Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-02-07 · 6 (7.2.1896) · p. Seite 98

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
6 (7.2.1896)
Date
1896-02-07
Page
Seite 98 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/4794838-9609712-9609817--1148-9609823
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 98. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 6. falsch berichtet, wenn er auch dieser Funktion eine Schädigung des Religionsunterrichtes zuschreibt. Herr Dr. Singer hat sich auch nicht gescheut, in andern Dingen Unwahres mitzuteilen, wodurch wir Lehrer verunglimpft werden. Er beschuldigt uns ausdrücklich der religionsgesetzwidrigen Ausübung geistlicher Aemter. Es ist die Abhaltung von Beerdigungen und Trauungen gemeint, Thätigkeiten, zu deren Vollzrehung wir uns nie drängen, um die man uns in jedem Einzelfalle besonders bittet, für deren Unterlassung unsere Gemeinden dem meilenweit entfernt wohnenden Rabbiner schwere Bezahlung zu leisten hätten. Wir Lehrer sind aber — und das muß ein Rabbiner wissen! — berechtigt, solche geistliche Aemter zu verrichten. Denn nach mosaisch-talmudischem Recht ist es jedem Inden gestattet, diese Thätigkeiten zu vollziehen, wenn er die einschläglichen Religionsvorschriften kennt. Daß wir Lehrer diese kennen, dafür birgt unser beim Abgänge vom Seminar empfangenes Religionszeugnis. Wir Lehrer wissen auch mit den Vorständen unserer Gemeinden, daß es dem Rabbiner bei derartigen Angriffen auf uns mehr aus den Lohn als ans die That ankommt. Daß es der Herr Rabbiner Dr. Singer sehr leicht mit der Wahrheit nimmt, erhellt auch aus dem Umstande, daß er in seiner Petition zwar verklauselt, aber deswegen nicht minder hart, uns Lehrer der häufigen Unfähigkeit zur Aufstellung eines Lehrplanes und der häustg mangelnden pädagogischen Befähigung bezichtigt. Zur Keunzeichnung dieser Aussage gestatte ich mir, mitzuteilen, daß dieser Herr noch niemals eine unserer Schulen besucht hat und demnach durchaus nicht in der Lage ist, nach dieser Seite ein Urteil über uns fällen zu können. Ein Fachmann würde ein derartig keckes Laienurteil gewiß niemals aussprechen. Auf Grund dieser Ausführungen und mit Rücksicht auf andere, das Amts- und Privatleben des Dr. Singer betreffende Vorkommnisse, fühle ich mich gedrängt, namens der jüdischen Lehrer unseres Bezirkes, Euer Excellenz unterthänigst zu bitten, den Rabbiner der Stadtgemeinde Coblenz, Herrn Tr. Singer, der unsere Achtung und unser Vertrauen in solch geringem Maße besitzt, mit der Inspektion der jüdischen Religionsschulen unseres Bezirkes nicht zu betrauen. Euer Excellenz unterthänigster Julius Ransenberg. |)i)llicrt)fi)il)0lpgi(d)c iktrnditiingrn iiliit das Iudtntm. Nach einem im Litteratur-Verein gehaltenen Vortrage vom Geh. Regierungsrat Prof. Dr. Lazarus. Es ist heutzutage wohl kaum mehr nötig, vor einem gebildeten Publikum einleitende Bemerkungen über das Wesen der Völkerpsychologie zu machen. Allerdings giebt es noch keine systematische Darstellung der Wissenschaft, doch ist dies nicht zu bedauern, im Gegenteil, er steht nicht an, dies für ein Glück zu erklären. Vor mehr als vierzig Jahren, bei ihrer Gründung, ist die Wissenschaft in weiteren Kreisen noch unbekannt gewesen. Jetzt hat sich das geändert in dem Maße, daß es wohl kaum ein historisches, juristisches, ja noch weit mehr sozialpolitisches Werk giebt, das nicht völkerpsychologische Betrachtungen enthielte. Selbst jede Zeitung, welche Vergleiche über den Charakter der verschiedenen Völker anstellt, steht damit auf völkerpsychologischem Boden. Als ich vor nunmehr vieruudvierzig Jahren die Wissenschaft gegründet und ihr selbst den Namen gegeben, habe ich nicht geglaubt, daß ich noch die heutige Ausdehnung derselben erleben würde. Ich muß also hier ein doppeltes Bekenntnis ablegen: erstens, daß ich Begründer der Völkerpsychologie und ferner, daß ich ein Jude sei. Das letztere ist kein Zufall, denn beides gehört zusammen: Nur auf dem Boden des Judentums konnte die Wissenschaft der Völkerpsychologie entstehen, welche nicht wie sonst nur den einzelnen Menschen, sondern das ganze Volk in den Kreis ihrer Betrachtungen zieht, ja über das eigene Volk hinausgeht. Alle Völker des Altertums, insbesondere die klassischen, betrachten in ihren Legenden und Allegorien nur die eigenen Völker, die anderen Nationen sind für sie stumm, welches ja die eigentliche Bedeutung des Wortes „Barbaren" ist. Etwas anderes ist es im Judentum. Die Ausstellung einer Völkertafel ist schon ein bedeutendes völkerpsychologisches Faktum: noch bedeutender ist der Ausspruch Genesis 5, 1: „Dies ist die Geschlechtsfolge des Adam". Mit Recht sagt der Talmudlehrer Ben Asai, daß dieser Ausspruch weit über den Grundsatz „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst" geht. Daß es eine Menschheit giebt, daß sie einen Schöpfer hat, das ist das große völkerpsychologische Faktum, dies ist der große Fortschritt gegenüber dem Barbarentum der Griechen. Die heutigen völkerpsychologischen Betrachtungen kann ich nur als einen kleinen Ausschnitt aus einem großen Kreise bezeichnen. Als Ziel der völkerpsychologischen Betrachtung des Judentums ist die Stellung desselben im idealen Haushalt der Menschheit anznsehen. Zu diesem Zweck muß mau aber genau den idealen Haushalt der Menschheit kennen. Ich will mich aber nur darauf beschränken, einige völkerpsychologische Fakta aus dem Judentum mitzuteilen. Als die Menge der Nachkommen Jakobs aus Egypten zog, da hat sie kaum den Namen „Volk" verdient, denn von einer staatlichen Organisation kann man wohl nicht gut sprechen. Auch ihr erster Führer ist durchaus kein Organisator gewesen. Die erste Organisation, welche das Volk erhalten, stammt von seinem Schwiegervater, einem Nichtjuden. Diese Erzählung der Bibel beweist, wie sehr man im Judentum an die Selbstkritik gewöhnt war. So offen wie in der Bibel haben Völker über ihre eigenen Vorzüge vielleicht nie geredet. Kaum irgend ein Volk hat so strenge Abschließnngsmaßregeln gegenüber den anderen Völkern gehabt, als in der jüdischen Gesetzgebung vorgesehen waren. Man hat vielfach dein Judentum diese Abschließung zum Vorwurf gemacht, aber die Juden mußten sich abschließen, um universal zu werden. Da alle Völker national waren, mußte sich eines von. den anderen trennen, damit es zur Universalität gelange. Nach einer Erzählung des Talmuds wurde dasselbe Gesetz, das die Juden erhalten, in siebzig Sprachen gegeben und nach der Ansicht des Talmuds gab es damals überhaupt nur siebzig Sprachen. Dem einen Volk mußte es gegeben werden, damit es alle erlangen. Dieser universalistische Gesichtspunkt reicht bis in die früheste Zeit hinauf und ist nicht nur bei den Propheten vertreten. Alle Götteranschaunngen hatten den Fehler, daß sie den Göttern nur eine lokale Macht znschrieben. Bei den Griechen war Pallas Athene in ihrer Macht nur

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.