Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 7 (14.2.1896)
- Date
- 1896-02-14
- Page
- Seite 121 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 7. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 121. kennt aber deren drei in Berlin und bemerkt mit grüner Tinte: „Oranienburgerstraße 29 (Bureau der jüdischen Gemeinde) befragen, welche Zeitung empfehlenswert?" Hierunter mit roter Tinte die Antwort des Bureaus der jüdischen Gemeinde: „Herrn Levin, hier, Gr. Hamburgerstr. 21." — Wir freuen uns im Interesse der Sache, daß man allgemach auch im Bureau in der Oranienburgerstraße die Verdienste unseres Blattes um die Berliner Gemeinde anzuerkennen beginnt. — Ein Schaf im Wolfspelz. In der Sonnabend-Nummer der „Staatsbürger-Zeitung" finden wir die Zuschrift eines „Juden", der sich bitter über die hiesige isrealitische Volksküche beklagt, die unentgeltlich überhaupt nichts abgebe und für 25 Pfennig die bestellte Portion „Schmorbraten nebst gestilltem Darm und Quetschkartoffeln" nicht geliefert, sondern ein kleines Quantum Rinderlunge hierfür substituiert habe. — Wir wissen nicht, was an der mitgeteilten Thatsache wahr ist, da wir die genannte Volksküche noch nicht besucht haben, allein ehe uns der Gegenbeweis erbracht wird, bestreiten wir die Behauptung des Blattes, daß der Urheber des Briefes ein Jude sei. Juden, die erst die Wohlthaten einer Anstalt in Anspruch nehmen und hinterher nicht blos die Anstalt, sondern auch die Männer, die ihre ganze Thatkraft in den Dienst der Sache stellen, beschimpfen und verdächtigen — solche Juden giebt es nicht. Da die Anstalt auch Andersgläubigen geöffnet ist und von diesen, wie uns mitgeteilt wird, in nicht geringer Zahl besucht wird, so wird ivohl der Schreiber des Briefes Geist vom Geiste Bachlers, ein Schaf im Wolfspelz sein. — Der Schulchan-Aruch im Parlament. In der Petitionskommission des Reichstages kam am 5. d. Mts. wiederum eine Petition, betreffend die staatliche Uebersetzung des Schulchan- Aruch zur Verhandlung. Der Petition war zur Begründung ein Exemplar des bekannten Buches „Talmudische Täuschungen" von dem schon oft belächelten Talmudgelehrten Frhr. v. Langen, der auch das Referat in dieser Sache hatte, beigefügt. Referent stellte den Antrag, die Petition dem Reichskanzler zur Berücksichtigung zu überweisen. Korreferent Tutzauer (Soz.) beantragte, die Petition als nicht geeignet zur Erörterung im Plenum zu befinden, da ausreichendes Material zur Erörterung im Plenum nicht vorliege. Gegen die Stimmen der Abgeordneten v. Langen, von Dallwitz und Jacobskötter beschloß, wie in früheren Fällen, die Kommission dem Anträge des Korreferenten gemäß. — Die zweite sächsische Kammer beriet dieser Tage über eine Petition, die eine Uebersetzung des Schulchan Aruch auf Staatskosten forderte. Der betreffende Ausschuß beantragte, die Petition auf sich beruhen zu lassen. Demgegenüber behauptete der konservative Abgeordnete Dr. Mehnert, daß es nicht nur im Interesse der Christen, sondern auch im Interesse der Israeliten sei, „daß endlich darüber Klarheit geschaffen werde, was denn in dem Buche stehe." Die meisten christlichen Staaten, in denen Israeliten lebten, hätten ein lebhaftes Interesse daran, zu wissen, welche sittliche Anschauungen im Schulchan Aruch gelehrt würden; es sei. deshalb auch Aufgabe des Staats, die Kosten für die Uebersetzung zu bestreiten. Deshalb beantrage er, die Petition der Regierung zur Kenntnisnahme zu überweisen. In ähnlichem Sinne sprach sich der deutschsoziale Abg. Theuerkorn aus, während der nationalliberale Abg. Schill und der Fortschrittler Minckwitz für den Antrag waren. Ter sozialdemokratische Abgeordnete Goldstein erklärte, daß noch nicht 1 v. H. der Juden den Inhalt des Schulchan Aruch kenne, daß also das Land gar keine Veranlaffung habe, an eine Uebersetzung des Buches heranzutreten. Außerdem genügen die vorhandenen Uebersetzungen allen Ansprüchen. Der Antrag des Abgeordneten Mehnert, die Petition der Reichsregierung zur Kenntnisnahme zu überweisen, wurde mit 41 gegen 29 Stimmen abgelehnt, der Antrag des Ausschusses, die Petition auf sich beruhen zu lassen, angenommen. — Wir wiederholen, was hier schon 999 Mal betont worden ist: Keinem könnte die Uebersetzung des Schulchan Aruch willkommeuer sein, als uns Juden, da man in der That dadurch allerseits erfahren würde, „was in dem Buche stehe" — zur großen Enttäuschung aller Feinde des Judentums. Da aber der Schulchan Aruch auf dem Talmud basiert, und jener ohne diesen nicht verständlich ist, so muß im Interesse der wissenschaftlichen Wahrheit die gleichzeitige Uebersetzung des Talmud gefordert werden. — Dieser antisemitische Petitionswahnsinn hat übrigens Methode. Auch der Badische Landtag beschäftigte sich mit dem Schulchan Aruch. Namens der Petitionskommission berichtete nämlich Hosrat Dr. Rümelin über die Bitte des deutschsozialen Reformvereins Mannheim und mehrerer Einwohner von Heidelberg und Hopfenheim um Uebersetzung des Schulchan Aruch. Der Berichterstatter wies darauf hin, daß schon auf dem letzten Landtage das Haus sich mit dieser Petition beschäftigt habe. Sie habe daher keinen Grund gehabt, auf dieselbe nochmals einzugehen und sie stelle daher den Antrag, über die Petition zur Tagesordnung überzugehen. Der Antrag wurde ohne Debatte angenommen. — Joachim Gehlsen, der Reichsglöckner von Anno dazumal, ist bekanntlich wieder in Berlin ausgetaucht und hat, um zu leben, seine „Reichsglocke" wieder auferstehen lassen. Das Erscheinen des Blattes, das sich „wider Junker, Jesuiten und Juden" wenden sollte, war von der antisemitischen Presse, die eine unbequeme Konkurrenz witterte, mit scheelem Blicke angesehen, und vollends jetzt wird sie auf die Kollegin schlecht zu sprechen sein, da Herr Gehlsen in jeder Nummer seines Blattes einem anderen Konkurrenzblatte sozusagen in die Suppe spuckt. In der letzten Ausgabe der Reichsglocke „kauft" er sich „Freideutschland": „Sehr erbaulich liest sich eine „Notiz" im Briefkasten des oben genannten Blattes. Ter für den unpolitischen Teil verantwortliche Schriftleiter Herr Sch—indler führt den Niedergang des Blattes auf die „gänzliche Unfähigkeit" und den „Unsteiß" des früheren Geschäftsführers Herrn Reinecke zurück. Ganz recht so, nachdem Herr R. sein Geld — und es soll nicht wenig sein — los geworden ist, wirft man ihn hinaus und beschimpft ihn in der gemeinsten Weise. Wir wollen auf den übrigen Inhalt nicht eiugehen, möchten jedoch hier die ganze Erbärmlichkeit von zwei „fähigen Schriftleitern" festnageln, von denen der eine Herrn R. sein Dasein als „Schriftleiter von Frei-Deutschland" verdankt, der andere froh sein kann, daß Herr R. seinerzeit verschiedene „Jrrtümer" desselben mit dem Mantel der Liebe und des Mitleids zugedeckt hat." — Das läßt ja tief blicken. Uebrigens scheint das