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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-02-14 · 7 (14.2.1896) · p. Seite 116

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
7 (14.2.1896)
Date
1896-02-14
Page
Seite 116 (sequence 8)
Language
German
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Seite 116. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 7. lehrsamkeit, die es ihr gestattet, sogar zwischen strittigen Uebersetzungen eines Bibelverses zu wählen, ist sie ausgerüstet. So übersieht man denn in ihrem Buche ans einen Blick den ganzen Hort edler, todesmutiger Frauen, der sich im Judentums durch die Jahrhunderte gesannnelt hat. Kennte das Judentum etwas ähnliches, so wäre das allein ein „Hort der Gnaden", wie ihn der Katholizismus trotz seiner Thesaurierung der Verdienste der Frommen und Heiligen kaum besitzt. . . . Zunächst also ist es das Judentum, das seine ganze Ethik aus dem Begriffe der Familientugenden aufbaut. Diese sind allerdings im weitesten Sinne zu nehmen, sofern wieder das ganze Volk als Familie Gottes zu nehmen ist. Während der Orient das Weib in den Harem sperrt, kennt das Gesetz Mosis niemals etwas ähnliches. Hellas und Rom belegen ihre Frauen mit beständiger Unmündigkeit und befreien sie daraus nur durch die Unsittlichkeit. Die Hetäre kann sich frei bewegen, und die Römerin gewinnt erst in der allgemeinen Zersetzung jeder Sitte, wie sie sich zu Ende der Republik einstellte, die Rechte, über ihre Habe und über sich frei zu verfügen. Dem Christentume ist das Weib das Böse an sich. Besonders die Doktrin des Paulus — Petrus blieb mit den Seinen immer der Mutterreligion näher — verfolgt es geradezu mit seinem Hasse und gestattet Gemeinschaft der Geschlechter nur um der allgemeinen Schwachheit willen. Der ehelose Stand wird immerdar erhöht. Ihm nach eifert der zornige Tertullian, dem keine Schmähung zu grimmig ist. Erst durch den Minnedienst des Mittelalters, erst durch den Marienkultus kam eine höhere Auffassung von der Stellung des Weibes in das Mittelalter. Diesmal aber wurde durch Ueberschätzung, der natürlich der Rückschlag niemals erspart bleiben konnte, ebenso gesündigt, wie vordem durch Herabwürdigung. Verleugnung jeder Bande des Blutes aber finden wir in fast allen Legenden, bis späthin als Grundbedingung und Ankündigung späterer Heiligung. Und daß, nachdem schon durch Jahrhunderte im Judentume das richtige Maß lebte, selbst für die Poesie des wechselseitigen Verkehres durch manchen Brauch Sorge getragen war. Nichts schöner, als jene Sitte am Kippur-Feste, wenn die Mädchen in die Weinberge wanderten. Reich und Arm tauschten die Kleider, damit nichts verrate, welchen Besitzstandes sich eine erfreue. Ihnen nach zogen die Jünglinge, Wechselgesänge, lockend, werbend, erschollen. Von mancher Vorschrift des Ritualgesetzes war die Frau befreit. Befreit, nicht ausgeschlossen sagt die geistvolle Verfasserin. Denn ihr war als nächste und höchste Aufgabe gestellt Mutter zu sein. Das heißt mehr als Kinder hecken, und das läßt nicht so viel Zeit, um all die umfänglichen Gesetze und Regeln zu beobachten. In diesem Sinne war die Jüdin immerdar verehrungswürdig. Wie wenig man aber daran dachte, sie trotz einer anscheinend demütigenden Gebetformel herabdrücken zu wollen, dafür giebt's unzählige Zeugnisse. Einmal, sollte man meinen, müßten sie sich selber bei ihrer unbestrittenen Klugheit über ihre Position klar gewesen sein. Ta ist denn nun die Antwort bezeichnend, die Rabbi Metrs Weib Beruria dem Jünger gab, der sie damit aufziehen wollte, daß Gott dem Adam die Rippe entwendet habe, während er schlief, so daß Eva einem Diebstahle ihr Dasein danke. „Ein Dieb ist bei mir eingebrochen" entgegnete die Frau. „Er nahm mir einen silbernen Becher und ließ mir einen goldenen. Hat er mich geschädigt?" Rein! „Nun, und Gott nahm dem Adam eine Rippe und gab ihm dafür eine Gefährtin." Die so spricht, die fühlt sich gewiß nicht als Magd. Unzählig sind die Vorschriften für den Mann, seine Genossin mit Geduld und Neigung zu behandeln. Zu einer kleinen Frau soll er sich niederbeugen und ihr ins Ohr stüstern. Das heißt wohl nichts anderes als: steht Tein Weib unter Dir, so neige Dich — lasse Dich aber nicht herab zu ihr. In keiner Litteratur der Welt wird das Lob der Frau so unablässig, in so vielen Varianten gesungen, als in der hebräischen, und dabei bleibt man immer auf dem Boden der Wirklichkeit. Schon aus dem Umstande, daß Gott dem ersten Menschen nur die Eva beigesellt, wird der Vorzug der Einehe gefolgert. Das Verhältnis zwischen Mutter und Kind ist das denkbar innigste, bis zu drei Jahren säugt die Mutter, wie eine bekannte Stelle im Buch der Makkabäer beweist. Für solche Plage aber gebührt ihr auch der Lohn! Am Putze hängt nun einmal ihr Herz, schon damit sie dem Gatten gefalle. So wird denn geboten: Man nähre sich unter seinem Vermögen, kleide sich darnach und schmücke seine Frau darüber hinaus. Das ist den Juden nur zu sehr, mehr als wichtigeres, in Fleisch und Blut übergegaugen. Kleiderluxus ist das Laster, das man ihnen zunächst nachsagt und mancher gehässige Vorwurf ward und wird noch darum gegen sie erhoben. So viel Neigung wird gelohnt. Und so zieht denn eine schöne und stolze Reihe leuchtender Frauengestalten vor uns auf, blättern wir in dem Buche der Frau Remy. Da sind die Prophetinnen der Bibel, denen ein großer Augenblick das rechte Wort, ihn zu feiern, ins Herz siößte. Gelehrte — da schreibt eine einen ganzen, umfänglichen Traktat ab in einer so säubern Schrift, daß es immer noch für ein Meisterstück der hebräischen Schönschreibekunst gilt. Eine andere hat die Geheimnisse des Gotteswortes genug ergründet, um es lehren zu können, und thut das in einem geschivärzten Glaskasten, damit der Anblick ihrer Anmut die Hörer nicht verwirre, ihre Gedanken nicht vom Ewigen ab zu seinem schönen Werke lenke. Kaum ist die Buchdruckerkuust erfunden, so greifen sie nach Setzkasten und nach Preßbengel. Sie haben ein wesentliches Verdienst um jenen jähen Aufschwung der hebräischen Litteratur, der es gestattete, binnen kürzester Frist 6000 zum teil sehr umfängliche Werke in die Welt zu senden. Gleich ihren Gatten üben sie die Heilkunst und erringen namhaften Ruf darin. Die Geburtshilfe ist immer in ihren Händen, denn eine Jüdin hätte sich in ihrer schweren Stunde niemals einem Manne gezeigt. Ungezählte opfern ihr Leben ihrer Ehre. In den Judenverfolgungen am Rhein und in Frankreich fallen Märtyrerinnen zu Tausenden, in Spanien besteigen sie den Holzstoß. Seltener, selbst als unter den Männern, findet sich unter ihnen der Abfall. Das ist überhaupt semitisch — man erinnere sich der Einnahme Karthagos. Die Fluten des Meeres, die lodernden Flammen müssen sie vor der drohenden Schande behüten. Die Foltern schrecken sie nicht. Und wenn einer ein günstiges Geschick blüht, dann danken sie's sich und ihrer Standhaftigkeit. So jene Pereyra, der ein englischer Edelmann nachstellte. Ihre Sittsamkeit und ihr Verstand ergreifen ihn so, daß er ihr endlich seine Hand anbietet. Sie aber will

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