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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-02-07 · 6 (7.2.1896) · p. Seite 100

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
6 (7.2.1896)
Date
1896-02-07
Page
Seite 100 (sequence 8)
Language
German
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Seite 100. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr 6. Siliopfiilnuirr >>»d das J»dc»!»m. Von Robert Kuttner. II. Ich folge dem Verfasser jetzt zum Kapitel XV., „lieber Religion", und hier wird im 8 in dialogischer Form über diese Materie abgehandelt. Hierbei ist dem Verfasser das Malheur passiert, schon eine ansehnliche Strecke vorgeschritten zu sein und hierbei die Piece de resistance vollständig unberücksichtigt gelassen zu haben. Aber er erinnert sich ihrer noch gewissermaßen vor Thoresschluß. „Auch das auserwählte Volk Gottes," ruft er aus, „laß uns nicht vergessen, ivelches, nachdem es in Egypten, ans JehovahsausdrücklichenSpezialbefehlseinenaltenzutrauensvollen Freunden die ihm dargeliehenen goldenen und silbernen Gesäße gestohlen hatte, nunmehr den Mörder Moses an seiner Spitze, seinen Mord- und Raubzug ins gelobte Land antrat," und — fügt er in einer Fußnote ergänzend hinzu: — „gestohlen nämlich hatten sie diese Gesäße, wer würde auch solchem Gesindel etwas borgen?" In diesem Expose handelt es sich also um die drei Thatsachen, daß 1. das auserwählte Volk bei seinem Auszuge „ans Jehovahs Spezialbesehl die Egypter bestohlen", daß 2. Mose in der Geschichte des Exodus unserm Verfasser als „Mörder" vorschwebt, und er 3. die Auszügler unter Raub und Mord in das gelobte Land leitete, um es seinen rechtmäßigen Besitzern zu entreißen. Und in solcher Weise läßt sich also ein Mann vernehmen, den man, landläufig ausgedrückt, zu den „Gebildeten" zu zählen hat, ein Mann, der in der Wissenschaft, und zwar mit Recht, eine Bedeutung beansprucht; und über Ereignisse, die zwar nicht wie er es damit hält, unter „Religion" zu rubrizieren sind, die aber doch ihr Gebiet streifen. Wäre das nickt von solch' betrübendem Ernst, man möchte bedauern, daß uns der Verfasser ohne seine Ansicht gelassen hat darüber, welchem Umstande wohl der Umschwung in der sittlichen Anschauung Jehovahs zuznschreiben sein mag, der sich in der kurzen Zeit von etwa 90 Tagen vollzogen hat, die zwischen dem Auszüge und dem Moment lagen, in welchem auf desselben Gottes Geheiß Gebote dem Volke durch Mose verkündigt wurden, deren Bedeutung weit, weit über den Kreis des von Schopenhauer geschmähten „Gesindels" hinausgehen. Das Studium gewisser Schriften über „Ethik" u. s. w., die damals noch nicht erschienen waren, kann es ihm wohl nicht angethan haben. Für die Richtigkeit der behaupteten Thatsachen giebt er seine Geivährsmänner an, indem er sich aus Tacitus (Hist. 5—2) und auf Justinus (Eid. 36—2) bezieht. Was nun zunächst letztern anbetrifft, so gab er uns einen Auszug aus der verloren gegangenen Geschichte der alten Welt(Uistoi'iarum Philippicarum Lib. 85), dieTrogusPompejus unter Kaiser Angustus verfaßte, und der sich hierbei aus ältere egyptische, uns nicht einmal dem Namen nach bekannte Schriftsteller, oder nur aus die Bibel selbst stützen konnte. Dagegen standen dem Taeitus zur Benutzung eine „Uebersetzung der egyptischen Geschichte aus deren heiligen Büchern, die Manetho etwa um 250 v. d. ü. Z. lieferte, die ans uns aber nicht gekommen ist. Aber in der Polemik Iosephns c,/a. Apion sind davon kurze Auszüge gegeben, woraus wir entnehmen, daß Manetho seine, ans die egyptischen Ebräer bezüglichen Mitteilungen, Sagen, Mythen und Fabeln zu Grunde legte. Es lagen dem Tacitus vielleicht auch einige, uns vollständig unbekannt gebliebene Schriften der Alexandrinischen Grammatiker vor, und unter diesen die des ignoranten „Klassikers", oder richtiger klassischen Ignoranten Apion, dessen bedeutendstes Werk anscheinend der Aufruhr geblieben ist, den er unter Calignla gegen die Jndäer in Alexandrien ins Werk setzte. Welche Quelle aber auch Tacitus benutzt haben mag, über die Thatsache in Rede scheinen sie ihm kein Wort geliefert zu haben, da weder in seinem, vom Verfasser angegebenen fünften Buch, den Historien, noch auch an anderer Stelle ihrer erwähnt wird. Es werden vielmehr in unserem 5. Buche einige nicht sehr breite Ausführungen über den Exodus gemacht, wobei er sich ans seine „meisten Erzähler" beruft. Wenn nun unser Verfasser für seine Behauptungen sich mit ganz besonderem Nachdruck gerade auf Tacitus bezieht, so kann es einzig in der Absicht geschehen sein, sich von ihm selbst seine Abneigung gegen die Jndäer attestieren zu lassen. Allein der große römische Historiker befand sich schon vom Standpunkt seiner Staatsreagenz mit seinen Ansichten in schroffem Gegensatz zu dem von den Judäern festgehaltenen und nachdrücklichst verteidigten Monotheismus und ihrer den Römern nichts weniger als sympathischen, nüchternen und mäßigen Lebensweise. „Bacchus hat ja festlichen und fröhlichen Brauch angeordnet; der Jndäer Weise ist sonderbar und abstoßend." (Hist. V, 5). Es blieb somit für unseren Verfasser, wenn es ihln auf ein unbefangenes Urteil und nicht vielmehr darauf ankam, geflissentlich den „Splitter in des Nachbars Auge" zu suchen, nichts weiter als die Bibel selbst übrig, die uns die Geschichte des Exodus in pragmatischer Weise giebt und es daher wohl beanspruchen darf, ein wenig mehr aus Treue und Glauben genommen zu werden als seine Gewährsmänner. Schopenhauer bezeichnet das Verhältnis der Egypter zu dem ebräischen Volke, das unter ihnen gelebt, als ein „zutrauensvoll freundschaftliches", was aber nirgends, weder in der Bibel noch auch in einem anderen uns bekannten Geschichtswerk bestätigt wird, was er gleichwohl behaupten muß, um seiner weiteren Behauptung „die abziehenden Ebräer hätten diese ihre zutranensvoüen Freunde zum Abschiede hintergangen und ihnen goldene und silberne Gefäße gestohlen" gewissermaßen Platz zu machen, und so seinem Bilde den beabsichtigten Effekt zu sichern. Allein schon einige Zeilen weiter kommt seine Behauptung zu Falle in dem Ausruf: „Wer wird auch solchem Gesindel etwas borgen!" Aus leicht erklärlichen Gründen würden sie nämlich die Gold- und Silberschähe nicht bei den armen, also untersten, sondern höchstwahrscheinlich bei den sogenannten oberen Zehntausend gesucht und sie diesen „gestohlen" haben. Bei der geschichtlich bekannten strengen Absonderung der altegyptischen Gesellschaftsklassen gegeneinander ist aber wohl nicht anzu-

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