit den Worten zu verkünden: „Es scheint, daß wir den Juden eine Lektion im Schachspielen geben werden!" Diese Lektion wurde nun auch gegeben und dabei anständig honoriert. Dr. Lasker erhielt 2000 und Herr Steinitz 1600 Mk., außerdem noch die Prämien für besondere Spiele und sämtliche Auslagen. —n. — Russische Aushebungen. Die diesjährige Rekrutenaushebung im Kreise Letichew hatte für jüdische Jünglinge ein trauriges Resultat. Da die Namen vieler bereits Verstorbenen in den Listen nicht gelöscht waren, wurden natürlich die Träger dieser Namen zur Gestellung einberufen und da man sie von den Toten nicht erwecken konnte, mußten andere für sie eintreten. Dieses Los traf 11 Juden mit Privilegien 1. Klasse: es fehlten jedoch iminerhin noch 8. — Aehnliches ereignete sich zu Perejaslaw (Gouv. Poltava), wo für die Aushebungskommission eine Schwierigkeit dadurch entstand, daß sie die Namen von 7 Toten und 8 Personen, welche bereits längst nach Argentinien ausgewandert waren, aufrief. — In Elisawethgrad begann die Aushebung am 15. November v. I. Es wurden 71 Juden ausgehoben, darunter 17 mit Privilegien 2. und 3. Klasse. Die Zahl der Christen betrug nur 91, ein Mißverhältnis zu Ungunsten der Juden, wie es hier seit Jahren nicht vorgekommen war. e. — Die Juden und die russische Industrie. Aus Tambow wird berichtet, daß die Beteiligung der Inden an sämtlichen Industriezweigen dieses Distrikts eine sehr beachtenswerte ist und sie mit den Deutschen in jeder Beziehung gleichen Schritt halten. Die von jüdischen Handwerkern, Webern und Färbern hergestellten Arbeiten sind in jeder Hinsicht den vom Auslande eingeführten gleichwertig. Eine große Anzahl jüdischer Hausväter nebst Frauen und Kindern ist in den verschiedenen Spinnereien beschäftigt. Ihre Arbeit wird auch gut bezahlt und sind sie hierbei von den gewöhnlichen Lastern der Fabrikarbeiter, als Trunksucht, Liederlichkeit, Raufsucht u. s. w. gänzlich frei. c. — Ein schönes Zeugnis stellte ein amerikanischer Geistlicher den Juden aus. „The Illustrated American“ vom 28. Dezember vorigen Jahres schreibt nämlich: „Boreiniger Zeit sprach Tr. Rainsford in seiner liberalen Art, wie unrichtig wir die Juden beurteilen. Er sagt, es ist ein allgemeiner Begriff geworden, daß die Juden alle Schwindler, Feiglinge und Heuchler seien, weil sie vor fast 1900 Jahren unseren Heiland nicht anerkannten. Vor allem erbat er sich von seinen Zuhörern, daß, bevor sie sich der allgemeinen Meinung anschließen, sie erst Nachdenken sollen, was sie thun würden, würde sich Jesus heutzutage so unter die Christen mengen, wie er sich unter die Juden gemischt? Sie würden ihn vielleicht nicht kreuzigen, weil wir schon im 19. Jahrhundert sind, und dies das geklärte Zeitalter ist, aber daß sie ihn bekämpfen würden und sich mit Händen und Füßen gegen die neue Religion wehren möchten, das steht fest. Was würde geschehen? Ich bezweifle, daß unsere Nachkommen dafür büßen müßten, so wie es die Juden schon lange für ihre Vorfahren büßen müssen. Deshalb ist es sehr unrecht von der Gesellschaft, die Juden so auszuschließen, daß sie dann auf diese Weise für ihre Vorfahren büßen müssen. — Ich für meine Partei bewundere die Juden! Sie haben viele Charaktereigenschaften, welche uns anzueignen unsere Ambition sein sollte. Ihre Einigkeit untereinander, ihre große Freigebigkeit gegen Arme — wie selten sieht man jüdische Bettler! — die Achtung und Verehrung gegen ihre Eltern, welche den Kindern von frühester Jugend an eingeprägt wird, die Ausdauer in der Erreichung ihres sich vorgesteckten Zieles ist zu bewundern und durchaus nicht zu tadeln. Es giebt wohl auch schlechte Menschen unter dem jüdischen Volke, aber nicht mehr als in unserem, was auch einst der Tag der Vergeltung zeigen wird. Bisher war es nur immer, daß wir uns durch schlechte Charaktere eine Meinung über das ganze Volk bildeten. Alles, was ihnen jetzt geschehen ist, war Unrecht, und jeder rechtdenkende Mensch muß zugeben, daß der Unschuldige, nachdem die Unschuld bewiesen ist, nicht mehr leiden darf." Sehr schön und wahr. Der Umstand jedoch, daß seit einiger Zeit in Amerika die Juden von christlicher Seite ostentativ gepriesen werden, erfüllt uns mit Betrübnis, denn er zeigt, daß auch drüben der Antisemitismus im Anzuge ist. Oder irren wir uns? Zier und dort. In Magdeburg hielt der isrealitische Witwen- und Waisen-Unterstützungsverein, eine seit dem Jahre 1869 bestehende wohlthätige Stiftung, deren Begründer Rabbiner Dr. Rahmer ist, am 25. v. M. im Gemeindehause die statutenmäßige Jahresversammlung ab. Aus dem Verwaltungsbericht pro 1895 ist folgendes hervorzuheben: Die Einnahmen des Vereins betrugen 6696,31 Mark. Ausgeteilt wurden an bedürftige Witwen und für arme Waisen an deren Mütter oder Vormünder 3015,60 Mark, so daß einschließlich der sonstigen geringen Verwaltungskosten die Gesamtausgaben auf 3165,70 Mark sich stellen. Die Mitgliederzahl des Vereins belief sich auf 212, während das Grundvermögen am 31. Dezember 1895 die Höhe von 67,551,66 Mark erreichte. — Aus Bielefeld, einer Hanptburg des Antisemitismus, dem Ort, wo Hammerstein keine Ideen von Ehrlichkeit und Rechtlichkeit verbreitete, kommt die Nachricht, daß sein Gesinnungsgenosse, der würdige Pastor a. D. Dr. Danneil sich ihm ebenbürtig gezeigt habe. In einer Stadt Italiens haben er und noch ein Genosse den dortigen deutschen Konsul und andere Deutsche durch ihr Auftreten und Anpumpen schwer geschädigt und blamiert. Bei Nacht und Nebel verschwanden sie. — Wie sagte doch Abg. Stadthagen im Reichstage, wo-