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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-02-07 · 6 (7.2.1896) · p. Seite 102

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
6 (7.2.1896)
Date
1896-02-07
Page
Seite 102 (sequence 10)
Language
German
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Seite 102. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 6. otische That gefeiert, und durch unseren großen Nationaldichter hat ihr die „Dichtkunst ihre Lorbeerkrone" dargebracht. Zudem muß man bedenken, daß es sich bei Mose um eine That der leicht aufbrausenden Jugend handelt: wie aber der ansgereifte Mann darüber gedacht haben mag, läßt sich ans seinem späteren Leben und ans seinen Werken leicht erkennen. Auch hat sich Mose nie, in keiner Epoche seiner Wirksanlkcit für einen Uebermenschen ansgegeben und war sich vielmehr seiner eigenen Unzulänglichkeit stets bewußt. Ja, als am Horeb vor dem „Dornbusch im Feuer" der Gottesfnnke in ihm allsgelebt, der ihn zur Befreiung seines Volkes aufries, und die Gottesflamme, die ihn auf den dornenvollen Weg dieser Sendung drängte, in ihm nicht erlöschen wollte, da zweifelte er daran, eines solch hohen Berufes auch ivürdig zu sein. (Schluß folgt). Feuilleton. Mf Mi. Nach dem Ungarischen von Sam. Lobstein. (Schluß). Nach einem langen, beschwerlichen Wege langten sie in Konstantinopel an. Da war es kein Verbrechen, Jude zu sein. Mit echt türkischer Gastfreundschaft wurden die Flüchtlinge in der Stadt der Sllltane empfangen. Ihr Ruf war ihnen voraus geeilt, und freudig gewährte der Türke Schutz und Hilfe den, Verfolgten. Am 19. August 1545 nahmen Josef Nassi, Donna Mendicia Graeia (Beatrix) und ihre beiden Töchter feierlichst den Glauben ihrer Väter wieder aus, und indem Josef das Herz der anmutsvollen — später auch als Schriftstellerin berühmten - Reyna gewann, ward ans Josef und Reyna nach drei Monaten ein glückliches Ehepaar. Wenn wir in den Aimalen der in der Türkei lebenden Juden blättern, finden wir nicht so viele empörende Momente, wie z. B. in denen der spanischen Inden; nicht solche entsetzliche Metzeleien und Episoden, ivie in denen von Deutschland; begegnen wir keinen so blutigen Gewaltakten und Räubereien, wie in denen der praktischen Engländer, lesen wir nicht so häufig von Vertreibungen und Exzessen, wie in der Geschichte der Inden Frankreichs. Wohl erhoben sich die türkischen Inden nicht bis zu jener Höhe wie die spanischen, doch waren sie nie so tief gesunken wie diese. -)lnx ein Land außer der Türkei finden wir in ganz Europa, wo die Inden das ganze Mittelalter hindurch, dem gehetzten Wilde gleich, von Land zu Land flüchtend, einer rücksichtsvollen Behandlung zuteil werden, wo Scheiterhaufen, Folterbank, Verfolgung itub allerlei Gewaltthätigkeiten nicht ihr Loos gewesen war, und dieses Land war Ungarn. Die Türkei und Ungarn verdienen also die Dankbarkeit und Sympathie der gesamten Jndenyeit. Die politische und soziale Stellung der Inden in der Türkei war seit der Verfolgung der Inden ans Spanien stets günstiger, als in irgend einem Staate Europas. Es ist bekannt, daß im großen Europa ausschließlich die Türkei es war, die den ans Spanien vertriebenen, von Hunger und Elend erschöpften Inden ihre Pforten östnete. Endlich kann es die Jndenheit nicht vergessen, daß von den beinahe 600,000 exilierten Juden nur diejenigen vom Untergänge gerettet wurden, die sich an die hochherzige ottomanische Nation um Schutz wandten. Die Ausübung von Handel und Gewerbe war den Inden in der Türkei nie verboten; in Religionssachen wurden sie sogar mit Privilegien bekleidet. So konnte z. B. der Vorstand wegen Religionsvergehen Steuern eintreiben, der Rabbi durfte nach eigenem Ermessen Strafen verhängen u. s. w. — Josef Nassi gehörte schon seiner Natur nach nicht zu jenen Menschen, welche nach den mannigfachen Veränderungen ihres Schicksals im Falle einer sich darbietenden, Ruhe verheißenden Existenz, nach dieser mit beiden Händen greifen. Ter 26jährige, heißblütige, von Ruhm träumende Jüngling war der Alaun der That. Er haßte die Ruhe und floh die Thatenlosigkeit. Sein Element war das Ringen, sein Leben der Kampf. Vor Hindernissen schrak er nicht zurück, sie spornten nur seine Kraft und stählten seinen Mut. Nur durch große Anstrengungen und Opfer gelang es ihm, in die Leibgarde ausgenommen zu werden. Drei Jahre später sehen wir ihn als gefeierten Offizier der Leibgarde. Als thatendurftiger, entschlossener, kluger und wissenschaftlich gebildeter Mann konnte er nicht lange unbekannt bleiben. Sehr bald zog er Solimans Aufmerksamkeit auf sich, der ihm den Rang eines Bey verlieh. Selim II., Solimans Nachfolger, betraute den jungen Bey mit vielen wichtigen Angelegenheiten, der mit den erzielten Resultaten oft die Erwartungen des Sultans übertras. Doch konnte des Sultans Wachsende Sympathie den Ehrgeiz Josefs nicht befriedigen. Die Stufen des Ruhmes und der Ehre sind sehr hoch, und sie einzeln zu beschreiten, war nicht Josefs Art. Er fühlte es, daß in ihm die Kraft und Energie auch zur Ausführung großer Thaten vorhanden sei und nur durch große Thaten wünschte er seinen Namen groß und gefeiert zu machen. Josef verließ ohne Wissen des Sultans Konstantinopel. Und als er zurückgekehrt, überraschte er den Sultan mit einem Geschenk, welches selbst im sagenreichen Orient zu den Seltenheiten gehörte: — Joses 'Nassi legte ein Königreich vor des Sultans Füßen. Aus eigene Kosten rüstete er ein mächtiges Kriegsgeschwader aus, womit er (1575) die schöne, fruchtbare Insel Cypern, — nach welcher der Sultan längst Verlangen trug, doch von der Republik Venedig einzunehmen nicht imstande war — eroberte. Infolge dieser glänzenden That, der weisen, kühn durchdachten Führung und seines persönlichen Mutes zeichnete sich Josef so sehr aus, daß die Gnade des Sultans keine Schranken kannte und so ernannte er den einst nnstäten ewigen Juden zum Befehlshaber der kaiserlichen Garde, zum Grasen von Andro und endlich znm regierenden Herzog von Naxos und den Cykladen. 'Nur selten besuchte 'Nassi die Cykladen, denn der Sultan, dem er unentbehrlich war, gestattete ihnr nicht, Konstantinopel zu verlassen. Nassi ernannte einen Stellvertreter, den er mit der Regierung der Inseln betraute.-— Der Ehrgeiz ist jener göttliche Funke, der den Feigert znm Helden, den Geizigen freigebig macht; der uns oft zu edlen Thaten begeistert, jedoch zur höllischen Sucht herabsinkt, sobald er die gebührenden Schranken überschreitet. Dann f- ' - '

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