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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-02-07 · 6 (7.2.1896) · p. Seite 99

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
6 (7.2.1896)
Date
1896-02-07
Page
Seite 99 (sequence 7)
Language
German
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Nr ß. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 99. auf Athen beschränkt und bei den Römern waren es die „Penaten", Hausgötter, deren Macht sogar über die Jupiters ging. Dagegen wandte sich das Judentum. Der Prophet Mose sagte: „Höret, Himmel, itnb ich will reden, und vernehme es, Erde!" Bei den Griechen im Monolog der Elektra, welcher au Schönheit den ersten Monolog der Iphigenie weit übertrifft, heißt es: „O heiliges Land und erdumgürtete Lust." , Ihr Gesichtspunkt reichte also nicht über den eigenen Horizont hinaus. Ter Prophet Jeremias wird jedoch zum „Nabi hagojini", zum Propheten aller Stationen, berufen. Ein anderes völkerpsychologisches Faktum. Tie Völkerpsychologie kann keine eigenen Thatsachen erfinden, sondern nur ans den bekannten Ereignissen durch Vergleichung mit anderen Völkerit die richtigen Schlüsse ziehen. Fast alle Kulturvölker, wie Egypter, Perser, und insbesondere die klassischen Völker, die Griechen und Römer, haben Töchterknlturen gegründet, als sie zu Grunde gingen. Seit der Renaissance haben wir zrrm Maßstab unseres Schönheitsideals die griechische Anschauung über Schönheit gemacht, und in der Philosophie, besonders in der Geschichte des Werdens ihrer eigenen Forschung spielt die griechische Philosophie noch heute eine bedeutende Rolle, und in der Kriegsführnng mancher Völker nimmt noch heute die „Phalanr" einen großen Platz ein. Noch mehr hat die römische Kultur die Tendenz der Umbildung verfolgt. Man ist heute endlich dabei, für das Deutsche Reich ein bürgerliches Gesetzbuch zu verfassen, welches dem germanischen Rechtsbeivußtsein Rechnung tragen soll: bis dahin hat bei uns, wie in vielen anderen Ländern, das römische Gesetzbuch, vermischt mit den altgermanischen Rechtsanschaunngen, geherrscht. Aber keines der Völker hat Töchterreligionen hervorzurufen gewußt, einzig und allein dem Judentum ist dies gelungen. Und wie viel idealer Gehalt ist nicht von der Mutterauf die Tochtereligion übergegangen! Werden nicht heute noch Millionen von Kindern, welche außerhalb des Judentums stehen, in der biblischen Geschichte unterrichtet, und ertönen die Psalmen nicht auch in den Kirchen und Moscheen? Aber umgekehrt darf auch die Rückwirkung der Tochteraus die Mntterreligion nicht gering geschätzt werden. Es sei darauf hingewicsen, daß die Blüte der biblischen Wissenschaft in den letzten 100 Jahren nur bei den Protestanten zu finden ist. Welches ist bei: innerste Grund für diese beispiellose Zähigkeit? "Run, die Geschichte giebt uns Antwort: es ist die Kontinuität des Geistes, die stetige Ueberlieferung des Geistes von Geschlecht zu Geschlecht. Noch heute, nach so vielen tausend Jahren, segnet der jüdische Familienvater oder die Mutter die Kinder mit den Worten: „Gott lasse Dich werden wie Ephraim und Manasse", mit diesem uralten Segen des Patriarchen Jakob. Als Boas die Ruth heiratet, kommen seine Freunde und beglückwünschen ihn mit den Worten: „Es möge werden Dein Haus, wie das Haus des Perez", eine Geschichte, welche über 1500 Jahre zurück spielt. Im Talmud findet sich folgende dunkle Stelle: Rabbi Gamliel, der Sohn Jehndas Hanasi sagte: Wer sich mit öffentlichen Dingen beschäftigt, thne es um der Sache willen, und das Verdienst der Väter stehe ihm bei. Ich sichere euch großen Lohn, als ob ihr es selbst gethan habt". Was bedeutet diese Stelle? Der Talmud spricht hier von der Kulturarbeit, welche um ihrer selbst willen ausgeübt werden muß. In der Kultur giebt es keinen sprnngweisen Fortschritt. Alles muß auf die Ueberlieferung anfgebaut werden. Das heißt: Und das Verdienst der Väter steht ihnen bei. Aber auch in späterer Zeit werden andere kommen, welche ans die von euch gewonnenen Resultate weiter arbeiten werden. Dies nreint der Talmud mit den Worten: Und ich sichere euch großen Lohn, als ob ihr es gethan habt: man wird eurer gedenken. Also auch hier finden wir das stete Fortschreiten der geistigen Ueberlieferung von Geschlecht zu Geschlecht. Aber, wird man fragen, findet sich diese Kontinuität des Geistes nicht auch bei anderen Völkern? Ein Beispiel möge genügen. Die Deutschen gelten heute mit Recht als das erste Kulturvolk der Welt, und bekanntlich erlebte die deutsche Litteratnr im 12. und 18. Jahrhundert ihre erste Blütezeit. Wer kennt heute nicht Dichter wie Wolfram von Eschenbach, Walter von der Vogelweide und Gottfried von Straßburg? Und doch vor 150 Jahren waren in ganz Deutschland nicht drei Männer, welche etwas von diesen Dichtern wußten und nicht einer war imstande, ihre Gedichte zu lesen. Erst in unserem Jahrhundert ist der historische Sinn rege geworden. Höchst bezeichnend für die Charakteristik der verschiedenen Völker sind auch ihre Erzählungen von der Herkunft ihrer Gründer. Bei allen Stationen schwebt der Begründer in Lebensgefahr, wahrscheinlich wollte man damit sein Ansehen erhöhen. Bei den Römern wird der dem Tode preisgegebene Stammheros von einer Wölfin gerettet. Die römische Nation hat den Wolfscharakter in ihrer ganzen Geschichte beibehalten: und der fast verhungernde Gründer der sanften, ruhigen griechischen Station wird von der sanften Ziege gesäugt. Auch der Begründer der jüdischen Nation, Mose, schwebt in Lebensgefahr. Aber wer ist es, der ihn vom Verhungern rettet? Seine eigene Mutter ist es, die ihn auszieht. Ist hier nicht die ganze Eigentümlichkeit des jüdischen Volkes, sein von allen Seiten anerkannter bedeutender Familiensinn angedeutet? Und mm zum Schluß sei noch ans eine Thatsache hingewiesen. Bei fast allen Völkern finden wir die Vorstellung von einem goldenen Zeitalter, welches einmal gewesen. Auch bei den Juden findet sich diese Vorstellung in der biblischen Erzählung vom Garten Eden ansgedrückt. Aber in der ganzen Litteratnr, bei keinem' Propheten unb bei keinem Psalmisten, wird wieder auf dieses Paradies der Vergangenheit znrückgegriffen. Dagegen ist in der Litteratnr der Propheten und Psalmisten wohl von einem goldenen Zeitalter später die Rede, aber, und dies ist das Charakteristische, das Paradies liegt nicht in der Vergangenheit, sondern wird erst in Zukunft erstehen. Eine weitere Eigentümlichkeit dieses goldenen Zeitalters ist es, daß es nicht nur die eigene Volksgemeinschaft, sondern die ganze Menschheit umfassen wird. So finden wir beim Judentum den Gedanken der Universalität, getreu seiner Bestimmung, sowohl am Anfang, wie am Ende ansgedrückt.

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