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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-02-07 · 6 (7.2.1896) · p. Seite 103

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
6 (7.2.1896)
Date
1896-02-07
Page
Seite 103 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 6. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 108. kennt er keine Autorität, befleckt er das Heilige, erniedrigt das Große, entweiht das Märtyrertum und wird zun: Mittel des Verrates, Verbündeter des Verbrechens. Wehe dem, in dessen Brust ein so teuflischer Funke glühte er wächst zur Flamme an, die den Besitzer verzehrt. Josef Nassi dünkte die Herzogskrone zu gering. Der „Cibor", so dachte er, würde seiner stattlichen Gestalt besser anstehen, als der einfache Herzogshut. Er wollte König werden, einen Thron besitzen. Er machte Ansprüche auf Cypern (1577), und der Sultan zeigte sich geneigt, seinen Günstling auf den Thron von Cypern zu erheben. Nassi glaubte sein Ziel, seine Träume verwirklicht zu haben. Schon sah er sich als Herrscher am Throne Cyperns. Aber Josef Nassi plante, während der Scheik-ül-Jslam lenkte. Ter Pontifex maximus machte seinen Kaiser aufmerksam, daß den tollkühnen Juden noch die Lust anwandeln könnte, sich das Schwert Osmaus zu umgiirten. Der Ehrgeiz, gleich dem auf Bergeshöhe ins Rollen geratenen Stein, kennt keine Grenzen. Den Sultan erschütterten diese Worte. Verdacht ergriff ihn, und eines schönen Morgens erwachte der Thronkandioat im engen Turmverließ. Zwei Monate wurde er in strengstem Gewahrsam gehalten, und die Pforten seines Kerkers öffneten sich erst im März 1570, um gleichzeitig mit drei anderen Verbrecher): am öffentlichen Markte Konstantiuopels enthauptet zu werden. * $ * Josef Nassi war ein hochherziger Förderer der Wissenschaften. Im Kuru-Tzerme, einer Vorstadt Konstantinopels, errichtete er eine Buchdruckerei, wo er ausschließlich für arme Kinder Bücher drucken ließ. In vielen Städten errichtete er Schulen, protegierte, lieble und unterstützte die Gelehrten und die Wissenschaft. Seine Gattin Reyna Clondosia, charakterisiert in ihrer Lebensbeschreibung des Gatten diesen folgendermaßen: „Seine Rede war ein zweischneidig Schwert, unsagbar süß träufelnder Honig; seine Stirn der Thron hoheitsvoller Ideen; sein Auge eine Sonne, aus der zwei göttliche Funken strahlten: Güte und Vernunft. An ihm ist alles königlich, und er vertritt Gott auf Erden". ll) o ch e n - S h r o n i k. Berlin, den 5. Februar. — Anonyme Briefe ebenso frechen wie albernen Inhalts, die von Juden herrühren sollten, werden von Zeit zu Zeit in Antisemitenblättern veröffentlicht. Wir haben schon wiederholt Veranlassung genommen, diese Albernheiten hier niedriger zu hängen. Trotzdem wird diese Brieffabrikation weiter betrieben. Vor einiger Zeit teilte das „Volk" einen Brief mit, den ein Jude an die antisemitische „Heimat" in Straßburg i. E. gesandt haben soll und der die liebliche Wendung enthält: „In fünfzig Jahren seid ihr unsere Knechte!" Der „Badische Volksbote" druckte ebenfalls ein angeblich von einem Juden stammendes Schnüihschreibeu ab, das an eine antisemitische Redaktion in Saaz gerichtet war. Auch hier heißt es u. a.: „Um schlau und geistreich zu sein, muß man als Jude das Licht der Welt erblickt haben". — Stammen diese Briefe ohne oder mit falschem Namen wirklich von Juden her? Die Antisemiten halten ja die Inden sonst für sehr klug, und solche Dummheiten müssen sie ihnen nicht zutrauen. Der Stil dieser Briese verrät stets intime Kenntnis der antisemitischen Broschüren und die Schriftstücke gehen unzweifelhaft von antisemitischen Spitzeln aus. — Der Talmndgclehrtc Deckcrt. Daß der Pfarrer von Weinhaus ein großer Gelehrter vor dem Herrn ist, das ist männiglich bekannt. Daß er auch gründlicher Kenner des Talmuds ist, hat er oft selbst versichert, und Paulus Meyer hat ihm dies bestätigt. Einen neuen Beweis seiner profunden Talmudkenntnis liefert er in einer Aufklärung, die die Wiener „Reichspost" dieser Tage veröffentlicht hat. Deckert, der sich als Rassenantisemit ausgiebt, hat sich in seinem jüngst beendeten Prozeß, über dessen Verlaus wir berichtet, von einem getauften Juden verteidigen lassen. Hierüber schallende Heiterkeit im Lager seiner Gegner. Damit ihnen nun das Lachen vergehe, publiziert Deckert die folgende Aufklärung in dem schon genannten Blatte: „Den gegen meinen geehrten Rechtsanwalt Dr. Max Anton Löw gerichteten, bei Juden selbstverständlichen schmählichen Angriffen gegenüber erkläre ich hiermit öffentlich, daß ich demselben für seine eifrige, umsichtsvolle, mutige und erfolgreiche Verteidigung den größten Dank schulde und daß ich ihn in längerem Verkehr als einen überzeugungstreuen Katholiken und ausgezeichnet tüchtigen Juristen kennen lernte, als einen begeisterten und zugleich hochtalentierten Anhänger der christlich-sozialen Partei, den dieselbe als einen ihrer Besten zu schätzen allen Grund hat. Geradezu unvernünftig, ja lächerlich sinde ich es, wenn rnan nur als Rassenantisennten den Vorwurf macht, den Mann zum Verteidiger gewählt zu haben; man kann Rassenantisemit sein, ohne gerade auf dem zwar radikalen, aber echt talmudischen Standpunkt der Raffe zu stehen." „Talmudischer Rassenstandpnnkt" — und nun sage noch Einer, daß Deckert den Talmud nicht kenne! Er weiß sogar alles, was nicht darin steht. Beiläufig bemerkt, auch der Herausgeber der „Reichspost" ist ein ans Breslau stammender getaufter Jude. Seine Eltern, die Juden waren, führten den Namen Spitzer, er, der Katholik, heißt Weimar. — Der Zickzackkurs in Rußland ist unfern Lesern nichts neues mehr. Schon oft waren die Berichte, die wir aus jenem Lande brachten, nicht blos in zwei aufeinanderfolgenden Nummern, sondernin einer und derselben Ausgabe bald jauchzend himmelhoch, bald betrübt zun: Tode, so daß es sie nicht überraschen wird, wein: wir ein russisches Silhouett zeichnen, nachdem wir vor acht Tagen Helle Lichtstreisen in Rußland geschaut. Aus Warschau wird geschrieben: Trotz der freiheitlichen Aera, deren Anbruch beim Regierungsantritt des jungen Kaisers und seiner Ge:nahlin (einer Enkelin der Königin Viktoria!) die Bewohner hoffnungsfreudig entgegensahen, geschehen hier noch Mißbräuche, welche lebhaft au die Zeiten erinnern, da die Juden Polens zur Unterscheidung von ihren christlichen Mitbürgern gelbe Flecke aus ihre Röcke zu heften gezwnngen wurden. Wie bekannt, nüiffen unsere Glaubensbrüder im Königreich Polen sich gegenwärtig ausschließlich ihrer ver-

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