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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-02-14 · 7 (14.2.1896) · p. Seite 110

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
7 (14.2.1896)
Date
1896-02-14
Page
Seite 110 (sequence 2)
Language
German
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Seite 110. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 7. das Wahlgeheimnis gesicherter als früher. Den ausgeschiedenen Mitgliedern spricht der Herr Vorsteher sodann für ihr bisheriges Wirken Dank und Anerkennung aus mit dem Wunsche, daß sie auch in Zukunft ihr unvermindertes Interesse den Gemeindeangelegenheiten bewahren mögen. Hochbedentsam sind die Ausführungen, die hieran sich schlossen. Herr Meyer kam auf unser Blatt zu sprechen, das mehrfach ausgesprochen, Herr Justizrat Meyer nebst Kollegen im Vorstand würden nach dem für sie vernichtenden Ausfall der Wahlen vom Amte zurücktreten. Herr Meyer bezeichnet eine solche Meinung als eine bedauerliche Unterstellung, als einen Versuch, von vornherein Mißtrauen zu säen. Er gedenke auch in Zukunft gleich seinen übrigen Kollegen sein Amt beizubehalten „zum Heile der Gesamtheit". Nur auf der Grundlage des Friedens und eines beiderseitigen guten Einvernehmens sei eine geordnete Verwaltung möglich. Die behaupteten Gegensätze seien nur scheinbarer Natur, der Berührungspunkte dagegen viele. — Also der langen Rede kurzer Sinn: Herr Meyer ist nach wie vor von seiner Unentbehrlichkeit überzeugt, und Herr Meyer bleibt demgemäß. Herr Meyer ist eben zähe, viel zäher als wir geglaubt hatten; die deutsche Sprache hat für diese Eigenschaft noch eine andere, drastischere Bezeichnung. Im übrigen denken wir an den alten Satz, daß die Verhältnisse stärker sind als der Wille des Menschen. Yolentem ducunt, nolentem trahunt. Ter alte Gemeinplatz von dem einträchtigen Zusammenwirken zwischen Vorstand und Repräsentantenkollegium ist eine alte Leibmelodie des Herrn Meyer, sie bedeutet, ins Deutsche übertragen, im Munde des Herrn Meyer immer nur das Eine: „Einer muß nachgeben, ich aber nie". Herr Justizrat Meyer wandte sich sodann in eindringlichen Worten an die neugewählten Mitglieder der Versammlung. Was er da sprach, erweckte in uns die Erinnerung an das bekannte Goethe'sche Gedicht vom Rattenfänger. Aber auch die bekannte Predigt des Fuchses an die Hühner glaubten wir stellenweise dabei zu vernehmen. „Ich kenne das Lied, ich kenne den Text, ich kenne auch den Verfasser, ich weiß, sie trinken heimlich Wein und predigen öffentlich Wasser." Die Kritik hat ja leicht und bequem reden, so etwa äußerte sich der Herr Vorsteher, sind die Herren aber einmal gewählt, so nehmen sie eine verantwortungsvolle Stellung ein, und dann sieht man die Dinge in einem ganz anderen Lichte an. Eine uralte Binsenweisheit, gleichzeitig eine Zumutung an den bekannten beschränkten Unterthanenverstand und eine Aufforderung zu löblicher Unterwerfung und Opfern des Intellekts. Ein beschämend geringes Verständnis für Mannesmut und Mannesehre giebt sich darin kund. Ta haben wir denn doch eine bessere Meinung von den Herren Repräsentanten. Sehr salbungsvoll sprach der Herr Justizrat alsdann von dem leider verloren gegangenen Sabbat, von dem Streben, das dahin gerichtet sein müsse, den Glauben der Väter zu bewahren, dem Heranwachsenden Geschlecht die Liebe zum Judentum zu erhalten, und noch viele andere schöne Dinge. Wunderbar schöne Worte, leider aber auch nichts weiter als das: Redensart, Phrase, klingendes Erz und tönende Schelle. „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen", wie Herr Justizrat Meyer und seine Getreuen dies ausgefaßt und durchgesührt haben, darüber ist eigentlich gar kein Wort zu verlieren. Daß an diese Herzensergüsse natürlich der Wunsch sich knüpfte, den Wagen nicht rückwärts zu schieben, sondern der Zeitströmung Rechnung zu tragen, daß der Religionsunterricht der Gemeinde dabei über den grünen Klee gelobt wurde, daß wieder jene unglückseligen Frauen und Kinder, die kein Hebräisch verstehen, in Parade aufmarschieren mußten, das alles versteht sich bei Herrn Justizrat Meyer ganz von selbst. Seinen Lieblingswunsch jedoch nach einem rein deutschen Gottesdienst behielt er aber dieses mal in seines Herzens Schreine verborgen, eine fatale Erinnerung an eine Rede in der Lindenstraße mochte hier wohl Mitwirken. Der Redner bezeichnete alsdann einige der wichtigsten Aufgaben, die in nächster Zeit ihre Erledigung finden müßten. Dazu gehöre in erster Reihe die Frage der Rabbinerwahl. Als wünschenswert und erforderlich erachtete Herr Meyer die Wahl eines Rabbiners, der allen extremen Richtungen fernstehe und mit hervorragendem religiösen und profanen Wissen die gleiche Rednergabe besitze. Das sei auch bei den bisherigen Berufungen Grundsatz gewesen. — Nein, Herr Jnstizrat, mit Verlaub, so ist es nicht gewesen. Alle bis jetzt berufenen Probeprediger gehörten der extremen liberalen Richtung au, und wenn es nach Ihrem Willen ginge, bekämen wir wieder einen „Rabbiner", der viel im Munde, aber wenig im Kopfe führt, der viel zu reden, aber nichts zu sagen hat, und mit den übrigen vier Herren zusammen das fünfte Rad am Wagen bilden kann. Glücklicherweise haben hier andere Leute auch noch ein Wort mitzureden, und Herrn Justizrat Meyers Wünsche und Hoffnungen werden vergehen und hoffentlich nimmer wieder erstehen. Besonders am Herzen liegt Herrn Meyer die Vereinigung der Resormgemeinde mit der Hauptgemeinde. Auch hofft er von der Zukunft den Wiedereintritt der orthodoxen Separatgemeinde. Auf die Einrichtung des Jugendgottesdienstes ist Herr Justizrat Meyer stolz. Nur beklagt er es, daß diese Institution von Seiten der Rabbiner nicht die erforderliche Unterstützung fände. Man werde nicht umhin können, Kandidaten und Unterprediger zu diesem Zwecke heranzuziehen. Zur Frage der Wohlthätigkeit übergehend, schlägt Herr Meyer wieder die bekannten Töne an von der Rücksicht aus die Finanzlage der Gemeinde, daß man nicht allein das Herz zu Rate ziehen dürfe — alles alte Ladenhüter, von denen noch kein Hungriger satt geworden ist. Mit Recht weist Redner zum Schluffe darauf hin, daß es kaum nötig sei, die Mitglieder der Versammlung noch besonders auf die übernommenen Pflichten hinzuweisen. Die schärfste Kritik fordert es aber heraus, wenn Herr Justizrat Meyer zum Schluffe seiner Ausführungen von der Anmaßung sprach, von außen her an die gewählten Vertreter Instruktionen zu erteilen, von dem bedauerlichen Versuche, den Schwerpunkt dieser Versammlung nach außen zu verlegen u. s. w. „Von diesem Saale aus soll das Licht ausgehen", rief Herr Meyer sogar mit einer bei ihm selten zu hörenden Emphase aus. Wir wollen hoffen, Herr Justizrat! Und wenn bei diesem Lichteffekte einige Nachtvögel, die heut ein Vierteljahrhundert hier seine Nester gebaut, aus der Gemeindestube herausgeschencht

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