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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-02-14 · 7 (14.2.1896) · p. Seite 119

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
7 (14.2.1896)
Date
1896-02-14
Page
Seite 119 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 7. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 119. sparsam wie weiland sein aufopfernder Großvater gewesen, dessen Skelet auf seinen eigenen Schultern durch alle die Dörfer an der schönen Bergstraße, durch die singende Natur und die verwunderten Menschen nach Heidelberg. Der gute Großvater, der im Leben so wenig von der Wissenschaft gehalten hatte, trat aus diese Art nach seinem Tode selbst in ihren Dienst und lehrte als stummer Knochenmann seinem Enkel eine Weisheit, wovon der lebende Schlaume kein Härchen wußte. Längst ruht jetzt das Skelet in geweihtem Boden, und ein schöner Denkstein steht ans dem Grabe. Könnte aber der gute Großvater noch um seinen Enkel sein, so würde er zu seiner Verwunderung finden, daß auch aus der Wissenschaft ein gutes Geschäft zu machen ist. l>ic Insurgenten. Von @. P. Der 24. Februar 1831 war ein schrecklicher Tag für die Bewohner Warschaus. Es war der Vorabend jener denkwürdigen und bedeutungsvollen Schlacht bei Grochov, welches noch im Weich bilde der Metropole liegt. Die gespannteste Aufregung hatte sich der Gemüter bemächtigt, und die Einwohner der Hauptstadt, vor deren Thoren bald die blutige Wahlstatt eröffnet werden sollte, wurden in Erwartung der Dinge, die da kommen und für die Schicksale ihrer Nation von solcher Entscheidung werden sollten, von Furcht und Hoffnung gleich peinlich gefoltert. Sie schwärmten scharenweise durch die Straßen, auf die Wälle und Hauptplätze, und doch hörte man in dem wogenden Gewühls nicht jenes Toben und Lärmen, das stets im Gefolge, der Menge ist. Ein dumpfes Murmeln nur lies durch die Scharen der Bürger, dem Gestöhne des Ozeans gleich, der eines Sturmes schwanger ist. Dann wards wiederum still. Doch es war eine schwüle, gewitterschwere, ahnungsvolle Stille, der dumpfen beengenden Ruhe gleich, die dem Ausbruche des Vulkans vorausgeht. Schon rang der matte blasse Tagesschein mit den riesigen, gewaltig anstrebenden Schatten, schon sank das Tagsgestirn nieder, besiegt vom Herrscher der Nacht, und sein Blut färbte bedeutungsvoll den westlichen Horizont, — da gingen durch eine enge Gaffe des Judenviertels zwei Männer, deren Nation sich schon aus der Tracht erkeuuen ließ. Der eine, ein Greis von ungefähr 60 Jahren, von hoher imponierender Statur, trug eine lange schwarze Toga, Kaftan genannt, der durch einen Gürtel um die Lenden zusammengehalten wurde, darüber einen weiten umfließenden Talar oder nach dem dort üblichen Ausdrucke Radschiwulki, der dem ganzen Anzuge einen asiatischen Anstrich gab; die Zobelmütze, die schneeigen herumflatternden Locken krönend, vollendete die halb nordische, halb tartarische Tracht, welche, wenn sie schon an sich das Gepräge orientalischer Gravität und Ruhe, und in beit gegürteten Lenden den Ausdruck der Kraft und Entschlossenheit trägt, ganz besonders diesem Manne mit seinem hohen kräftigen Körperbaue, herabwallenden Silberbarte und ausdrucksvollen, vonr letzten Dämmerscheine beleuchteten Profile, eine Art patriarchalischer Würde und imperatorischcn Ansehens gaben. Der andere, ein kräftiger Jüngling, hatte seiner Tracht, die der des Alten sonst gleich war, doch schon einen mehr abendländischen Anstrich gegeben. Sein Ueberrock schloß sich enger an den schlanken Leib, und schlug, unten zugestutzt, die schön geformte Wade, der breite Gurt war in eine schmale Schnur zusammengeschrumpft, sein rabenschwarzes Haar war in zierliche Locken gedreht, und sein Antlitz von einem breit gekrempten Hut (Kapalisch) umschattet. Man möchte sagen, der Zeitgeist habe hier Spanne für Spanne den Rock gekürzt, und die Metamorphose war der Uebergang aus dem goldenen in das silberne Zeitalter. Aus der Nacht seiner feurigen schwarzen Augen blitzte es zuweilen wie in purpurner Finsternis auf, und seine ganze Haltung, so linkisch und affektiert sie auch war, trug doch das Gepräge aufstrebender Jugendkraft, so wie sein Gesicht männlichen Stolz und Entschiedenheit verriet. Beide gingen schweigend neben einander her, sichtbar aufgeregt und angegriffen. Der Alte sah mit besorgter und bedenklicher Miene darein, der Jüngling schien mehr in Trauer versunken und jenen Träumen nachzuhängen, die wie Dunstgebilde stets aus dem Blütenkelche der jugendlichen Phantasie empor wirbeln. Jetzt hob er das Haupt und blickte gegen Himmel. Es war ein Blick, wie er, nach Cicero, ein Vorzug des Menschen ist, den wir im Sturme unserer Seele, dem Schiffer ans wildempörtem Meere ähnlich, gleichsam instinktmäßig thun, als wollten wir in den Welten, die über uns ihre Kreise schwingen, den Trost suchen, den uns die Ahnung eines andern Daseins gewährt. Anders jedoch schien der Alte diesen Blick zu deuten und fragte daher: „Sind schon Sterne zu sehen, David?" Der Jüngling fuhr aus seinen Träumen auf und erwiderte mit einem tiefgeholten Seufzer: „Noch nicht, aber bald." Wiederum legte der Vater die Antwort anders aus und sagte: „Nu, nu, zwölf Stunden sind ja keine Ewigkeit! Brauchst darum nicht zu seufzen, ein Viertelstündchen hältst Du's noch aus, itnb länger kanns nimmer währen." Während dieser Rede hatte sich der Jüngling schnell gesammelt, und da er nun erst merkte, wovon, die Rede war, sagte er kurz darauf: „Jetzt sehe ich die drei Lichter der Erlösung schimmern: Ihr könnt getrost Euren Imbiß einnehmen." Es war nämlich am kommenden Sonntage das Purimfest, dem bekanntlich ein Fasten unmittelbar vorangeht, welches jedoch wegen des intervenierenden Sabbats, dessen Feier durch keine traurige Erinnerung getrübt werden darf, auf Donnerstag, jenen oben bezeichneten Tag vor der Schlacht, znrückverlegt wurde. Daher hatten die beiden Männer weder Speise noch Trank zu sich genommen, ehe drei Sterne sich am Horizonte zeigten, nach deren Sichtbarwerden sich erst die Nacht, der rabbinischen LehrL gemäß, bekundet. „Wie doch alles Gewohnheit ist!" nahm der Alte wieder das Wort: „Es will mir gar nicht in den Sinn, vaß heute Esther-Fasttag ist, weil ihm nicht unmittelbar der jubelnde Purim folgt!" „Mir kommt der ganze Fasttag lächerlich vor", sagte David. „Bei uns Juden nimmt das ewige Geheul kein Ende; bald weinen wir, weil unsere Vorfahren gelitten, bald, weil sie hätten leiden können. Da muß ich das bischen Tremer meiner feigen Ahnen ausschwitzen, und um ja das liebe Gejammer nicht zu verlieren, muß statt des Sabbats ein anderer Tag herhaltcn. Uns wird nun einmal der Kelch des Genusses

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