Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 6 (7.2.1896)
- Date
- 1896-02-07
- Page
- Seite 94 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 94 Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. (>. pädagogische Thätigkeit des Gemeinderabbiners, ist in den meisten Gemeinden der Lehrer oder Kantor eine Null, die, wie in der Arithmetik, an sich nichts gilt und nur zur Erhöhung des Wertes der ihr vorstehenden Ziffer verdammt ist." So schaut das Bild in den sogenannten Rnbbinatsgemeinden ans. Es hieß dann weiter: „In seiner ganzen Kraßheit und Unhaltbarkeit tritt dieses Mißverhältnis in den Gemeinden zutage, die einen Rabbiner nicht besolden können. Da stolziert während des ganzes Jahres der Knltnsbeamte für Alles im Bewnßtseill seiner Würde einher. Einen hochgeknöpften schwarzen Rock ans dem Leibe, eine altväterisch weiße Kravatte um den Hals, einen breitkrämpigen hohen Hut auf dem Haupte auch an Werktagen — jeder Zoll ein Pfaff. Hohe Feiertage in Israel, freudige Anlasse in der Gemeinde führen der: Mann ans die Kanzel. Auf feinen Visitenkarten nennt er sich „Prediger", in unbewachten Augenblicken „Rabbiner", von nichtjüdischen Freunden wird er „Herr Doktor" genannt.- Eines Tages stürzt aber die ganze Herrlichkeit in Trümmer: Dem Herrn Protz ist jemand gestorben, bei Herrn Plutns muß einer heiraten — der Prediger aus der Synagoge ist ihm ketk Redner für's Haus („Was würde wem Freund, der Kanzleirat Schulze sagen!") — er verschreibt sich einen benachbarten wirklichen Rabbiner und wirklichen Doktor — und abseits steht der Kultusbeamte für Alles mit seinem hochgeknöpsten schwarzen Rock und der altväterisch weißen Kravatte. Der Gast ist die Sonne, um die sich alles bewegt, und der bestallte Beamte das, was wahrscheinlich sein Kollege in der Gemeinde des Gefeierten: Eine Null. Daß nun diesem Beamten nicht blos das „Geschäft," sondern auch das „Vergnügen" verdorben ist, das ist menschlich und darum erklärlich!" Auch dieses Silhouett ist frei nach der Natur gezeichnet. Es zeigt in seinen Umrissen die Veranlassung zu dem Kompetenzstreite, der jetzt am Rhein vor der Oeffentlichkeit, der in Altpreußen unausgesetzt — im geheimen geführt wird. Wie ist dieser Kriegszustand zu beschwören? A. L. Miffm'ntiüiiiu*. II. Sehen wir nun, wie das allgemeine Zeitbild sich in dem Wassertropsen, den man die Judenheit nennt, abspiegelt. Seit dem Untergange des alten Staates war bei den Juden keine Veranlassung vorhanden, die kirchlichen Intentionen init materiellen Interessen zu verknüpfen. Außer einigen besoldeten Rabbinern, Vorsängern, Schächtern und Religionslehrern, die ein klägliches Einkommen aus der Frömmigkeit zogen, hatte niemand einen irdischen Vorteil von seiner Treue an dem Glauben zu erwarten. Unsere Priester hatten keine Tiara zu erhoffen, unsere Führer kein reiches Leben zu empfangen, wohl aber Schmach, Druck, Verfolgung und Elend infolge ihrer Anhänglichkeit an dem Glauben, der ihnen Opfer über Opfer auferlegte. Wenn irgendwo ein religiöser Jndiffereutismus eine Art von Berechtigung sich vindizieren dürfte, so wären unsere Vorfahren im Mittelalter am entschuldbarsten gewesen, wenn sie aller Religiosität entsagt hätten, da ihnen dies Unheil, welches der Glaube anzurichten vermag, nahe genug und in empfindlicher Weise an den Leib gerückt war. Und doch gehörten gerade sie zu denen, die die lodernde Flamme stets wach und rege hielten, die eine beispiellose Begeisterung für den Glauben an den Tag legten, der gegenüber das Soldatenspiel der Kreuzzügler wie eine gemalte Sonne gegen das glühende Tagesgestirn sich verhielt. Woher kam das? Erstlich und unzweifelhaft war das eine Folge jenes notwendigen Gesetzes unserer geistigen Natur, nach welchem der Kampf und Widerstreit die Kräfte, die angegriffen werden, zu einem um so mächtigeren Widerstande ausreizen. Das Bewußtsein, Unrecht leiden zu müssen, verleihet größere Tragkraft als irgend eine unangefochtene Ueberzeuguug. Aber es war noch ein zweites Moment, das hierbei mitwirkte, und das war wiederum die Identifizierung der Religion mit einem Interesse, ivenn auch nicht mit einem materiellen, es war wiederum eine Art von Eigennutz, aber ein edlerer Eigennutz, dem es um einen höheren, einen geistigen Gewinn, um die Rettung eines Gutes zu thun war, das fein Jnguisitionstribuual den Inden zu rauben vermochte. Das war der Schatz — man lache nicht darob — der Schatz theologischer Kenntnisse, den sich jeder einzelne Jude anzueiguen strebte. Um dies zu würdigen, muß man sich eine eigentümliche psychologische Erscheinung gegenwärtig halten, der wir auch in anderen Kreisen begegnen. Die Mühen, die man sich um die Erwerbung gewisser Kenntnisse gegeben hat, erzieht Fanatiker des Konservatismus. Man beobachte einmal einen Juristen, der im Schweiße seines Angesichtes die Tausende von Paragraphen seines Kodex eingepaukt hat, wenn es sich um eine Reform des Gesetzes handelt; man lese nur, welche Anstrengungeu die alteu Scholastiker machten, um ihre alten Formen und Formeln für die Schlußfiguren zu erhalten, und wie schwer es hält alte Schriften aus den Schulen zu verbannen. „Wie? Alles das, an welches wir die Mühen des Tages, den Schlaf so vieler Nächte gewendet, sollte wie ein Nebelbild zerfließen, wie eine Seifenblase platzen! Was wir erklügelt und erdacht, unter unsäglichen Opfern errungen und erbeutet, sollte eiu Phantom znm Substrate haben, und all die Arbeit wäre an eine Formel verschwendet!" Dabei wird natürlich auch der Ehrgeiz engagiert, die Autorität, die mau durch Gelehrsamkeit errungen, liegt in Scherben, wenn diese Gelehrsamkeit selber den Wert verliert, und sie verliert ihn, wenn die Religion nicht mehr die Achtung genießt, welche die Urheberin dieser gelehrten Bestrebungen war. Wem noch ein altjüdisches Gemeindeleben in Erinnerung ist, der wird uns beipflichtea, daß die allgemein verbreitete Kenntnis der Theologie die Erhalterin der Religion war. Tie gottesdienstlichen Vorträge gestalteten sich zu öffentlichen Disputationen, an denen jeder halbwegs ehrbare Familienvater teilnehmen wollte. Hielt der Rabbiner eine Drascha, so wurde das Thema mehrere Tage vorher publiziert, es ward ein Blatt aus der Riesenbibliothek des Talmuds „ausgegebeu", wie der technische Ausdruck lautete. Damit war aber alles, was Jude heißt, zum Turniere eingeladen, der Vortragende Rabbiner forderte sein Jahrhundert in die Schranken und mit eingelegter Lanze stürmten die Disputanten auf ihn ein, die er alle in den Sand strecken mußte. Natürlich wollte jedes Ritterlein