Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 7 (14.2.1896)
- Date
- 1896-02-14
- Page
- Seite 118 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 118. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 7. ja er sann verräterischen Herzens auf Mittel, die ihm den Lebensweg auf jener Straße unmöglich machen könnten, und war entschlossen, an seiner Bestimmung zum Kaufmanne einen Selbstmord zu begehen. Er kam aus gar manches und erwartete geduldig seine Zeit. Ta schickte eines Tages ein Detail-Händler aus der Stadt um eine Kiste von dem beliebten überseeischen Artikel, und da sie im gewünschten Volumen nicht gerade auf Lager war, mußte Schmul eine solche verpacken. Er that es auch, beging jedoch die wohlüberlegte Unvorsichtigkeit, bevor er die Kiste schloß, seine stadtbekannte Mütze hineinzulegen. Mit besonderer Sorgfalt fügte er dann die transmarinen Siegel an und versah die Kiste mit allen Zeichen einer echten Seereise. Der gewünschte Effekt trat schnell ein. Schon nach einer Stunde wurde er samt seiner Mütze, die unter Hohn und Protest zurückgekommen war, aus dem Hause geworfen. Acht Tage lang ging der gute Großvater durch die Stadt, um seinem Enkel eine neue Stelle ausfindig zu machen. Vergebens; es gab im weiten Umkreise kein solides Geschäft, dem im Besitze dieser Kraft ganz wohl gewesen wäre, und kein kluger Prinzipal wollte von dem gefährlichen Jungen etwas wissen. Da mußte denn auch der alte Schlaume dem Drängen des schlauen Sünders nachgeben und alle die schönen Pläne auf eine goldene Zukunft einstweilen an den Nagel hängen. Mit Hilfe mildthätiger Glaubensgenossen, die ebenso viele Freitische gewährten, als Tage in der Woche sind, wurde Schmulchen auf die Lateinschule geschickt und war also endlich auf dem richtigen Wege nach dem geheimnisvollen Walde. Er durchlief das Gymnasium, wurde ein aufgeschossener magerer Schlingel, dem keine Schüssel zu groß gewesen wäre, und bezog nach bestandener Schulprüfung die Universität Heidelberg. Um seinen Aufenthalt dortselbst und das Studium zu ermöglichen, begann er einen klugen Detail-Handel mit seiner Gymnasial-Weisheit, das heißt, er gab Unterricht in allem, was er wußte, und hielt sich so das Verhungern und das Sattwerden zu gleichen Hälften ferne. Er war Mediziner geworden und konnte gar nicht schnell genug alles lernen, was die Doktoren wissen. Er hatte jetzt diesen heiligen Wald wirklich betreten, und obwohl dieser ganz anders aussah, als ihn die Jugend sich gedacht, und alles Geheimnisvolle sich Schritt für Schritt vor dem Eindringling zurückzog, so konnte er ihn doch für seine Leidenschaft nicht schnell genug erobern und seiner Mysterien berauben. Als die ersten Ferien herankamen, zog er nach Hause zu seinem Großvater. Er fand ihn recht gealtert; der gute Mann schien mit der Zeit ganz zusammenklappen zu wollen wie ein Taschenmesser, und war nahe daran, in seinen alten Tagen wieder etwas mehr von der Welt zu sehen, als viele Jahre vorher, aber jetzt durch seine Beine hindurch und alles umgekehrt. Trauerndes Sinnes, aber die Liebe im Herzen, sah er auf die Studien seines aus der Art geschlagenen Enkels, und oft unterhielt er sich mit ihm über diese wunderlichen Dinge. Sie waren ihm freilich eine ganz unverständliche Welt, wertlos wie Phantasie, und nur daß sein kluger Schmul sie trieb, schützte sie vor seiner Mißachtung. Aber seine fürsorgliche Liebe machte ihm ein Interesse daran zur Pflicht, und oft, wenn der junge Student klagte, daß er kein Skelet besitze, was doch zum Studium unumgänglich notwendig sei, beriet er sich mit ihm gemeinschaftlich über den schwierigen Fall. Leider konnte man dem hohen Preise von fünfundzwanzig Gulden auch mit vereinter Kasse und unter Ausbietung sehr seiner Spekulationen nicht nabe kommen. Das that dem guten Großvater mehr wehe, als dem Enkel, obwohl für ihn ein Skelet nur aus alten Knochen bestand und nicht mehr wert war, als es wog. So gingen die Ferien dahin, Schmul bezog wieder die Hochschule, und der alte Schlaume ging nach wie vor und krümmer als je mit dem Zwergsack durch die Straßen. Da schlug eines Tages das Alter mit der Krücke derart nach ihm, daß er zuhause bleiben und in Todesnöten seine Nachbarn rufen mußte. Es waren arme Leute wie er, die den letzten Willen des sterbenden Greises vernahmen und mühsam zu Papier brachten. Der brave Mann hatte nichts Geringeres im Sinne, als über sein Skelett zu verfügen. Er kannte seine Armut genau und konnte jeden Abend ohne Schwierigkeit die Geschästsbilanz im Kopfe ziehen. Seit er mit seinem Enkel über das Skelet gesprochen hatte, mußte er, daß feine Hinterlassenschaft um nahezu fünfundzwanzig Gulden höher anzuschlagen sei wegen des Knochengerüstes in seiner Leiche, und weder der liebevolle Großvater noch der Geschäftsmann in ihm waren gewillt, dieses Kapital wegzuwerfen und unverwertet eingraben zu lassen. Er dachte nur an Eines, an seines Enkels Nutzen. Das Grausige, das mit dem Gedanken verbunden war, fühlte er nicht; die Liebe, kühn und selbstlos, kennt keine Schrecken, und in der zähen Interessengemeinschaft der Familie, die den persönlichen Egoismus ausschließt, schien es ihm ganz selbstverständlich, ja sogar seine Pflicht. Demgemäß richtete er seinen letzten Willen an den Senat der Stadt mit der Bitte, dieser möchte mit den. paar Gulden Geld und Geldeswert, die er hinterlasse, und die für die Kosten eines Begräbnisses nicht hinreichend wären, gütigst die Skelettierung seines Leichnams, jedoch ohne Vorwissen seines Enkels vornehmen lassen und das gewonnene Präparat eben seinem besagten Enkel und natürlichen Erben, welcher Student der Medizin in Heidelberg und eines Skelets gar sehr bedürftig sei, überweisen." Dieser Wunsch ging freilich gegen alle üblichen Sterbegebräuche; aber der Senat der freien Stadt, den die Gesetzesfessel leichter drückte, als monarchische Instanzen, beschloß den Willen des Toten zu ehren, umsomehr, als der Körper des armen Mannes doch der Anatomie verfallen gewesen wäre, wenn seine Glaubensgenossen ihn nicht loskauften. So wurde denn aus dem krummen Schlaume nach allen Regeln der Kunst ein so schönes grades Skelett gemacht, wie nur je eines auf einer Anatomie verkauft wurde, uud dann dem ahnungslosen Erben in Heidelberg die traurige Nachricht zugleich mit der frohen gegeben. Der junge Student kam, und mit Thränen in den Augen nahm er aus dem Rathanse seiner Vaterstadt die Erbschaft in Empfang samt der denkwürdigen Mütze, der Bahnbrecherin seines Schicksals, welche einzig aus der Verlassenschaft unveräußerlich geblieben war. Das Herz voll von Gefühlen der Trauer und zärtlicher Dankbarkeit, den Kopf verwirrt von dem Abenteuerlichen des Geschehnisses und unklar in jugendlicher Studierlust, so trug er, arm und