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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-02-14 · 7 (14.2.1896) · p. Seite 117

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
7 (14.2.1896)
Date
1896-02-14
Page
Seite 117 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 7. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 117. den Glauben ihrer Väter nicht abschwören. So kommt sie an den Hof der Elisabeth von England, die sie lieb gewinnt. Sie aber will nichts, als ihrem Gesetze leben, wendet sich nach Holland und sammelt die erste Judengemeinde des Landes um sich. Tie Familie der Pereyra aber blüht noch und zählt immer noch zu den Adeligen des Judentums. Solche Keuschheit, bewährt in schwersten Versuchungen, war aber nur möglich, wo ihre beste und einzige Schutzwehr so systematisch gepflegt wurde, wie bei den Bekennern des alten Bundes. Nicht einmal in der Sünderin, die zur schwersten Strafe verurteilt war, durfte die Schamhaftigkeit verletzt, ihr mußten Mittel geboten werden, sie bis zum Tode bewahren zu können. (Fortsetzung folgt.) Feuilleton, tzer SdilfMiicl.*) Ach, umsonst ich es versuche Meinem Glücksstern nachzujagen; Für mich heißt's im Schicksalsbuche: Stets am Hungertuch zu nagen. Wär' ich irgendwo Beschneider, Würde nie ein Knab' geboren; Oder näht' ich Totenkleider, Stürben weder Klug' noch Thoren. Würde handeln ich mit Kerzen, Ginge unter nie die Sonne ... Bin ein Schoßkind nur der Schmerzen, Kenne weder Rast noch Wonne. Was ich immer macht' probieren, Wollte nie mir recht gelingen. Könnt' im Leben nichts vollführen, Bin Schlemiel in allen Dingen. S. B. *) Nach Jbn Esra. Der „krumme Schlaume". In dem Jndenquartiere einer freien deutschen Stadt lebte noch vor dreißig Jahren ein alter Hausiererjude und Lumpensammler, der allgemein der „krumme Schlaume" hieß. Das Alter und sein schwerer Zwergsack, vielleicht auch die Erwerbsgewohnheit, die ihn aus der Straße suchen ließ, was andere wegwarfen, und mehr noch die Armut hatten ihn zu Boden gedrückt und schier im rechten Winkel abgebogen. Schon viele Jahre hatte er keinen blauen Himmel und von der Welt wenig mehr gesehen als Straßenpflaster und Menschenbeine. In seinem großen Zwergsack, der ihm über die Schulter hing, trug er die Flicken und alten Kleider. die Knochen und das rostige Eisen, die Filzpantoffeln und abgelegten Hüte und all die anderen schönen Dinge, welche die Grundlage seines Handels ansmachten. In den weiten Taschen seines Rockes beherbergte er Tauschartikel für jene fragwürdigen Schätze, ein kleines Warenlager, das zunieist aus dem Bereiche des bescheidenen Putzuud Nähzeugbedarfs sparsamer Hausfrauen genommen war. Denn Schlaume zahlte nicht bar, sondern wie ein alter Phönizier wieder mit Ware. Zu den Wahrzeichen der Stadt gehörte er außer durch seine krumme Gestalt noch durch seine Mütze, die ein verblichenes Prachtstück ans der Zeit jener verrückten Mode war, da ein eleganter Jüngling nur in einer wattierten und abgesteppten Schildkappe sich sehen lassen konnte, deren Oberteil in einen langen Sammtbeutel mit einer Quaste auslief und über das linke Ohr schwer herabhing. Schlaume hatte dieses warme Kleidungsstück vor Jahren einmal eingehandelt und trug es als ein Denkmal der Vergänglichkeit aller irdischen Pracht durch viele Generationen von Modekappen und Hüten hindurch. Wohin Schlaume sich des Abends zurückzog und wo seine großartigen Geschäftsmagazine lagen, das wußte niemand, aber daß er einen kleinen Enkel bei sich hielt und erzog, den letzten verwaisten Sprossen seines Geschlechtes, das sagte er manchmal selbst, wenn er um ein abgelegtes Höschen oder Jäckchen feilschte. Der kleine Schmul, dessen ganze jugendliche Welt der eine liebevolle Großvater ausfüllte, mar ein aufgeweckter, wollköpfiger Junge, der die Volksschule besuchte und sich vorgenommen hatte, ein großer Gelehrter zu werden. Der Großvater hatte andere Pläne und hielt das Gelehrtwerden für die größte Thorheit, die ein Mensch begehen könnte. Ein gelehrter Rothschild lag ebenso jenseits seines Fassungsvermögens, als ihm ein armer Gelehrter ein geläufiger Begriff war. Als daher Schmulchen die pflichtgemäßen Schuljahre hinter sich hatte, nahm der Großvater alle seine Konnexionen zusammen und verdingte ihn glücklich als Laufjungen in ein großes Geschäftshaus, wo er auf dem langen Wege zum Reichtum den ersten Schritt machen sollte. Am Vorabende seines Amtsantrittes gab er ihm noch hundert gute Ermahnungen und belohnte ihn feierlich mit der vorweltlichen Mütze, da es von jetzt an nicht mehr schicklich war, daß Schmul barhäuptig durch die Welt lief, wie er cs bisher gethau. Zaghaften Sinnes trat der kleine Schmul mit der großen Mütze in seine Stellung. Das Geschäftshaus, in dessen Betrieb er als jüngster und letzter Beamter eingefügt worden war, handelte hauptsächlich mit einem vielbegehrten überseeischen Artikel, welcher jedoch ans Sparsamkeitsrücksichten den Gefahren einer großen Seereise nicht ausgesetzt, sondern in der nächsten Nähe fabriziert wurde. In einem Magazine hinter dem Warenlager wurde er dann kunstgerecht verpackt, mit dem besten havannesischen Export- und Bremer Jmportsiegeln versehen und somit die weite und gefährliche Seereise symbolisch an ihm vollzogen. Diese feierliche Amtshandlung fiel schon in den ersten Tagen seiner Dienstzeit dem kleinen Schmul zu wiederholten Malen zu, uud da er sich als einen sehr geschickten und umsichtigen Seekapitän zu Lande erwies, so wurde er auch auf diesem Posten belassen. Seine Gedanken aber waren während dieser phantasievollen Arbeit ganz wo anders, verirrt in dem heiligdüsteren Walde der Wissenschaften, wo hineinzutreten er, ohne klare Vorstellung davon, doch ein brennend heißes Verlangen trug. Aber zwischen ihm und dem heiligen Walde stand der gute Großvater in seiner Armut und wies mit seiner rechtwinkeligen Figur wie ein Wegweiser nach der anderen Straße, wo die rührige Menschheit nach dem Reichtums Handel trieb. Schmul zog es nicht nach jener Seite,

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