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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-02-14 · 7 (14.2.1896) · p. Seite 115

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
7 (14.2.1896)
Date
1896-02-14
Page
Seite 115 (sequence 7)
Language
German
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Tir. 7. Seite 115. « Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Wer erinnert sich gern der Tausende, die seit Einführung des Christentums, ja uur der Tausende, die während der Inquisition in Spanien, in Italien u. s. w. ad majorem dei gloriam, also doch auf „Gottes Geheiß" unter Henkershand oder aus dem Scheiterhaufen ihr Leben ausgehaucht! Und wie war es uur mit dem „Königreich Jerusalem", das auf „ausdrücklichen Spezialbefehl" des Statthalters Christi seinem rechtmäßigen Besitzer entrissen werden sollte? Sie bildet so ziemlich das schwärzeste Blatt in der Geschichte der Menschheit, die Beschreibung der Tbaten der frommen Scharen Gottfried v. Bouillons auf ihrem Zuge in das Land ihrer Sehnsucht, unter der Devise: „Dieu le volt“ in den Jahren 1098/99. Das lväre es, was ich bezüglich der drei Punkte zu bemerken hätte. Was der Verfasser jetzt seinen Ausführungen hinzufügt, ist, ganz besonders durch die Art und die Sprache, in der es geschieht, wahrhaft betrübend und nur geeignet die heiligsten Empfindungen aller derer zu verletzen, in welchen das Gefühl heiliger Scheu für das Ehrwürdige noch nicht ganz erstorben ist. Ja, man müßte sich die Frage vorlegeu, wie es möglich war, daß die vielen großen und schönen Gedanken, die uns sonst in seinen Schriften unwiderstehlich und überzeugend fesseln, in diesem Kopfe ausleben konnten, wüßten wir nicht, welchem Boden es der Natur in ihrer Laune oft gefällt, Blumen entsprießen zu lassen, die in ihrer Farbenpracht unser Gemüt erfreuen. Aber in seinem Eifer stürmt fort und fort eine Fülle neuer Gedanken auf ihn ein, die vom hundertsten aufs tausendste ihn bringen, und ihn schließlich auf ein dem Thema entlegenes Gebiet abdrängen. Hier aber regnet es dann Steinwürfe nach rechts und links, gegen jeden, der ihm den Weg verlegt, und wie oben auf die gens extorris in Staatsämtern, so hier auf die „Philosophieprofessoren und ihren Philosophendusel, iu welchem sie das deutsche Volk gebannt halten", auf den „geistlosen Schwätzer, den geistigen Caliban Hegel" und die „Charlatane Fichte und Schelling" und ihre abweichenden Ansichten und Lehren. Schlimmer aber noch kommen dann diejenigen fort, die das Verbrechen begingen, bereits vor ihm den seinigen ähnliche Gedanken ausgesprochen und ihn so um den Preis der Originalität gebracht zu haben, wie beispielsweise Spinoza, der ihm zwar immerhin „ein sehr großer Mann bleibt," aber in seinen Thesen „den Juden nicht los werden kann." So poltert und lärmt es förmlich aus seinen Büchern heraus. Er bezieht sich mitunter auf Platon. Aber welch' erhebende Ruhe herrscht in diesem Reiche! Wahrlich, glücklich preise ich euch, die ihr dem Fluge dieses Geistes folgen, und der stolzen Ahnung hingegeben fein könnet; des „non soli cedit. ‘ Hätte doch unser Verfasser, ehe er sich dem Dienste des Delphischen Gottes gewidmet, der Vermahnung sich erinnert, die mit flammenden Worten an der Pforte seines Tempels dem Eintretenden erteilt wurde. Aber dem seltenen Manne war es doch in betrübender Weise versagt, des „Erkenne dich selbst" sich zueigen zu machen, und er, der einen solch' großen Wissensschatz in sich ausgenommen, der Mann, der sein arbeitsreiches Leben der Ausgabe gewidmet hat, seine Mitmenschen aus ihrer geistigen Knechtschaft zu erlösen, konnte die eigenen Fesseln der niedrigsten Leidenschaften, des Hasses und der Mißgunst nicht von sich abstreifen. Doch ihm sei die Wohlthat vergönnt, daß das hinfällige und unfruchtbare seiner Doktrinen aus Ereignissen im Leben ihm gezeigt worden ist, erst aus Ereignissen nach seinem Heimgange und aus ihnen hätte er erfahren können, wie sich die Buchweisheit nicht in einem Maße von der — Weltweisheit absondern darf, daß sie die Brücke, die von ihr ins Leben führen soll, gänzlich abbricht, und somit ihren Wert aufhebt, denn: non 8vlio1ae, sed vitae discirnus! Das „pöbelhaft bigotte England" hat in Westminster die Statue Benjamin d'Jsraelis den Standbildern seiner großen Männer anreihen lassen, und die Niederlande im Jahre 1877, gelegentlich der zweihundertjährigen Wiederkehr seines Todestages, Benedikt Spinoza durch Künstlers Hand das Bildnis ihres großen Sohnes den nachfolgenden Geschlechtern übergeben, wobei ein Ernst Renan in seiner Festrede aussührte: „Die Religion ist eine Empfindung, die sich in vielen Formen äußern kann. Diese Formen find durchaus nicht gleichwertig, aber keine hat die Kraft, die andere zu verdrängen. Freiheit ist das letzte Wort der religiösen Politik Spinozas, es sei auch das letzte Wort der unsrigen. Erlauben wir nicht der Unwissenheit die freien Bewegungen des Geistes zu hindern: Spinozas Seele wird wie ein Schutzgeist an den Orten weilen, wo seine kurze Pilgerschaft unter den Menschen sich vollendete. Wehe dem, der hier vorübergehend, den milden, gedankenvollen Zügen dieses Mannes eine Kränkung zuruft, er würde, wie alle gemeine Seelen iu der Gemeinheit selbst und in seiner Unfähigkeit das Göttliche zu begreifen, seine Strafe finden. Der Weise wird von seinem granitenen Sockel allen den Weg zu dem Glücke zeigen, den er selbst gesunden hat, und durch Jahrhunderte hin wird der gebildete Mensch, der hier vorübergeht, wo jener geweilt hat, zu sich selber sagen: Vielleicht ist Gott an dieser Stelle, in der größten Nähe gesehen worden." So feierte Schopenhauers Nachwelt die Parasiten auf fremdem Boden; er aber ging klanglos zum Orkus hinab, und seine Werke folgen ihm nach. Das jüdische Weib. In dritter Auflage liegt das Werk von Nahida R'.lth Lazarus (Nahida Remy) „Das jüdische Weib"*) vor. Bekannt und selbst verbreitet genug für deutsche Verhältnisse, verdient es immer noch seinen nachdrücklichsten Hinweis. Denn in einer Zeit, die den Juden alles bestreiten will, worauf sie vordem stolz sein dursten, geziemt es sich doppelt, sich des einen Ruhmestitels zu freuen, den kein Haß verkleinern kann. Die Rolle aber, die das Weib in der Geschichte der Juden spielte, ist ein Ehrendenkmal beiden Geschlechtern und zugleich der Religion, die jedem von beiden gestattete, sich so ganz nach Naturanlage und Art zu entwickeln. Und wenn die kluge, vielbelesene Frau Nahida Remy auch nichts sonderlich neues beibringt, so hat sie doch spürend weithin Umschau gehalten; mit einer Ge- *) Berlin, Verl, von Siegfried Cronbach.

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