Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 7 (14.2.1896)
- Date
- 1896-02-14
- Page
- Seite 113 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 7. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 113. Maßstab an, den der Beurteiler ansetzt, und es ist immer mißlich, Partei und Richter in einer Person zu sein. Es ist ein Unterschied, ob man den idealen oder den praktischen Maßstab anlegt. In ersterer Hinsicht soll ein vollständig einwandfreier Lehrplan erst noch geschaffen werden, vielleicht erleben wir ihn noch, vielleicht auch nicht. Das Praktische aber muß sich ans Bestehende anschließen, gleichsam den Hegelschen Satz erfüllend: „Alles, was ist, ist gut, weil es ist." Wenn man aber diese beiden Standpunkte in einander verschwimmen läßt, wenn es einem mehr um Rhetorik, als um Objektivität zu thun ist, dann ist man Prediger, aber nicht — Pädagoge. Man schädigt aber die Sache, der man dienen will, und die in die Oeffentlichkeit gesprochenen Worte schaffen unbegründetes, schädigendes Mißtrauen, wenn man, das Ideal vorschützend, erst eine Sache heruntersetzt, und dann, nachdem man genug geschädigt hat, unehrlicher Weise behauptet, man wolle nur die Praxis verbessern. Ich komme nun zu den „Nebenämtern". Am richtigsten wäre es vom didaktisch-technischen Standpunkte, wenn der Lehrer gar kein Nebenamt hätte. Die christlichen Lehrer fühlen sich sehr wohl dabei. Die Nebenämter sind zum mindesten zeitraubend; sie nehmen die Zeit weg, die der Präparation für den Unterricht könnte gewidmet werden. Nicht zum wenigsten ist das Predigtamt schädlich. Denn da die jüdischen Gemeinden, auch die kleinsten, hohe Ansprüche machen, so ist die Gefahr vorhanden, daß man sich zu sehr in die Ausbildung des Kanzelredners vertiefe, eine Beredsamkeit, die auf Stimmungen wirken soll, während der Schulunterricht im Gegensätze davon, die nüchterne Erkenntnis vermitteln will. Allein, ich muß doch sagen, daß vitale Lebensfragen der jüdischen Religion gerade verlangen, daß beregte Nebenämter gerade den Lehrern übertragen worden, und die Rabbiner, welche wirkliche Hirten des Volkes sind, müssen von diesem Gesichtspunkte aus mir beistimmen. — Die Rabbiner sind zwar eher als die Lehrer zum Predigen befugt, sie haben weniger Schulunterricht zu erteilen, sie brauchen sich auch nicht allzusehr mit ihrem Vortrage zu identifizieren, da ihnen der litterarische Schatz des Midrasch und der Agada mehr zu Gebote steht. Allein wie soll es in den kleinen Gemeinden werden in Beziehung der Seelsorge? Diese Leute haben doch sozusagen auch eine Seele! Im übrigen ist es eine religiösjüdische Pflicht, daß man mit dem Fröhlichen sich freue, mit den Trauernden trauere, und ich finde es ganz in der Ordnung, daß der Lehrer, wie es gerade fällt, traut und trauert, fröhliche und trauernde Reden hält. — Ans das salbungsvolle Gethue, auf das seelenvolle Gehaben am Grabe und vor dem Traualtar, daraus gebe ich keinen Pfifferling, das ist ausländische Ware, die noch nicht verzollt ist. Im übrigen, wenn der Rabbiner auch Lehrer ist, so dürfen auch sie nach den eigenen Worten des Dr. Singer auswärts keine geistliche Handlung vornehmen. Die Qualifikation zur Vollziehung von Trauungen bezieht sich nur darauf, daß man wisse, welche Ehe erlaubt sei und welche nicht. Das weiß natürlich ein Rabbiner besser als ein Lehrer. Aber trotzdem haben Rabbiner Ehen eingesegnet, die nicht nur jeder Lehrer, nein, jedes Schulkind, das den Pentateuch zu übersetzen vermag, als verboten kennt. Zum Schluß noch eins! Wie es leichter ist, ein Fräulein zu sein, als eine tüchtige Köchin (als erstere besucht man eine höhere Schule, kommt als gebildete Dame in die Küche und chikaniert die praktische Köchin,) so ist es leichter, Inspektor als praktischer Lehrer zu sein. Das arscntinische Mssmrk. Der Verwaltungsbericht der Jewish Colonisation - Association über das Jahr 1895 ist soeben erschienen. Wir entnehmen dem Berichte folgende Daten: Außer den früheren Ansiedlern, die sich in den Kolonien von Mauricio, Mosesville, Clara und San Antonio niedergelassen haben, sind in den letzten zwei Jahren 14 Kolonistengruppen entstanden, von denen jede ungefähr 50 Familien zählt. Zehn dieser neuen Gruppen waren im Laufe des Jahres 1894 fast vollständig eingelebt, die 4 neuen sowohl als auch die Nachzügler der ersten 10 kamen im letzten Jahre dazu. Die Uebersiedlung und Niederlassung dieser Familien ging in sehr methodischer Weise vor sich, so daß aller Grund vorhanden ist, mit den unmittelbaren Resultaten zufrieden zu sein. Im ganzen befinden sich in den argentinischen Kolonien jetzt 1222 Familien. Der größte Teil der Kolonisten zeigt wirklich gute Anlagen und Lust und Liebe zum Ackerbau und jeder damit in Verbindung stehenden Arbeit. Andererseits sind wir zu konstatieren genötigt, daß sich unter den früheren Kolonisten noch immer Elemente befinden, die unfern Erwartungen nicht ganz entsprechen. Diese Elemente, die aber nur 5, höchstens 10 pCt. sämtlicher Ansiedler ausmachen, müssen entfernt werden, und die Direktion in Buenos-Aires hat zu diesem Behufs auch schon Instruktion erhalten, ist aber noch nicht imstande gewesen, sie vollständig auszuführen. Das Sanitätswesen ist in folgender Weise organisiert: In Mauricio befindet sich ein Spital mit einem Arzt und einem Krankenwärter. In Mosesville, in welchem bis jetzt ein Arzt aus der Umgebung die nötigen Besuche machte, haben wir nun auch einen Doktor angestellt. In Entre Rio leitet ein Arzt aus Clara die sanitären Angelegenheiten. Er hat 4 Hilfsärzte, von denen einer in San Antonio, der zweite in Basavilbaso, der dritte in St. George sich befinden; der vierte assistiert im Spital, das einige Krankenwärter und einen Pharmazeuten beschäftigt. Die Direktion in Buenos-Aires hat in Verbindung mit der Alliance Jsraelite bereits Schulen errichtet in Mauricio, Clara und Mosesville. Mauricio hat 2 Schulen, eine in Agorobo, die andere in Alice, welche im August des abgelaufenen Jahres' von 100—110 Schülern besucht wurden. Die Kinder werden von dem Leiter, Mr. Benlolo und zwei Lehrern des Hebräischen unterrichtet; die Anzahl der Schüler, die sich als sehr fleißig erweisen, wächst von Tag zu Tag, die erzielten Resultate sind im allgemeinen befriedigend. In der Schule zu Clara, die von Mr. Sabah geleitet wird, befanden sich im Monate August des Jahres 1895 109 Schüler, 57 Knaben und 52 Mädchen. Auch in dieser Schule sind die Leistungen zufriedenstellend. Die Kinder gehen offenbar mit großem Vergnügen zur Schule — unter den Knaben befinden sich 6 Katholiken — und ihr Benehmen ist ein musterhaftes.