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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-02-14 · 7 (14.2.1896) · p. Seite 112

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
7 (14.2.1896)
Date
1896-02-14
Page
Seite 112 (sequence 4)
Language
German
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Seite 112. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 7. vielmehr, daß derjenige, dessen Aussprüchen man Folge leistet, auch seinen eigenen Lebenswandel mit diesen Anssprüchen identifiziere, daß er die Religion, die er lehrt, pünktlich vorlebe. Er darf nicht nur kein Aegernis geben, sondern muß wirklich die observanzmäßige Lebensweise zu seiner Natur gemacht haben. Da hilft es nichts, mit Käppchen demonstrieren, Neuorthodoxie affektieren, mit Altertümelei koquettieren — denn die orthodoxen Herren haben einen feinen Instinkt, die Echtheit von einer Form der Kourtoisie zu unterscheiden. Tie Observanzen, deren Beobachtung man einem Prediger nicht einmal zumntet, werden vom Rabbiner mit aller Strenge gefordert. Man wird kein Vertrauen zu einem Manne fassen, der ritualwidrigen Wein trinkt, oder verbotene Gewebe an seinem Leibe trägt, oder das Haar gegen die Vorschrift verschnitten hat, oder mittelst Scheermessers sich rasieren läßt, und so giebt es tausenderlei Vorschriften, die man hundertmal im Tage vergessen und unabsichtlich verletzen kann, wenn sie nicht durch frühe und unablässige Hebung gewissermaßen zur Taseinsnorm geworden sind. Haben wir somit den Unterschied zwischen dem Prediger und Rabbiner beleuchtet, so wollen wir zuletzt noch aus den sehr wichtigen Umstand aufmerksam machen, daß das ko nfervative Publikum, zu dessen Gunsten man eigentlich ein Rabbi nat bestellt, denn doch in ganz anderer Weise, als der Fortschrittsmann an religiösen Institutionen sich beteiligt. Dem orthodoxen Manne hat eine unrichtige kasuistische Entscheidung etwas anderes zu bedeuten, als uns eine mißlungene Predigt. Wir können eine falsche Bibelauslegung, einen abgeschmackten Periodenbau, einen historischen Unsinn bedauern, vielleicht sogar belächeln und uns darüber lustig machen. Aber der Orthodoxe, der die Speise nach dem Ausspruch des Rabbiners genießen oder ihr entsagen soll, der in Keuschheitssragen sich strikte nach der Entscheidung des Gesetzesinterpreten zu halten hat, der in einem Fehlgriffe bei Ehescheidungen und Leviratszeremonien das Institut der Ehe bedroht sieht, — der schöpft durchaus kein Amüsement aus der Unwissenheit oder Erfahrungslosigkeit seines Rabbiners. Er sieht vielmehr immer sein Seelenheil bedroht, sieht sich in seinen heiligsten Gefühlen verletzt, und er kann nicht in diesem Punkte dem „Frieden" huldigen. Wird daraus die schwebende Rabbinerfrage in der Weise der alten Aera behandelt, so beschwört man eine Empörung heraus, die mehr zu bedeuten haben dürfte, als eine Interpellation in einer Wählerversammlung, die man mit einigen Redensarten beschwichtigt. Die Orthodoxen würden ihr Heiligtum verunglimpft sehen und an das Gerechtigkeitsgefühl der Mitglieder apellieren, und selbst Reformer, die einiges Rechtsgefühl besitzen, werden ebenfalls aus die Seite der Konservativen treten. Denn man mag über die religiöse Kasuistik denken, wie man will, so muß man doch zngeben, daß es eine empörende Religionsstörnng wäre, Organe dieser Kasuistik zu bestellen,, deren Wesen mit den Grundsätzen der letzteren im vollständigen Widerspruche stehe. Darum rufen wir den neugewählten Repräsentanten ein eavsant. patres zu, damit sie nicht aus vermeintlicher „Friedensliebe" ein Unrecht dulden, damit sie nicht geschehen lassen, daß Gewissenszwang geübt werde. Sie sind am Montag in ihr Amt eingesührt worden, sie treten in nächster Zeit zur ersten Beratung zusammen. Mögen sie, durch das Vertrauen der Wähler in den Sattel gehoben, zeigen, daß sie reiten können. Jim Koinpktcnslttkit. Von L. Weinberg, Bodenfelde. Obgleich selbst Partei, will ich mich bemühen, so viel mir möglich, den vorliegenden Streitfall objektiv zn behandeln. Mir mißfällt an der Eingabe des Herrn Rabbiner Dr. Singer, daß dessen Klagen nicht genügend substantiiert und mit Thatsachen begründet sind. Da haben wir zuerst die alte Streitfrage, ob die Rabbiner- oder die Lehrerseminare ein größeres pädagogisches Wissen nnd Können vermitteln. Ja, wer will darüber Richter sein? Wenn Tr. Singer mich freihält, so wollen wir, vorausgesetzt, daß sie sich's gefallen lassen, gemeinschaftlich die Rabbiner- und die Lehrerseminare nach dieser Richtung inspizieren. Ob viel dabei gewonnen wäre, ist fraglich; ich glaube, die Sache bliebe so lang, als sie breit ist. Warum aber, iu aller Welt, überweist man denn nicht die Ausbildung der Lehrer den Rabbinerseminaren? Warum fferner verschmähen denn die Rabbiner nicht die Anstellung als Direktoren der Lehrerseminare, und warum endlich machen diese Direktoren solche Klagen wie die des Herrn Dr. Singer nicht verstummen. Thatsache ist, daß in Breslau im Jahre 1867 die Lehrabteilung zur Ausbildung der Religionslehrer aufgehoben worden, und daß deren Zöglinge daraufhin das jüdische Seminar in Hannover bezogen. Wenn der Grund darin lag, daß das Breslauer Seminar sich nicht der Staatsaufsicht unterwerfen wollte, so geht doch daraus hervor, daß die Königl. Regierung eine solche Aufsicht als zur Ausbildung von Lehrern in pädagogischer Hinsicht für unerläßlich hält. Man bedenke, daß die Lehrerseminare ihre Entstehung dem Ilmstande verdanken, daß man (namentlich am Ende des vorigen Jahrhunderts) die gelehrten Anstalten (Gymnasien und Universitäten) als zur Ausbildung von Volksschullehrern ungeeignet hielt. Diese Erkenntnis führte gerade hochgebildete Männer dazu, ihr ganzes Sinnen und Trachten dem Volksschulwesen zu widmen, wobei sie sich naturgemäß ihren gelehrten Standesgenossen, denen es doch zumeist um den Ausbau „der Wissenschaften" zu thun war, entfremden mußten. Sollte in dieser Anschauung jetzt Wandel geschaffen sein? Sollte das Volksschulwesen mißachtet sein, weil man jetzt immer höher und höher hinaus will! Aber um „höher" zu sein, muß mir doch etwas Niedereres als Sockel dienen, also ist auch heute noch das „niedere" Volksschulwesen unentbehrlich. (In dem obschwebenden Streite handelt es sich nur um Religiouslehrer! Red.) Herr Dr. Singer behauptet, daß viele Lehrer nicht imstande seien, einen „Lehrplan" abznsassen. Ich gebe ihm die Versicherung, daß bei einigem guten Willen ich an jedem von einem Rabbiner und meinetwegen von jedem Schul- und Regiernngsrat ausgefertigen Lehrplan etwas werde auszusetzen haben. Trotzdem würde ich nicht sagen, diese Herren könnten keinen Lehrplan ausarbeiten. Es kommt immer auf den

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