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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-02-07 · 6 (7.2.1896) · p. Seite 101

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
6 (7.2.1896)
Date
1896-02-07
Page
Seite 101 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 6. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 101. nehmen, daß der höchste Gesellschaftsrang seine alten zutraulichen freundschaftlichen Beziehungen unter dem Gesindel unterhalten haben wird. Im zweiten Buch Moses wird erzählt, wie die Ebräer in Egypten geplagt, die Hilfe ihres Gottes gegen ihre Bedränger anriefen. Aus göttliches Geheiß forderte Mose die Entlassung seines Volkes von dem Pharao. Es bedurfte aber schwerer göttlicher Heimsuchungen für die Egypter, um sie zu erlangen. Und jetzt kommt der von Schopenhauer erzählte Vorgang. Ich habe vor mir liegen: 1. Die Uebersetzung der Bibel von Luther, und diese lautet hier 35/36 des Kap. 12: „Und die Kinder Israels hatten gethan wie Moses gesagt und von den Egyptern gefordert güldenes und silbernes Geräte, und sie fanden. Gunst in ihren Angen, daß sie sie ihnen liehen". (Zu welchem Zwecke sie solch' kostbares Gerät gerade bei ihrem Auszüge noch leihen wollten, scheint man sie nicht befragt zu haben). Die Luthersche Uebersetzung jedoch ist, wie oben hervorgehoben wurde, bei unserem Verfasser als „zugleich fromm und gemein" versehmt. 2. Uebersetzung der Heiligen Schrift des alten und neuen Testaments von Dr. Leander van Ehr, weil. Professor und Pfarrer in Marburg (Wien 1886) mit Approbation zwölf hoher kirchlicher Bischöfe und erzbischöflicher Behörden, welche die bezügliche Bibelstette übersetzt: „Und die Söhne Israels machten es wie Mose geredet und liehen von den Egyptern goldene Gesäße". Aber auch wohl dieser Uebersetzer würde bei unserem Verfasser keine besondere Gnade gefunden haben. 3. Uebersetzung der Heiligen Schrift mit kritischer Texterläuterung des als Bibelkritiker in der Gelehrtenwelt nicht unbekannten Dr. Ludwig Philippson: „Auch hatten die Söhne Israels gethan nach den Worten Moses, und gefordert*) von Egypten silbernes ^und goldenes Geschmeide, aber der Ewige hatte Gunst gegeben dem Volke in den Augen Egyptens und sie ließen sie fordern und räumten Egypten aus". Endlich soll auch noch Josephus das Wort haben. In seinen „Altertümern" heißt Buch U, Kap. 14—6: „So ließ denn der Pharao Moses mit den Ebräern endlich abziehen; ja man überreichte ihnen bei ihrem Abzüge obendrein noch Geschenke, teils um sie desto schneller zmn Abziehen zu veranlassen, teils als Andenken". Diese Deutung hätte einige Wahrscheinlichkeit für sich, wenn man erwägt, daß es den Egyptern vor allem daraus ankam, sich von den über sie verhängten schweren Plagen zu befreien, und durch sein Volk den erzürnten Gott selbst zu versöhnen. Wir wollen jedoch diesen verschiedenen Lesarten gegenüber das Zutreffende in der Mitte suchen, wobei wir in der glücklichen Lage sind, unseren Verfasser nicht ganz verlassen zu dürfen. Und so meine ich, daß man mit der Annahine nicht fehlgeht: daß das Gros des ebräischen Volkes, von dem hier die Rede ist, zumal wenn man die gesellschaftliche Stellung berückfichtigt, in der es sich länger als ein Jahrhundert in Egypten *) Wir bemerken, daß das hebräische Wort diese zwiefache Uebersetzung zuläßt. Red. befand, nicht nur Elemente in sich barg, „die frei von Schuld und Fehle die kindlich reine Seele" bewahrten. Aber die Versuchung war in der That auch nicht klein, nnd nachdem durch höhere Intervention der Pharao zur Nachgiebigkeit veranlaßt ward, trat ein Rollenwechsel ein. Aus den Unterdrückten wurden jetzt die Unterdrücker, die Gleiches mit Gleichem vergalten, und schließlich bei ihrem Weggange die Egypter ansbeuteten.*) Inzwischen sind Jahrtausende über dieses Ereignis hingegangen, und wenn man dem Verfasser die Frage vorgelegt hätte, ob sich seitdem das öffentliche Rechtsbewußtsein besonders geläutert, die Neigung zur Habsucht in der menschlichen Seele keinen Raum, und eine Handlungsweise wie die an den egyptischen Auszüglern hart beurteilte sich in solchen Volksschichten, und auch nur in solchen Volksschichten, seitdem nicht wiederholt habe, hätte er sie bejahen können? Wie ist es denn mit den Juden grade, und namentlich im Mittelalter und den darauf folgenden Zeitlänsen gehalten worden, als ihnen, und zwar auch in unserem deutschen Vaterlande, die Niederlassung in den verschiedenen Ländern und Ländchen, in die sie zeitweise auch gerufen wurden, allergnädigst verstattet ward, um sie zu Nutz und Frommen der Höfe auszubeuten? — Wir kommen zu Punkt 2, zur Prüfung der sich Schopenhauer dargebotenen geschichtlichen Unterlage für feine, in lapidarem Stil und in grotesker Weise gegebene Darstellung des Mose als — „Mörder". Er nimmt hierfür die biblische Erzählung selbst im 2. B. Mose, 12, an, aus der man hört, daß er einen egyptischen Frohnvogt niederfchlug, der einen ebräischen Arbeiter peinigte. Aehnliche Ereignisse haben sich indes im Laufe der Jahrtausende mehr als einmal wiederholt, und in dieser Zeiten Lauf Einzelne und ganze Nationen ihre vermeintliche oder wirkliche Bedrücker niedergeworfen. Soll ich, um ähnliche Fälle nachzuweisen, mit der grauen Vorzeit bei den alten asiatischen Völkern, soll ich bei den Römern beginnen und bis auf eine neuere Zeit, auf den Ausgang Carls 1. von England und Ludwig XVI. von Frankreich Hinweisen? Sehen wir uns in der Geschichte des Mittelalters um, und da bietet vielleicht ein „frommes Hirtenvolk" einen analogen Fall dar. Selbstverständlich wird eine böse That durch vorangegangene ebenso wenig als durch eine spätere ähnliche gerechtfertigt, nnd ich kann die That Tells ebenso wenig billigen wie die des Moses, zumal der egyptische wie der schweizer Vogt nur im Aufträge seines Machtgebers handelte. Aber steht die erstere dadurch sittlich höher, daß ihr der Charakter der Privatrache anhaftet imb sie ihrem Opfer hinterrücks den Garaus gemacht? Und doch wird sie noch heute als eine patri- *) In der aggadischen Litteratur wird dieser Streit um der Egypter Bart mit einer schönen Anekdote abgethan Sie fei hier in aller Kürze reproduziert. Eine egyptische Deputation forderte die Juden vor den Richterstuhl des großen Alexander. „Gebt uns das Silber und Gold wieder, das eure Vorfahren unseren Voreltern gestohlen haben", forderten die Egypter. „Gebt uns den Lohn für die vierhundertjährige harte Arbeit unserer Eltern im Dienste eurer Vorfahren", erwiderten die Juden. Der Richter fand, daß Egypter und Juden mit einander quitt waren. Red.

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