Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 5 (31.1.1896)
- Date
- 1896-01-31
- Page
- Seite 88 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 88. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 5. römischen und der griechischen Kirche. Leibnitz wollte die Katholiken und Protestanten wieder vereinigen, der preußische König Friedrich Wilhelm Hk. brachte vom grünen Tische aus eine Vereinigung des lutherischen und kalvinistischen Bekenntnisses zustande. Schon früher wollte David Friedländer eine Verschmelzung des Judentums mit dem liberalen Berliner Christentum zuwege bringen. Alle diese Wünsche sind gescheitert und die kleineren Erfolge, die sie hatten, waren von schädlicher Wirkung, denn sie haben entweder den Sektengeist gefördert oder den Feinden der Universalreligion Verstärkungen zugesührt. Aus dieser Erkenutnis ist die lebhafte Opposition zu erklären, welche die Aufforderung Dr. KrauSkopf's in Philadelphia, durch Abschaffung der spezifisch jüdischen Feste und der Beschneidung sowie durch Förderung von Mischehen die ersehnte Einigung herbeiführen, gefunden hat. Das Judentum hat innerhalb seiner Grenzen noch eine große Aufgabe zu erfüllen, bis ein solcher Traum zur Wirklichkeit werden wird." — Dr. Berkowitz von Philadelphia, ein Schwager Krauskopfs, hat nicht Anstand genommen, dem Träumer entgegenzutreten. Er sprach jüngst im Tempel Beth-El in New Jork als Gast und streifte den Rat Krauskopfs, der wie mitgeteilt, darin bestand, daß die Juden alle jüdischen Gebräuche und Zeremonien abschaffen, ihr Neujahrsfest mit dem weltlichen, ihre Erntefeste wie Sukoth mit dem Danksagungstage vereinigen, das heißt alles spezifisch Jüdisch-Religiöse abstreifen und sich dann mit den freisinnigen Christen, die die Göttlichkeit Jesu und sonstige christliche Dogmen abgeworsen haben, zu vereinigen — wie folgt: „Die religiös Freisinnigen unserer Tage, welche die Verschmelzung aller Konfessionen befürworten, sind von der gewaltsamen Methode zur friedfertigen übergegangen. Aber der Zweck ist der gleiche. Das Verlangen ist nach einer vorsätzlichen Vernichtung aller individuellen Kraft, welche das Produkt einer großen Vergangenheit ist. .Werfe weg dieses Familienerbstück, cs ist ein abgetragenes Spielzeug; verbrenne dieses alte Schlachtpanier, es ist blutbespritzt und in Fetzen; hier ist ein neues mit blendenden Farben!' Wenn jemand Sie solchermaßen anredet, verwundet er Sie in dem tiefsten Innern Ihrer Seele. Seine Fahne mag Ihrem Auge gefallen, sein Programm mag Sie blenden, aber Ihr Herz widerstrebt diesem ganzen Trompeten - Geschmetter, das mit seinem Spektakel die reinsten, süßesten und erhabensten Gefühle Ihrer Seele tötet." — Den „Geist des Judentums" beleuchtete vor einiger Zeit eine Amerikanerin, Fräulein Josephine Lazarus in einer kleinen Broschüre, die einiges Aufsehen und viel Widerspruch hervorgerufen hat. Wie der Traum des Herrn Krauskops, so ist die Schrift des Fräuleiu Lazarus nichts als ein Liebäugeln mit dem Christentum. Daß die jüdische Presse und die jüdische Kanzel gegen diese Schrift austreten, ist ja begreiflich; von echt amerikanischem Geiste zeugt aber die Thatsache, daß ein christliche r Theologe, der Unitarierprediger Rev. John W. Bhadwick von seiner Kanzel herab die missionierende Dame abgekanzelt hat. Wie uns unser New-Parker 8t.- Korrespondent mitteilt, sagte der Geistliche in einer seiner jüngsten Predigten: „Wißt Ihr, daß als ich das Buch las, ich mich in den Gedankengang des Juden hineinlebte, und fast fielen von meinen Lippen^ höhnische Worte der Mißbilligung und Abweisung, wie die folgenden: „Nein, nein und tausendmal nein! Bei all den Zurücksetzungen meiner Brüder in der Vergangenheit, bei all den Beschimpfungen und Beleidigungen, die sie erduldet und erlitten, bei den Verfolgungen und Landesverweisungen, bei des Ghetto's erbärmlicher Hölle: dieses Volk soll mein Volk sein, ihr Gott mein Gott. Wenn Jesus, der ein jüdischer Prophet war, ein höher strebendes Wort für mich hatte als Jeremias und Jfaias, so will ich es zu Herzen nehmen, aber als Jude will ich lauschen, wie er als I u d e spricht. Eine Rasse sind wir nicht, wie das Eure Antisemiten vorgeben, wenn sie ihre Böswilligkeiten entschuldigen wollen; aber wir sind ein Volk auserwählt seit zwei tausend Jahren des Kampfes für unsere Existenz, der Verachtung und der Schande, der Wut und der Verbitterung, und ein Volk wollen wir bleiben — wenn auch weniger elend isoliert als wir waren, desto besser, aber loyal unserer Tradition unsagbaren Duldens und Elends wollen mir bleiben bis ans bittere Ende, wenn es eben bitter bleiben muß." — So spricht ein christlicher Geistlicher in Amerika! Kier und dort. — Der Humanitäts-Verein „Linath Hazedek" (Vors. Kunz) feiert an: 2. Februar im Hotel Imperial Unter den Linden sein Stiftungsfest im großartigen Maßstabc. Theatervorstellung, Tanz, Prolog, Ansprache, humoristische Vorträge u. s. w. werden einander abwechseln. Die Freunde, Gönner und Mitglieder des Vereins wissen wie schön diese Feste sind und deshalb darf der Verein aus ein volles Haus rechnen. Mit Billets, welche im Central-Bureau Rochstraße 15 und bei Herrn S. Berglas, Gr. Hamburgerstc. 381 zu haben find, wolle man sich rechtzeitig versehen. — Die „Agitations-Kommission des Vereins für jüdische Geschichte und Litteratur" wird auch in diesem Jahre ivieder eine Purimfeier veranstalten und zwar mit Souper und anschließenden: Tanz. Geplant ist außerdem eine Aufführung, zu welchem Zweck eigens ein „Stücklein" geschrieben wird. — Vor dem Schöffengericht in L a b i s ch i n fand vor kurzem die Hauptverhandlung gegen die beiden Vorsteher der dortigen Gemeinde, sowie gegen den Kantor Julius Rosenblum statt. Die Erstgenannten hatten am 21. Mai v. I. den Kantor nach Labischin berufen, nachdem derselbe vorher 24 Jahre lang (18(19—1893) das gleiche Amt in Wollin (Ponnnern) bekleidet hatte. Auf das Gesuch des Vorstandes an den Regierungspräsidenten zu Bromberg, der Anstellung die Genehmigung zu erteilen, wurde erstercm seitens der Polizeiverwaltung eröffnet, daß seinen: Anträge keine Folge gegeben werden könne, da Rosenblum, in Rußland geboren, die preußische Staatsangehörigkeit nicht besitze. Dieser Bescheid ging dem Vorstande am 15. Juli zu, derselbe ließ jedoch Rosenblum noch bis zun: 1. August im Amte. Hierdurch machte er sich der Verletzung des £ 71 des Gesetzes vom 23. Juli 1847 schuldig. Die beiden Vorsteher als auch der Kantor wurden zu je 60 Mark Geldstrafe verurteilt. — Der Düsseldorfer „Verein zur Verbreitung und - Förderung der Handwerke unter den Juden" erstattet soeben Bericht über das fünfzehnte Jahr seines Bestehens. Die Wohlthaten des Vereines genossen während des Berichtjahres 103 Zöglinge, von denen 24 in: Düsseldorfer, 18 in: Kölner Lehrlingsheim, die übrigen bei Handwerksmeistern untergebracht waren. Ihre Lehrzeit beendeten 12, neu ausgenoulincn wurden 23 Lehrlinge. — Eine interessante Verö ssentlichung steht bevor: das Erscheinen des Tagebuchs eines Deutschen, der die